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Keiner hält den Dieb

Totale Überwachung von Kunden und Mitarbeitern? Die Händler können kaum noch anders.

© dpa

Von Rolf Schraa

Unterwäsche und teure Parfums, Smartphones, Werkzeug und Spielkonsolen – Kunden und Mitarbeiter von Warenhäusern, Baumärkten und Bekleidungshäusern stehlen wie die Raben. Zunehmend sind professionelle Banden am Werk. 3,9 Milliarden Euro Schaden verzeichnete der Handel 2013, wie aus dem gestern veröffentlichten Bericht des Forschungsinstituts EHI hervorgeht. Davon entstehen 2,1 Milliarden Verlust durch Ladendiebe und 1,2 Milliarden durch Mitarbeiter und Lieferanten, hieß es in der Studie. Das ist etwas mehr als im Vorjahr (3,8 Milliarden Euro). Die restlichen 600 Millionen Euro Inventurschwund entstehen durch organisatorische Mängel wie Fehlbuchungen, verlegte Ware oder Fehletikettierungen.

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Die Inventurdifferenz liegt bei rund einem Prozent des Umsatzes – das entspricht in etwa der schmalen Gewinnspanne in der hart umkämpften Branche. Hinzu kommen rund 1,3 Milliarden Euro, die die Häuser jährlich in Überwachungskameras und Warenkennzeichnung, Anti-Klau-Vitrinen, Mitarbeiterschulung und Kaufhausdetektive stecken – mit sehr dürftigem Erfolg.

Die Dunkelziffer für Diebstähle ist gewaltig und liegt nach Einschätzung des Handels bei über 98 Prozent. Im Schnitt bleiben jeden Tag mehr als 85.000 Diebstähle in Deutschland mit einem Schaden von je 80 Euro unentdeckt.

Leidtragende sind die Kunden, die den Schaden über den Preis auffangen müssen. Viel Geld verliert aber auch der Staat: Er büßte allein 2013 rund 450 Millionen Euro an entgangener Mehrwertsteuer ein.

Kriminellen Schwund gibt es nicht nur im Verkaufsraum und an der Kasse – häufig beginnt das Problem schon hinter den Kulissen, etwa bei der Anlieferung der Ware. Bei rund 900 Millionen Euro Verlust durch unehrliche Mitarbeiter und etwa 2,5 Millionen Jobs in der Branche kommen statistisch etwa 360 Euro Klau pro Jahr auf jeden Mitarbeiter. Dagegen will der Handel weiter aufrüsten und setzt stark auf elektronische Hilfsmittel. Viele Unternehmen gaben in der Befragung für die Studie an, noch mehr Geld in Überwachungskameras stecken zu wollen. Außerdem wird die elektronische Kennzeichnung der Waren, die im Textileinzelhandel schon weit verbreitet ist, zunehmend auch in anderen Branchenteilen eingesetzt. Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg kann sich auf Dauer Mini-Sender sogar beim gehobenen Lebensmittelsortiment vorstellen: Dann würde nicht nur der Kaschmirpulli, sondern auch die Flasche Champagner für Alarm an der Kaufhaustür sorgen, wenn der Kunde nicht korrekt bezahlt hat.

Bei der Prävention gegen Diebstahl eigener Mitarbeiter sieht der Wissenschaftler die Branche nach den Schlagzeilen über Bespitzelungs-Affären der vergangenen Jahre teils zu Unrecht in der Defensive. Er spricht von Selbstzensur im Handel und der „Hemmung, die rechtlichen Möglichkeiten voll auszuschöpfen“.

Kriminalität müsse aber konsequent verfolgt werden – auch gegen die eigenen Leute, fordert ein Sprecher des Einzelhandelsverbandes Deutschland (HDE). Kritische Medienberichte sollten Handelsunternehmen nicht davon abhalten, unter Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und der Persönlichkeitsrechte von Kunden und Mitarbeitern Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen einzusetzen, heißt es im Fazit des EHI-Berichtes. Wenn Diebe per Kameraaufzeichnung oder klassisch vom Detektiv überführt worden sind, müsse der Staat dann aber auch zupacken, fordert der Handel. Bisher würde zu viele Verfahren wegen Ladendiebstahls von den Staatsanwaltschaften wegen Geringfügigkeit eingestellt, klagt der HDE. (dpa)