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Kita-Betreuung mit der Stoppuhr

Erzieher sollen mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung bekommen. Doch Sachsens Vorschlag scheitert in der Praxis, sagen auch Freitaler.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Annett Heyse

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Freital. Ein sommerlicher Vormittag im Kindergarten Storchenbrunnen in Freital: Einige Mädchen sitzen im Gras, sie haben einen ganzen Berg Puppensachen vor sich liegen und kleiden ihre Puppen ein. Die Jungs haben sich derweil um den Tischkicker versammelt. Ein Erzieher fungiert als Schiedsrichter über das Fußballspiel. Soweit, so normal. Es ist im Prinzip das, was sich Außenstehende unter der Erzieherarbeit vorstellen: Kinder beaufsichtigen und beschäftigen, das Mittagessen organisieren, sie zum Schlafen hinlegen und auch mal ein paar Tränen trocknen – bis die Eltern kommen.

Katrin Fichtner kann dazu noch eine ganze Liste mehr aufzählen. „Die Arbeit wird immer komplexer“, sagt die Leiterin des Storchenbrunnens. Ihre Mitarbeiter müssten Elterngespräche führen, die Entwicklungen jedes einzelnen Kindes dokumentieren, spezielle Veranstaltungen vorbereiten. Dazu kommen dann noch Teamberatungen, Dienstbesprechungen und Elternabende. „Das müssen wir alles in der normalen Arbeitszeit stemmen“, schildert Fichtner. So wie im Storchenbrunnen geht es in allen Kitas in Freital, im Landkreis, in Sachsen zu. Da mag es nicht verwundern, dass eine vom Kultusministerium im Frühjahr dieses Jahres durchgeführte Umfrage zu dem Ergebnis kam, dass sich die Erzieher mehr Vor- und Nachbereitungszeit für all die Aufgaben neben der Kinderbetreuung wünschen.

Nun liegt ein Gesetzesentwurf vor, der im August im Landtag verhandelt werden soll: Jedem Erzieher werden pro 40-Stunden-Woche zwei Stunden für die Vor- und Nachbereitung eingeräumt. „Das ist ein guter Ansatz, auch wenn Fachverbände sogar vier Stunden vorschlagen. Aber wir wollen nicht meckern, irgendwo muss man ja mal ansetzen“, sagt Chris Meyer, Stadtrat und Vorsitzender des Vereins Lebensbaum in Freital. Der Verein betreibt neben dem Storchenbrunnen auch die Kita Wurzelzwerge in Kleinnaundorf.

Doch mit dem Zwei-Stunden-Budget für die administrativen Aufgaben beginnen neue Probleme. Das Land Sachsen will diese Vor- und Nachbereitungsstunden an die Betreuungszeit der Kinder und die Wochenarbeitszeit der Erzieher koppeln. Beim Lebensbaum, wo alle Erzieher Teilzeit arbeiten und die Kinder unterschiedlich lang in die Kita gehen – manche sind nur sechs Stunden, andere achteinhalb Stunden pro Tag da – , hat man mal nachgerechnet. Chris Meyer kommt dabei auf ganz krumme Zahlen. Eine Erzieherin, die beispielsweise 34 Stunden in der Woche im Einsatz ist, hätte 102 Minuten Vor- und Nachbereitungszeit. Eine Kollegin mit 35-Stunden-Woche käme auf 105 Minuten. „Das ist doch in der Praxis nicht umsetzbar“, kommentiert Meyer. Wie solle man denn solche Arbeitszeiten in den Dienstplan einpflegen?

Die Freitaler haben daher einen Gegenvorschlag: Die zusätzliche Zeit soll pro Kind pauschal berechnet werden. Meyer: „Ob ein Kind nur sechs Stunden am Tag im Kindergarten ist und ein anderes acht Stunden – die Vor- und Nachbereitungszeit pro Kind bleibt doch gleich.“ Kita-Chefin Fichtner pflichtet ihm bei: „Meine Erzieher müssen pro Kind Elterngespräche führen, Dokumentationen anfertigen, Angebote planen – egal wie viele Stunden am Tag die Mädchen und Jungen tatsächlich da sind.“

Diese Argumentation könne man im Kultusministerium durchaus nachvollziehen, heißt es in einem Schreiben an Meyer. Sie kommt auch nicht nur aus Freital. Fachverbände wie das Graswurzelbündnis, das sich für die Verbesserung der Kinderbetreuung in Sachsen einsetzt, haben sich ähnlich geäußert. „Wir erwarten, dass die zu gewährenden zwei Stunden für alle Fachkräfte gelten und das ganz gleich, ob sie in Voll- oder Teilzeit in den Kitas arbeiten“, sagt Jens Kluge, amtierender Sprecher des Graswurzelbündnisses.

Doch im Kultusministerium ist man anderer Ansicht. Die von den Freitalern vorgeschlagene Variante stelle einen Bruch der Finanzierungssystematik dar, heißt es in dem Schreiben an Meyer weiter. Die Kosten für Krippe, Kindergarten und Hort in Sachsen ist nämlich immer auf eine neunstündige Betreuungszeit ausgelegt. Alles darunter werde anteilig berechnet. Weiche man von diesem Prinzip ab, werde die Kostenberechnung komplizierter. Mit anderen Worten: Damit es das Land Sachsen einfach hat, müssen die Kitas mit den krummen Zahlen klarkommen.

Chris Meyer, Katrin Fichtner und viele andere hoffen, dass der Entwurf so nicht durchgeht. Noch bis 31. Juli können dazu Einwände abgegeben werden, im August ist bereits die Beschlussfassung im Landtag vorgesehen.