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Klassentreffen der Extremisten

Wuppertal ist nicht Dresden. Jedenfalls nicht, was Pegida betrifft. Das weiß nun auch Vereinschef Lutz Bachmann.

Von Wolfgang Kintscher* (Text u. Foto)

Sie sind nur zu dritt, aber das ist nicht das Problem – auch Pegida hat schließlich mal klein angefangen. Es stellt sich nur die Frage, wohin Jana (28), Lars (30) und Cenk (33) mit ihren selbst gebastelten Wugeveda-Schildern jetzt gehen sollen, denn „Wuppertaler gegen die Verblödung des Abendlandes“ werden an diesem nasskalten Sonnabendnachmittag augenscheinlich überall gebraucht.

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Der 340 000-Einwohner-Stadt im Bergischen Land stehe „der größte Idioten-Auflauf ever bevor“, hatte es im Internet geheißen. Sollen sie also gegen die Salafisten demonstrieren, die sich am Willy-Brandt-Platz aufbauen? Sollen sie sich schützend vor die Alte Synagoge stellen? Sollen sie zum Kino-Center an der Wupper marschieren, wo Pegida zu einer „Generalmobilmachung“ aufgerufen und die Antifa sich in Rufweite postiert hat? Oder doch lieber die Neonazis auspfeifen? Und wie nah können sie sich dem Versammlungsort der Hogesa nähern, den „Hooligans gegen Salafisten“ vor der alten Stadthalle?

Dieser Tag ist eine Art Klassentreffen der Extremisten. Während Wuppertals CDU-Oberbürgermeister Peter Jung klagt, dass sich „extreme Ideologen wieder einmal unsere Stadt ausgesucht haben, um ihre diskriminierenden und menschenverachtenden Parolen kundzugeben“, dokumentiert die Polizei ihre Stärke mit einer Leistungsschau: mehr als 1 000 Beamte, Reiterstaffel, Hundeführer, Hubschrauber, Räumpanzer, ein halbes Dutzend Wasserwerfer: „Großes Besteck“, sagt Polizeipräsidentin Birgitta Radermacher.

Das muss einen wie Lutz Bachmann irritieren, der in Dresden Montag für Montag auf ein tausendfaches Publikum schaut, während die Ordnungshüter dort überwiegend Däumchen drehen. Der Urheber der Pegida-Bewegung wird zwar wie ein Pop-Star auf die Bühne gebeten, schaut dann aber recht mürrisch auf die von der Polizei geschätzten „circa 800“ Zuhörer. Das sind nicht einmal halb so viele, wie Pegida erwartet hatte. Der Großteil besteht aus einer von der Polizei wachsam beäugten Schar aus Hooligans und Rechtsradikalen mit Kapuzenpullis und Sonnenbrillen.

Die lauschen einer eher uninspirierten, abgelesenen Acht-Minuten-Rede Bachmanns. Sogar mit Stammtisch-Rhetorik über „gierige Polit-Apparatschiks“ und das „süße Leben in vollgefurzten Beamtensesseln“ löst Bachmann keine Begeisterung aus. Plötzlich fliegen Flaschen, explodieren Böller. „Bitte macht jetzt nicht alles kaputt, was wir in 18 Wochen aufgebaut haben“, beschwört Bachmann die Menge, „die Polizei ist nicht unser Gegner.“ Zu spät. Hilflos muss er mit ansehen, wie die Scharmützel der Hooligans im Pegida-Lager der Polizei als Anlass dienen, den Spaziergang durch die Wuppertaler Innenstadt abzublasen. Entsprechend sauer ist Bachmann auf die Polizei-Einsatzleitung.

„Wir haben das in den Griff bekommen, dass nichts gekippt ist“, wird der 42-Jährige einem RTL-Reporter später ins Mikro sagen. Fast eine Stunde dauert es, bis die Pegida-Anhänger, eskortiert von martialisch dreinschauenden Polizisten, den Ort des Geschehens räumen. Nicht mal ein Blick auf die Kundgebung der rund 170 Salafisten wird ihnen erlaubt.

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Am Ende zieht die Polizei sichtlich zufrieden Bilanz: 21 Strafanzeigen oder Ordnungswidrigkeiten gab es, zwölf Personen kamen vorübergehend in Polizeigewahrsam, darunter auch vier als „alkoholisiert und aggressiv“ beschriebene Pegida-Demonstranten.

*Wolfgang Kintscher ist Redakteur der Neuen Ruhr-Zeitung (NRZ).