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Dresden

Kinder lieber doch nicht an die Macht?

Das Theater Junge Generation in Dresden feiert 30 Jahre Kinderrechte mit einer phänomenalen Inszenierung: „König Macius“.

Spannender Neuzugang: Florian Welsch (oben) als König Macius. © PR

Eine Sache für Profis. So nennt Christian Lindner den Umweltschutz. Und Kinder, das seien eben keine Profis. So twitterte der FDP-Vorsitzende vor ein paar Tagen: „Von Kindern und Jugendlichen kann man (...) nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen.“ Ähnlich argumentieren Kritiker der Klimaaktivistin Greta Thunberg und der freitagsdemonstrierenden Jugendlichen: Diese könnten angesichts ihres Alters doch gar nicht wissen, was sie da eigentlich fordern. Das Theater Junge Generation in Dresden konnte nicht ahnen, wie aktuell seine Inszenierung „König Macius der Erste“ zur Premiere am Sonnabend sein würde.

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Anlass ist offiziell das 30. Jubiläum der UN-Kinderrechtskonvention, das in diesem Jahr gefeiert wird: Der Roman „König Macius“ wurde 1922 geschrieben von Janusz Korzcak. Der polnische Arzt und Schriftsteller gilt als Vater der Kinderrechte, von ihm stammt die unerhörte Forderung: „Das Recht des Kindes auf den eigenen Tod“. Dieser Satz steht in einer Reihe von Rechten, die Korczak schon zu Lebzeiten forderte und umsetzte: Er gründete ein Waisenhaus, in dem die Kinder ein eigenes Parlament, eine Selbstverwaltung und eine eigene Zeitung betrieben. Vor allen antiautoritären Bewegungen erdachte Korzcak die Utopie, dass Kinder – wenn man in ihre Fähigkeiten vertraut – die Welt zum Guten verändern können.

Krieg etwas zu harmlos

In Decken eingehüllt kommt der kleine Macius im TJG auf die Bühne. Er wird sofort wieder weggeschickt. Sein Vater liegt im Sterben, dessen Minister sind unter Druck, aber soll ein Kind wirklich der Thronfolger werden? Die Gesetze sehen nun mal genau dies vor.

Und so machen die Alten wohl oder übel den Jungen zum König, doch natürlich behalten sie die Strippen fest in der Hand – und halten diese dann auch ordentlich auf. Der Bauminister baut, der Innenminister macht sich Sorgen, die Bildungsministerin hat nicht genug Geld für Lehrer. Und ein Krieg steht auch an.

Das Kind, das auf einmal König sein soll, wird gespielt von Florian Thongsap Welsch, einer der spannendsten Neuzugänge in dieser Saison. Sein Macius versteht nichts von Kriegsführung, aber er will alles richtig machen. So holt er sich Hilfe von seinem Freund Felek (Alexander Sehan), mit dem er bisher vor allem elegant herumgeblödelt hat. Durch einen Trick besiegen die beiden mal eben drei Königreiche. Vielleicht ein bisschen zu harmlos wird hier der Krieg gespielt, mit bunten Eimern als Helmen. Einen weiteren Abzug gibt es für die zwar schön gedachte Bühne von Michal Korchowiec, an Miró oder Picasso angelehnte ausgesägte Platten, die allerdings kaum bespielt, beleuchtet oder sonstwie eingesetzt werden.

Passend zum Stoff traut der polnische Regisseur Wojtek Klemm der Zielgruppe (ab zehn Jahren) ästhetisch einiges zu. Das Spiel der acht Schauspielerinnen und Schauspieler ist körperlich, manchmal mehr Tanz als Theater. Sie wechseln die Rollen durch kleinste Umkostümierungen: Sakkos machen sie zu Ministern, bunte Stirnbänder zu Kindern, Kronen reichen als Symbol für Könige. Dialoge und Szenen sind reduziert, Aktualisierungen wie „Ich glaub, es hackt“ lockern die Sprache auf. Und wie es sich für ordentliches Regietheater gehört, bleibt einiges rätselhaft, versteht man nicht jedes Bild und jeden Einschub. Aber damit kommen auch Zehnjährige klar.

Demokratie ist sauschwer

Zumal sie später auch konkret einbezogen werden. Da steigt Florian Welsch aus seiner Rolle und geht mit Mikro durch die Reihen. Er fragt, was den Kindern wichtig ist, und wirklich viele, viele Arme gehen hoch. Die Antworten: „Mehr Ferien!“, „Weniger Hausaufgaben!“ – Und wer bestimmt bei euch? „Die Eltern!“ – Was wäre denn, wenn ihr selbst entscheiden könntet? „Dann würden wir alle Videospiele kaufen, die wir wollen!“

Diese Szene, die man nicht proben kann, weil die Antworten je nach Publikum immer andere sein werden, bringt die Aussage der Inszenierung auf den Punkt: Kinder sind keine schlechteren Menschen, aber sie sind eben auch keine besseren. Auch sie wünschen sich manchmal sinnloses Zeug, das die Welt nicht zwingend schöner und friedlicher macht. Und so schreien sich die gespielten Kinder aus dem Parlament auf der Bühne dann auch gegenseitig nieder und die Abstimmung geht schief, so richtig schief. Das mit der Demokratie ist manchmal eben sauschwer. König Macius scheitert am Ende mit seiner Vision, denn auch im Kinderparlament gibt es Korruption und Vetternwirtschaft, und die Zeitung wird manipuliert.

So wie Korzcak behauptet auch diese phänomenale Inszenierung: Wenn Kinder an der Macht sind, wird nicht alles gut. Aber sie deswegen nicht mitbestimmen zu lassen, ist eben auch keine Lösung.

Wieder am: 13., 14. und 15.3., je 10 Uhr, sowie am 16.3. um 16 Uhr, Theater Junge Generation, Kartentel: 0351 320 42 777