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Kein Mittel gegen das Vergessen

Demenz trifft auch immer mehr Dresdner. Die Stadt fördert deshalb ein deutschlandweit einzigartiges Projekt.

© Sven Ellger

Von Juliane Richter

Anfangs belächelt so mancher Angehörige die Suche nach dem Schlüssel oder dem Portemonnaie. Die Mutter, die Ehefrau oder der Großvater sind eben einfach etwas durch den Wind. Doch dann sucht der Betroffene immer öfter, verliert die räumliche und zeitliche Orientierung, verhält sich vielleicht sogar plötzlich aggressiv. Die Diagnose lautet dann häufig Demenz. In Dresden sind derzeit etwa 11 000 Menschen davon betroffen, Tendenz steigend. Sandrine Augustin vom Dresdner Pflege- und Betreuungsverein glaubt, dass die Dunkelziffer bei Weitem höher liegt. Die Sozialpädagogin arbeitet täglich mit dementen Klienten, erlebt sie im Verein und bei Hausbesuchen.

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Sie weiß, mit welcher Wucht die psychische Erkrankung, bei der Gehirnzellen absterben und der Patient immer mehr vergisst, alles verändert. Nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei den Angehörigen. Weil diese oft mit der Situation überfordert sind, bietet der Verein einmal monatlich kostenlose Grund- und Aufbauschulungen für Privatpersonen an. So auch in der vergangenen Woche.

15 Personen sind in die Räume im Gorbitzcenter gekommen. Die Vorstellungsrunde läuft offen ab: Eine Frau kümmert sich seit Jahren um die demente Mutter, eine andere sagt: „Mein Mann ist vergesslich“. Und ein Ehepaar berichtet stockend, dass einer der Väter vor zwei Wochen die Diagnose Alzheimer – die häufigste Form von Demenz – erhalten hat. Viele von ihnen sind bei dem Thema schon an ihre Grenzen gekommen und erhoffen sich Empfehlungen, wie sie in schwierigen Situationen reagieren sollen.

Sandrine Augustin muss sie enttäuschen. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Grundsätzlich gilt aber: Ruhe bewahren, sich auf den Betroffenen einlassen, zuhören und sich immer vor Augen führen, dass der Betroffene durch die Krankheit eine ganz eigene Wahrnehmung hat – die für sein Gegenüber oft total unlogisch erscheint. So hat eine Klientin schon vollkommen aufgelöst im Verein angerufen, weil sie in ihrem Badezimmer einen Einbrecher gesehen hatte. Dass ihr das eigene Spiegelbild wiederholt einen Schrecken eingejagt und sie sich selbst nicht mehr erkannt hat, ist schwer zu glauben. Eine Kollegin hat schließlich den Spiegel abgenommen und so das Problem gelöst. Belächeln darf man die Ängste der Dementen nicht. „Die Gefühle und das Erleben sind von der Krankheit nicht betroffen. Die Dementen merken, wenn ihr Gegenüber sie nicht ernst nimmt, verärgert oder ungeduldig ist oder vielleicht sogar lügt“, sagt Augustin. Aber welche Antwort gibt man der über 80-jährigen Mutter, wenn sie immer wieder zu ihrer eigenen, längst verstorbenen Mutter will? Die Wahrheit will sie nicht akzeptieren und wird wütend. Weicht die Tochter aus, merkt sie es.

Die Demenz wird in drei Stadien eingeteilt: leicht, mittel und schwer. „Manche leben bis zu 20 Jahre gut damit, und die Krankheit verläuft langsam. Andere durchlaufen in drei, fünf oder sieben Jahren alle Stadien“, so Augustin. Für die Angehörigen stellt sich immer die Frage: Wie lange kann der Demente noch in den eigenen vier Wänden leben? Wann wird es gefährlich, wann sollte er ins Heim? Bis zu sieben Feuerwehreinsätze pro Woche gehen in Dresden auf Demenzkranke zurück. Das haben Feuerwehrleute bei Schulungen erzählt, die der Pflege- und Betreuungsverein bei ihnen durchgeführt hat. Manche Demente haben vergessen, den Herd abzuschalten, andere schließen sich ein und finden die Schlüssel nicht mehr. Trotzdem rät Sandrine Augustin dazu, die Betroffenen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung zu belassen. Dort kennen sie sich teilweise jahrzehntelang aus und finden sich auch mit fortschreitender Demenz noch gut zurecht. Ein Umzug ins Heim bringt dagegen viel Neues – was allerdings auch als Erstes wieder vergessen wird. Die Unsicherheit wächst, und die Krankheit kann einen zusätzlichen Schub bekommen.

Weil Demenz alle Lebensbereiche betrifft, hat der Verein durch die Stadt den Auftrag erhalten, möglichst umfangreich zu informieren. Augustin und ihre Kollegen haben so auch schon bei Bankangestellten erklärende Rollenspiele durchgeführt, sind bei der Polizei, dem Rettungsdienst, im Einzelhandel oder auch in Schulen zu Gast. Die Schulungen sind stets kostenlos, jeder Interessierte kann sich beim Verein melden. „Das ist in Deutschland einzigartig“, sagt Augustin.

Ihr und dem Verein geht es aber nicht nur um Aufklärung, sondern auch darum, zu zeigen, dass Betroffene auch noch viel können und aktiv am sozialen Leben teilnehmen sollen. Sie können singen, malen oder noch wunderbar Walzer tanzen. Das macht sie glücklich – und entlastet damit oft auch ihre helfenden Angehörigen.