Merken

„Kinder verschachern? Dazu sind wir viel zu stolz“

Man(n) macht sich in diesen Tagen an einem Grenzübergang von Deutschland nach Tschechien schnell verdächtig. Es reicht aus, allein in einem etwas nobleren Auto zu später Stunde über Altenberg einzureisen.

Teilen
Folgen

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt, Prag

Man(n) macht sich in diesen Tagen an einem Grenzübergang von Deutschland nach Tschechien schnell verdächtig. Es reicht aus, allein in einem etwas nobleren Auto zu später Stunde über Altenberg einzureisen. Die deutschen Grenzer begnügen sich noch damit, neben dem Pass die Fahrzeugpapiere und den Führerschein zu kontrollieren.

Biegt man hinter der Grenze aus dem Kreisverkehr auf die Europastraße 55 in Richtung Prag ab, kann es passieren, dass sich einem sofort ein Polizeiauto an die Stoßstange heftet. Wer am Fuß des Gebirges in Dubi (Eichwald) auf dem „längsten Straßenstrich Europas“ hält, riskiert zumindest eine Befragung nach dem Woher und Wohin. Erst nach der Durchfahrt Teplice (Teplitz-Schönau) drehen die Skodas mit der Aufschrift „Policie“ bei.

Eine zusätzliche

politische Note

Tatsächlich herrscht im Grenzgebiet eine Art Ausnahmezustand. Ausgelöst hat den die Uno-Kinderhilfsorganisation Unicef (die SZ berichtete), die hinter der deutschen Grenze, im „größten Freilichtbordell des Kontinents“, ein „Paradies für pädophile Deutsche“ ausgemacht haben will. Vor allem Männer aus der gehobenen Mittelschicht würden bei ihren Sextouren immer häufiger nach Kindern fragen. Denen würden sogar „Säuglinge und Kleinkinder durch die Autofenster gereicht“. Dass bei der Veröffentlichung der Studie die Schirmherrin von Unicef Deutschland, die Frau von Bundespräsident Johannes Rau, neben den Autoren saß, hat der Sache eine zusätzliche politische Note gegeben.

Ganz Tschechien ist aufgeschreckt. Eine Kampagne, die an solch fundamentale moralische Dinge rührt, kann niemand gebrauchen. Jetzt schon gar nicht, da das Land Mitglied der EU wird. Das mit dem „Freilichtbordell“ ist nichts Neues. Die Namen der Etablissements sprechen für sich: „Kiss“, „Libido“, „Alibi“ oder „Love story“. Irina, Lucie und Ludmila gehören zu den Frauen, die dort anschaffen. Irina und Ludmila kamen aus Bulgarien an die tschechisch-deutsche Grenze. Sie schicken den Großteil der Euros nach Hause. Die Familien seien auf das Geld angewiesen. Bei Lucie liegt der Fall anders. Die 20-jährige Blondine aus der Ostslowakei hat die Schule geschmissen und ist weg von zu Hause. Sie verdiene hier am Tag mehr als ihre Mutter in einem Monat, sagt Lucie.

Von Kindersex wollen die drei nie etwas gehört haben. Ob die Bars tatsächlich „diskrete Kontakte“ vermittelten? Ihr Nachtclub mit Sicherheit nicht. Sie sagen es beinahe so erschrocken, dass man es ihnen glauben möchte. Sie selbst hätten zumeist Stammkunden. Ältere Männer, vorgeblich Witwer. Oder auch verklemmte Jüngelchen, die in Deutschland keine Frau abbekommen hätten.

Die ersten Kunden kommen gegen 20 Uhr. Doch die Zeiten, da die Parkplätze der Bars voll waren mit Autos aus Dresden, Kamenz oder Dippoldiswalde, sind vorbei. Auch die Behörden verzeichnen den Rückgang des Sextourismus. Der eigentliche Straßenstrich von Dubi existiert nur noch in der Nähe einer herunter gekommenen Häuserzeile am Stadtrand. Lucinka lehnt an einem Brückenpfeiler, tritt wegen der Kälte von einem Fuß auf den anderen. Fast atemlos rattert sie auf Deutsch ihren „Angebotskatalog“ herunter. Ja, sagt sie, es habe auch mal jemand gefragt, ob sie nicht noch eine jüngere Schwester habe. Aber es gebe für alles Grenzen. Kinder an pädophile Deutsche verschachern? Dazu seien Roma zu stolz.

Die Studie der deutschen Sozialarbeiterin Cathrin Schauer spricht eine andere Sprache. Seit 1996 arbeitet sie als Streetworkerin in der Grenzregion, hat 40 betroffene Kinder befragt. Deren Berichte sind erschütternd. Doch sind sie auch glaubwürdig? Man ist skeptisch in Tschechien. Die Behörden haben ihre Erfahrungen mit dem Sozialprojekt „Karo“ von Frau Schauer.

Die Behörden halten

sich zurück

Die Stadt Cheb (Eger) hat die Zusammenarbeit mit „Karo“ eingestellt, weil die Vorwürfe nicht nachprüfbar gewesen seien. Wenn „Karo“ Beweise über massive Kinderprostitution hat, weshalb übergibt sie die nicht an die Polizei, fragt Bürgermeister Jan Svoboda. Ein Prager Ministerialbeamter kündigte sogar eine Untersuchung darüber an, ob sich die Leute von „Karo“ nicht strafbar gemacht hätten. Dies wäre der Fall, wenn sie den beobachteten Kindesmissbrauch nicht zu verhindern versucht hätten.

Die Tschechen fühlen sich einseitig angegriffen. Wenn es so viele Pädophile in Deutschland gebe, müsse auch in der Gesellschaft der Nachbarn etwas nicht stimmen. Die Leserbriefspalten der Prager Zeitungen sind voll von solchen Äußerungen. Dort wird auch gefragt, wozu die Polizei aus beiden Ländern bis zu 70 Kilometer tief beim Nachbarn gemeinsam ermitteln kann.