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Kleiner Magier, was nun?

© Sven Ellger

Das Unternehmen Sarrasani steckt in einer Krise. Aus Dresden wegzudenken sind der Name und die Marke nicht.

Anna Hoben

Es sind schwere Zeiten für das Traditionsunternehmen: Punkt neun Uhr am Freitagmorgen hat André Sarrasani am Dresdner Amtsgericht einen Insolvenzantrag eingereicht. „In 110 Jahren Sarrasani ist es immer auf und ab gegangen“, sagte der Varieté-Chef eine Stunde später vor Journalisten, „dies ist jetzt eine bewölktere Zeit“. Er beeilte sich hierauf, positive Botschaften nachzuschieben, und blieb dabei ganz in der meteorologischen Bildsprache: „Ich sehe Sonne am Horizont.“ Das Insolvenzverfahren, es soll kein Ende einläuten, sondern ein Neuanfang sein.

„Circus-Theater der 5000“: Das Sarrasani-Gebäude mit der markanten Kuppel am Carolaplatz war einst der größte Zirkusbau Europas, mit Manege, Orchestergraben und Bühne. © Archiv Naumann

Dennoch scheint es, als sei Sarrasani vom Pech verfolgt: Vergangenen Dezember verunglückte ein ukrainischer Artist während einer Vorführung der Varieté-Show „Elements I: Air et Terre“. Er verletzte sich bei der Landung nach einem Sprung so schwer am Rücken, dass er noch in der Nacht operiert werden musste. „Das ist ein trauriger Tag für uns alle“, schrieb der Unternehmer damals auf Facebook.

In dem sozialen Netzwerk bedankten sich ihm Wohlgesinnte am Freitag auf die Nachricht von der Insolvenz hin für seine Offenheit, wünschten ihm Glück für die Zukunft und sprachen ihm Mut zu. Bei dem Unternehmen hat sich ein Schuldenberg von 1,2 Millionen Euro angehäuft. Der größte Teil davon ist jetzt fällig. Neben einer enormen Umsatzsteuernachzahlung müssen Transport- und Speditionskosten, Bankkredite, Kosten für Steuerberater und PR-Agentur beglichen werden.

Zu den Gläubigern gehört auch die Stadt, die den Standort am Wiener Platz an die Sarrasani GmbH vermietet. Ob die nächste Premiere im November dort gefeiert wird, ist noch unklar. Der Mietvertrag läuft Ende August aus. „Es gäbe zwei bis drei Standort-Alternativen, die potenziell funktionieren würden“, sagt Sarrasanis Sprecher Steffen Ball. Das Verwaltungsgeschäft übernimmt künftig die neu gegründete Sarrasani Event GmbH.

Der Name Sarrasani steht für ein traditionsreiches Unternehmen, das sich immer wieder aufgerappelt hat. Alles beginnt damit, dass der aus Posen stammende Hans Stosch in den 1890er-Jahren als Dressurclown umjubelte Auftritte feiert und sich in Giovanni Sarrasani umbenennt. 1901 zieht er nach Radebeul und beginnt, einen neuartigen Zirkus aufzubauen. Der feiert ein Jahr darauf seine Premiere in einem Riesenzelt in Meißen. Gastspiele führen die Artisten schon bald bis nach Prag, Wien, Basel, Brüssel und Paris.

1912 dann die große Eröffnung in Dresden: Der Kuppelbau am Carolplatz gilt als der erste feste und fortan größte Zirkusbau Europas. Zugelassen für 3 860 Zuschauer, wird er als „Circus-Theater der 5 000“ bezeichnet. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden Zugmaschinen, Pferde und Wagen requiriert, 460 von 500 Artisten und Arbeitern zum Kriegsdienst verpflichtet. Mehr als 200 Tiere verhungern, das Unternehmen bricht zusammen. In den 20er-Jahren wird der Zirkus modernisiert. Als Hans Stosch 1934 stirbt, teilt sein Sohn das Unternehmen in zwei Zirkusse auf. Im Februar 1945 zerstören Brandbomben den Kuppelbau am Carolaplatz.

Im Jahr 1956 erfolgt in Mannheim die Neugründung durch Fritz Mey, den Vater von André Sarrasani. Letzterer leitet den Traditionsbetrieb seit 2000 und entwickelt ihn zum Entertainment-Unternehmen. 2004 kehrt er mit der Dinner-Varieté-Show „Trocadero“ nach Dresden zurück. Und dort möchte er auch bleiben. „Ich will die Faszination Sarrasani auch in Zukunft nach außen tragen“, sagte er am Freitag.