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Klamauk trifft auf Tradition

Seit 1957 lädt das Sorbische National-Ensemble zur Abendvogelhochzeit – 2016 erstmals mit einer Hochzeitsbitterin.

© Holger Hinz

Miriam Schönbach

Bautzen. Verkehrte Welt im Sorbischen National-Ensemble: Schauspieler Jurij Schiemann schlüpft in Rock und Bluse. Alena Farkas dagegen tritt bei der Abendvogelhochzeit mit dem Titel „Frauen haben immer recht?!“ mit Frack und Zylinder auf. „Aber ich trage Highheels dazu“, sagt die Sängerin schmunzelnd. Im neuen Programm des Drei-Sparten-Theaters stehen die zwei Hauptdarsteller gemeinsam mit 60 Mitwirkenden sowie der Schmerlitzer Tanzgruppe auf der Bühne.

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Für Alena Farkas ist das Abendvogelhochzeitsprogramm bekanntes Terrain. Die gebürtige Slowakin kommt mit sieben Jahren aus Bratislava nach Bautzen. Ihre Eltern erhalten seinerzeit Arbeit beim Staatlichen Ensemble für sorbische Volkskultur als Choreograf und Solotänzerin. So wundert es nicht, dass sich ihr Sprössling auch ein Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wünscht. „Ich war schon als Steppke bei den Kindervogelhochzeitsprogrammen dabei“, sagt die 52-Jährige.

Der Trend schwappt über

Die Erfolgsgeschichte dieser bunten Potpourris rund um den 25. Januar beginnt für das Sorbische National-Ensemble jedoch schon 1957. Damals erteilt die Domowina, die Dachorganisation der Sorben, dem Theater den kulturpolitischen Auftrag, ein Programm im Zeichen des alten Brauchs auf die Beine zu stellen. Erstmals berichten übrigens 1848 die „Budissiner Nachrichten“ über die Vogelhochzeit. Da wird es noch als Fest in der Familie gefeiert. Aber bereits 1880 veranstalteten die reichen Crostwitzer Bauern einen ersten, geselligen Vogelhochzeitsabend. Die Zeit ist günstig. Auf den Feldern ist noch nichts zu tun, die Federn sind geschlissen, die Tage werden wieder länger.

Der Trend schwappt schnell auf die anderen Dörfer – und die Städte über. Die Sorben aus Bautzen treffen sich ab 1920 jährlich zur „Ptaci kwas“. Laienchöre mit 80 bis 100 Sängern studieren dazu das Programm ein. 1 200 Gäste kommen bald zu den Veranstaltungen, darunter sind auch zahlreiche deutsche Gäste. Anlässlich der Vogelhochzeit wird sogar 1932 das erste sorbische Sinfoniekonzert aufgeführt. Doch schon ein Jahr später feiern zumindest an der Spree die Sorben zum letzten Mal öffentlich ihren Brauch. Unter den Nationalsozialisten verschwindet das Fest wieder ins Private.

Sehnsucht nach Rampenlicht

Diese Geschichten kennen Alena Farkas und Jurij Schiemann nur vom Hörensagen. Der Schauspieler erlebt Ende der 1980er-Jahre erst mal die Vogelhochzeit im Sorbischen National-Ensemble. „Höchstwahrscheinlich machte damals schon Alena mit“, sagt der 31-Jährige. Er sammelt seine ersten künstlerischen Erfahrungen beim Jugendtheater des Sorbischen Gymnasiums. Ganz sicher ist er sich nicht, ob er Schauspieler werden soll. Stattdessen beginnt er, nach dem Abitur Sorabistik zu studieren. Die Sehnsucht nach Rampenlicht ist größer. Er heuert als Eleve beim Sorbischen Schauspielstudio des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters an.

Alena Farkas geht ihren künstlerischen Weg ohne große Umwege. Ihren Traum von der Primaballerina legt sie schnell aufs Eis. „Mein Vater riet mir wegen meiner Größe vom Ballett ab“, sagt die zierliche Frau. Stattdessen studiert sie neben ihrem Engagement am Ensemble Gesang an der Dresdner Musikhochschule. Immer montags ist Studientag. Ansonsten tourt sie mit den Kollegen quer durch die DDR zu Auftritten. Dabei steht sie genauso gern als Solistin vorn, wie jetzt bei „Frauen haben immer recht?!“, oder musiziert gemeinsam mit den anderen Kollegen im Chor. Übrigens dem kleineren Publikum ist die Künstlerin auch als Maus Sophia aus den Kindervogelhochzeiten bekannt.

Tausch geht auf einen Brauch zurück

Die Rolle der kleinen Draufgängerin hat Alena Farkas in diesem Jahr mit der Rolle einer Hochzeitsbitterin getauscht. Jawohl, die sonst männlich dominierte Domäne übernimmt beim Sorbischen National-Ensemble eine Frau. Allerdings geht dieser Tausch auf einen Brauch zurück. Noch in den 1950er-Jahren wurde rund um Saalau die Spintehochzeit gefeiert. Bei dieser Klamauk-Vermählung stellte die Jugend einiges auf den Kopf. Fünf Wochen probte das Ensemble für die witzige Inszenierung. Nach Abstechern in der Niederlausitz auf Niedersorbisch ist das Stück von Eva-Maria Zschornack nun auch auf Obersorbisch in der Oberlausitz zu erleben.

Besonders Jurij Schiemann muss dabei seine Termine gut im Blick behalten. Der freiberufliche Schauspieler, der seine Ausbildung am Europäischen Theaterinstitut in Berlin absolvierte, ist auch noch am Bautzener Schauspielhaus in unterschiedlichen Produktionen zu erleben. So ist er in dem Jurij-Koch-Stück „Der Landvermesser“ genauso wie in der Erfolgsinszenierung „My Fair Lady“ zu erleben. „Ich will das Publikum unterhalten, egal, wo ich auf der Bühne stehe. Wichtig ist auch, dass wir Kollegen zusammen Spaß haben“, sagt der Schauspieler. Bei der Abendvogelhochzeit kommen beide Wünsche nicht zu kurz, wenn Jurij Schiemann in den Rock und Alena Farkas in den Frack schlüpft.

Termine: 30. Januar, 16/19.30 Uhr Crostwitz, 31. Januar, 19.30 Uhr Wittichenau, 5./7. Februar, 19.30 Uhr Bautzen, 6. Februar, 19.30 Uhr Radibor, Tickets: Telefon 03591 358111 und E-Mail ticket©sne-gmbh.com

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