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Kiez schlägt Kommerz

RB Leipzig verliert gegen St. Pauli den Klassenkampf – und ein Duell um den Aufstieg. Trotzdem gibt es auch einen Rekord.

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© dpa

Von Daniel Klein

Bevor Ewald Lienen auf der Pressekonferenz zu seiner zehnminütigen Analyse ansetzte, nahm er noch einen großen Schluck aus einer Wasserflasche. Die hatte er selbst mitgebracht, was in der Red-Bull-Arena einem Verstoß gegen die Hausordnung gleichkommt. Das Wasser stammte nämlich nicht aus Österreich.

Das ließe sich als Botschaft deuten, war aber wahrscheinlich einfach nur Zufall. St. Pauli gegen RB, Kiez gegen Kommerz, Duell der Gegensätze, Klassenkampf – sogar von Giftpfeilen, die zwischen Hamburg und Leipzig hin- und herflogen, wurde im Vorfeld berichtet. Am Ende aber war es einfach nur ein gutes Zweitligaspiel, bei dem sich die Pauli-Fans, abgesehen von einigen Schmähgesängen, merklich mit der Systemkritik zurückhielten. Und ausgelassen einen 1:0- Auswärtssieg feierten.

„Es war unser bestes Spiel der bisherigen Saison“, fand RB-Trainer Ralf Rangnick, musste aber einschränken: „Leider nur für 30 Minuten.“ Der Aufstiegsfavorit begann derart furios, als gäbe es eine Sonderprämie für Tore, die in der ersten halben Stunde erzielt werden. Die beste von vielen Chancen endete am Pfosten, als der Schwede Emil Forsberg erst zwei Paulianer austanzte und dann den Ball mit dem Außenrist schlenzte. „In dieser Phase hatten wir viel Glück“, gestand Lienen.

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Dann aber gab es einen Bruch im Leipziger Spiel, über dessen Ursachen viel gerätselt wurde. Die griffigste Erklärung lieferte der Pauli-Trainer: „Solch einen Druck kann man nicht permanent aufrechterhalten“, fand der 61-Jährige. Anders formuliert: Das Höllentempo von RB ist nicht ausgelegt für 90 Minuten. Das Problem von Rangnicks Pressing-Gegenpressing-Taktik ist, dass es keinen Plan B gibt, wenn die Kräfte schwinden. Niemand traut sich, mal einen Quer- oder gar Rückpass einzustreuen, um den Ball in den eigenen Reihen zu halten.

St. Pauli gewann so zunehmend die Zweikämpfe, kam zu Chancen, und der Treffer von Lennart Thy kurz vor der Pause war nicht nur für RB-Routinier Tim Sebastian „eine logische Folge“. Der überlegte, ob am Einbruch wohl die Temperaturen schuld gewesen seien oder eher der Kopf. „Wenn man solch einen Aufwand betreibt, und nicht in Führung geht, fängt man vielleicht an zu grübeln“, meinte der kahlköpfige Innenverteidiger.

Wie auch immer: Leipzig konnte keines seiner bisherigen zwei Heimspiele gewinnen, der Punktgewinn gegen Greuther Fürth war eher ein glücklicher. So gerät das Ziel Aufstieg schon frühzeitig in Gefahr. Und auch die Euphorie droht gleich wieder ausgebremst zu werden. Gestern kamen knapp 42 000 Zuschauer ins ehemalige Zentralstadion, erstmals in der sechsjährigen Vereinsgeschichte war es bei einem Ligaspiel ausverkauft.

Doch wie nun weiter? „Wir werden das Spiel in Ruhe analysieren“, bemühte Rangnick eine Floskel. „Da kann ich leider nicht kommen“, unterbrach ihn Lienen sofort, „da bin ich verhindert.“ Beide schmunzeln, klatschen sich auf die Schultern. Es sah fast so aus, als gäbe es eine Verbrüderung zwischen Kult und Kommerz.

Dabei hatte der Verein aus Hamburgs Rotlichtviertel im Vorfeld das Anderssein überdeutlich betont. Auf seiner Internetseite ersetzte er das RB-Logo konsequent durch den Schriftzug Leipzig. Man konnte das als Geste ans eigene Klientel werten. Oder einfach „völlig albern“ finden wie Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff.

Der erinnerte mit einem süffisanten Seitenhieb daran, dass der neue St.-Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig in seiner Zeit beim Ligaverband das Logo „im Zuge des Lizenzierungsprozesses bis zum Ergebnis mit begleitet“ habe. Und auch die Episode, dass der österreichische Brauseproduzent bei seiner Suche nach einer deutschen Fußball-Zweigstelle beim FC St. Pauli vorstellig wurde, es aber nicht mal bis in die Präsidiumssitzung schaffte, wurde wieder herausgekramt.

„Man kann eben nicht jedes Spiel gewinnen“, erklärte RB-Stürmer Yussuf Poulsen. Diese Fußballweisheit gilt für einen Kult- wie für einen Kommerzklub.