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Kindheits-Erinnerungen eines Münchners

Passend zur aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum hat Wolfgang W. Weser seine Erlebnisse im einst selbstständigen Dorf festgehalten.

© Kristin Richter

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

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Großenhain. Über die Kindheit von Großenhainern erzählt gerade die Sonderausstellung im Museum Alte Lateinschule. „Aufzeichnungen eines Opas für seinen Enkel“ hat Wolfgang W. Weser sein Buch über die Kindheit in Mülbitz und sein heutiges Leben in München überschrieben. „Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt, deshalb wollte ich meine Lebensgeschichte für meinen Enkel Yannick festhalten“, sagt Weser, der kürzlich 80 Jahre alt wurde.

Wolfgang Weser wurde 1938 in der Doernestraße 7 geboren, lernte im Webstuhlbau, ging 1955 in den Westen. Er hat einen Edelsteinhandel.
Wolfgang Weser wurde 1938 in der Doernestraße 7 geboren, lernte im Webstuhlbau, ging 1955 in den Westen. Er hat einen Edelsteinhandel. © privat
Werner als Junge mit den Schwestern Christine und Monika
Werner als Junge mit den Schwestern Christine und Monika © privat
Familie Weser vor der ehemaligen Schule Doernestraße.
Familie Weser vor der ehemaligen Schule Doernestraße. © privat
Inzwischen abgerissene Brücke über den Hopfenbach.
Inzwischen abgerissene Brücke über den Hopfenbach. © privat

Als er 1938 in der ehemaligen Schule an der Doernestraße geboren wurde, war Mülbitz bereits 25 Jahre eingemeindet. „Ich wachse in einem gutbürgerlichen, gut behüteten Elternhaus auf“, schreibt Weser. „Getrennt war Mülbitz nur durch die lange Nussbaumallee (Anm. d. R.: heute Öhringer Straße), links davon war der Friedhof, auf der rechten Seite ein großes Feld mit einem Bauernhof (Rothe).“ Es gab keine Kirche, aber drei Geschäfte an der Kreuzung Kupferbergstraße: Fleischer Gawalski, Bäcker Richter und Frisör Martin Bernstein.

Sein Elternhaus war das alte Schulhaus mit zwei Klassenzimmern. „Vormittags hatten die Großen und am Nachmittag die Kleinen Unterricht.“ Nach Lehrer Doerne ist heute die Straße benannt. Gegenüber hat man damals eine neue Schule gebaut, ein zweistöckiges Backsteingebäude mit einer imposanten Freitreppe vor dem Eingang und vier Klassenzimmern. Doch auch das wurde Wohnhaus, denn Wolfgang Weser wurde 1944 im Mai schon in der Pestalozzischule eingeschult. Täglich musste er eine Dreiviertelstunde zu Fuß bis dahin laufen. Seine schönsten Stunden aber verbrachte er am Rainerbach, wie der Hopfenbach damals genannt wurde. „In ihm tummelten sich Rotaugen, Rotfedern, Plötzen, Döbel, Welse, Hechte, Aale, Stichlinge, Barsche, Elritzen und Flussmuscheln“, schreibt Weser. Der Abfluss von den Mühlteichen zum Bach war der Mühlgraben. „ein dunkler, mit Erlenbüschen zugewachsener Bach.“

Seinen ersten Schultag beschreibt Weser so: „Der Rektor hatte eine SA-Uniform an und sagte zu den Eltern: Sie müssen in der Aula warten, ab jetzt gehören die Kinder uns.“ Als Klassenlehrer Schmitt, „ein unfreundlicher, mürrisch schauender Mann“ sprach, gab es plötzlich Fliegeralarm. Alle sollten in den Luftschutzkeller.

„Der Krieg nahm immer schlimmere Formen an. Man warnte uns Kinder eindringlich davor, irgendwelche unbekannten Gegenstände von der Erde aufzuheben. Man sagte uns, die Engländer werfen aus den Flugzeugen Kugelschreiber, Feuerzeuge und andere Dinge ab, die in der Hand explodieren ... Die ganze Nacht flogen die Engländer mit ihren fliegenden Festungen über Mülbitz ... Täglich kamen Trecks von Flüchtlingen aus Ostpreußen und Westpreußen, oft waren auch versprengte Gruppen von Landsern dabei ...

Am nächsten Tag sahen wir die ersten Russen, sie kamen im Gänsemarsch von Zschieschen über die alte steinerne Bachbrücke genau auf unser Haus zu. Es war eine Einheit Mongolen. Ohne uns zu beachten, zogen sie in Richtung Dresdner Straße und weiter über Zschauitz nach Dresden. Ab jetzt gab unsere Mutter uns immer ein Fünf-Reichsmarkstück mit, wenn wir auf die Straße gingen. Sie sagte, wenn die Russen kommen, dann gebt ihnen das Geld ... An einem Freitag sprach es sich wie ein Lauffeuer herum: Das Proviantamt wird geplündert. Sofort holte sich mein Vater einen kleinen Leiterwagen. Dort angekommen, stellten meine Eltern fest, dass ein totales Chaos herrschte. Hastig versuchte mein Vater, einen Sack Zucker, einen Sack Mehl und Konservendosen auf seinen Leiterwagen zu laden.“

Wolfgang Weser beschreibt das Kartoffelstoppeln und Ährenlesen, das Eisschollenspringen im Winter und das Osterwasserholen. Er erzählt vom Bleichen der Wäsche auf den Wiesen und vom Wäscherollen bei Bäcker Richter. Vom Schlachtefest und vom Ziegenhüten. Wolfgangs Mutter arbeitete nach dem Krieg in der Wäscherei Faulwetter als Büglerin. Dort gab es ein Tempo-Auto. „An heißen Sommerabenden musste ich manchmal für meinen Vater Bier holen gehen. Meistens ging Egbert mit. Oft mussten wir bis zum Schützenhaus gehen. Ich bekam einen großen Glaskrug mit Deckel mit“, so Weser. Dann kam aus der Brauerei Zschieschen das Bierauto nach Mülbitz. „Es war ein schwarzes Auto mit einem großen Bierfass auf der Ladefläche. Es hielt immer auf dem Platz mit der kleinen Linde.“

Den Militärflugplatz vor Kriegsende zu betreten war zwar verboten, aber das störte die Jungen nicht. „Sehr begehrt waren die großen Zusatztanks, die die Jagdflugzeuge unter den Tragflächen hatten. Die Tanks waren fast zwei Meter lang und von der Form einer Bombe.“ Sie wurden geklaut, in die Mitte ein Loch geschnitten, damit man sich hineinsetzen konnte. „Mit diesen Dingern sind wir auf dem Bach herumgefahren.“ Ab 1949 half Weser auf Rühles Bauernhof in der Mühle. Der Eingang war ein riesiges Tor, gleich rechts dahinter der Maschinenschuppen mit Traktor und Pflug, anschließend die Stallungen. Gegenüber befand sich die Scheune .