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„Kirche ist nicht für sich selbst da“

© Ronald Bonß

Der katholische Bischof Heinrich Timmerevers ist im Amt. Er betont den sozialen Aspekt des Christentums.

Von Thilo Alexe

Katholiken, heißt es, haben Sinn für Prunk, starke Inszenierungen und einprägsame Bilder. Die Einführung von Bischof Heinrich Timmerevers in der Dresdner Hofkirche ist Beleg für dieses Positiv-Vorurteil. Fahnen wehen von der Empore herab. Prominenz ist da. Mädchen in sorbischer Tracht bevölkern die Emporen. Die Kapellknaben singen glockenklar, und die Liturgie hält teils Deftiges bereit: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“, heißt es in einem Lied.

Mit Spannung erwartet werden die ersten Worte des Theologen, der 2001 in Münster die Bischofsweihe erhielt. In ersten Interviews blieb er freundlich-pastoral. Sowohl die katholische wie auch die evangelische Kirche in Sachsen pflegen die Tendenz der Zurückhaltung. Politik wird durch ihre Führungskräfte selten kommentiert. Beide Kirchen gelten im Kern als ziemlich konservativ.

Timmerevers hebt sich davon ab. Er spricht zwar wenig überraschend von der Aufgabe für Christen, Jesus zu suchen. Aber wo ist er? „Wer ihn sucht, findet ihn bei den Hungrigen“, sagt Timmerevers. In einem Nebensatz weist er darauf hin, dass die Kirche generell „manchmal ein glaubwürdigeres Zeugnis der Barmherzigkeit“ ablegen könne. Im zuvor vorgetragenen Bibeltext aus dem Matthäusevangelium heißt es: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“

Timmerevers, Sohn einer Landwirtsfamilie aus Niedersachsen, betont den sozialen Aspekt des Christentums. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise und der Ressentiments gegen Fremde ist das bemerkenswert. „Kirche ist nicht für sich selbst da“, sagt er. Christen sollten nicht „zum Himmel starren“, sondern ihren Glauben leben und aktiv sein.

Der 64-Jährige spielt aber auch auf die innerkirchliche Politik an. Sein Vorgänger Heiner Koch, mittlerweile Erzbischof von Berlin, war nur zwei Jahre das geistliche Oberhaupt des Bistums Dresden-Meißen. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige bemängelte damals, ostdeutsche Bistümer seien eine Art „Verschiebebahnhof“.

Timmerevers will länger bleiben, jedoch entscheidet der Vatikan mit. „Ich möchte hier im Bistum Dresden neue Wurzeln schlagen und hier ein Zuhause finden“, sagt der Geistliche. Bischof Koch weiß, was den Nachfolger erwartet: „Du kommst in ein Bistum, in ein Land, in dem sich über 80 Prozent der Menschen nicht zum christlichen Glauben bekennen.“ Das ist, auch wenn die Zahlen schwanken, bekannt. Die Empfehlung von Koch, der als Rheinländer zu herzhaften Formulierungen neigt, überrascht dennoch: „Kämpfe mit ihnen, ringe mit ihnen.“ Wörtlich ist das nicht gemeint – eher als Hinweis, dass Glaubensvermittlung gelegentlich ungewöhnliche, aber intensive Formen braucht.

Timmerevers deutet an, mit denen ins Gespräch kommen zu wollen, die keiner Konfession angehören. Das ist die Mehrheit. Mehr als 142 000 Katholiken leben in dem Bistum, das sich von Zittau bis Ostthüringen erstreckt. Das sind etwa vier Prozent der Einwohner.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sagt salopp, das Evangelium sei in Sachsen und Thüringen nicht ausgereizt. „Da geht noch was.“ Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) gratuliert. Der evangelische Bischof Carsten Rentzing schließt einen Kalauer an. Es sei Legende, dass die meisten Sachsen auf die Frage nach der Konfession antworteten: Weder noch, ich bin normal.