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Keine Zeit für Emotionen

In einer Festveranstaltung erinnert die Stadt Döbeln an die Flut 2002. Damals erhielt ein Minister den Titel „Stinkstiefel“.

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Von Cathrin Reichelt

Rund 154 Millionen Euro Schäden, 311,5 Hektar der Stadt Döbeln überflutet, 654 Häuser betroffen – diese Schreckensbilanz zieht Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer (CDU) während einer emotionalen Festveranstaltung, die an das Hochwasser vor zehn Jahren erinnert. Für Emotionen blieb damals aber keine Zeit. „Aus allen Hochwassergebieten des Altkreises Döbeln mussten etwa 162000 Tonnen Schlamm und Müll entsorgt werden“, so Egerer.

Noch heute sei er dankbar für die große Hilfsbereitschaft, die Döbeln 2002 erfahren habe. Die Helfer des DRK und der Johanniter-Unfallhilfe gaben 66000 Portionen Essen aus. „Allein daraus lässt sich erahnen, wie viele Menschen hier mit angepackt haben“, so Egerer. Die Helfer kamen aber nicht nur aus Döbeln, sondern aus ganz Deutschland. Durch deren Fleiß und dem unbändigen Willen der Döbelner nicht aufzugeben, sei die Stadt heute wieder lebenswert und schön. Das zeigte auch eine Fotodokumentation, in der den Bildern der Katastrophe die selben Orte in ihrem jetzigen Zustand gegenübergestellt wurden. Irgendjemand habe ihm damals gesagt, dass sich manche Städte ärgern würden, dass sie keine Flut hatten, sagt der Oberbürgermeister. „Zu dieser Zeit dachte ich, der spinnt“, so Egerer. Heute könne er den Worten beipflichten – wenn sie sich nur auf die wieder aufgebaute Stadt beziehen und man die einzelnen menschlichen Schicksale außer Acht lasse.

Hilflosigkeit und Wut

Viele haben sich vor zehn Jahren für die Lösung der zahlreichen Probleme engagiert. Drei von ihnen tauchen noch einmal tief in die Geschehnisse von 2002 ein. Klaus Hajek, vom Stadtwerbering Döbeln spricht von Hilflosigkeit, Wut und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Und er erzählt von Menschen, die enger zusammengerückt sind. „Unser gemeinsames Handeln war geprägt von dem Willen, wieder aufzubauen. Die Helfer, die auch dringend benötigte Geräte mitbrachten, haben uns die Zuversicht zurückgegeben, dass unsere Stadt wiederbelebt wird“, so Hajek. Solche Hilfe erfuhr auch Andreas Voigt, Geschäftsführer der Albert Polenz GmbH. Von seiner Firma blieben nach der Flut nur leere Hallen übrig. Genau vier Wochen später war er der erste Unternehmer in Sachsen der vom damaligen Wirtschaftsminister Martin Gillo eine Urkunde zur Regulierung des Schadens bekam. Gillo habe sich in dieser Zeit in der Politik den Titel „Stinkstiefel“ eingehandelt, sagt er. Permanent habe er mehr Geld für die Beseitigung der Flutschäden gefordert. Er hatte Erfolg. Aus den anfangs zugesagten 50 Millionen Euro wurden 7,5 Milliarden Euro.