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Kleistert Dresden seine Narben zu?

Am Stadtschloss werde Geschichte unsichtbar gemacht, sagt der Chef der Kunstsammlungen. Ihm widerspricht jetzt der Ex-Kunstminister.

© Thomas Lehmann

Von Hans Joachim Meyer

Das Dresdner Schloss ist ein über viele Jahrhunderte entstandenes Bauwerk der Geschichte. Und es ist als Ort herausragender Kunstwerke ein Zeugnis für den kulturellen Zusammenhang und die geistige Wechselwirkung in Europa und der Welt. Beides gehört zusammen: Die steingewordene Geschichte und die Kunstwerke, die dort versammelt sind. Das Schloss ist also kein beliebiger Ort, der heute als Museum verwendet wird. Vielmehr haben sich nach dem Krieg Denkmalpfleger, Museumsfachleute und Kunsthistoriker zusammen mit vielen Dresdner Bürgern über viele Jahrzehnte dafür eingesetzt, dass dieses im Krieg zerstörte Schloss vor dem Verschwinden bewahrt wurde. Ihre Hoffnung war, es könne als Denkmal der Geschichte und Haus der Künste wiedererstehen. Heute ist das Schloss der noch unvollendete Kern der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Deren Weltgeltung zeigte sich nicht zuletzt, als mit Hartwig Fischer schon ihr dritter Generaldirektor als Leiter einer bedeutenden Kultureinrichtung in eine europäischen Metropole berufen wird. Das ehrt natürlich vor allem die Person, aber es würdigt auch den Ort des bisherigen Wirkens.

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Hans Joachim Meyer, geboren 1936 in Rostock, hat Anglistik und Geschichte studiert und war an der Humboldt-Universität unter anderem Professor für angewandte Sprachwissenschaften. Von April bis Oktober 1990 war Meyer in der Regierung de Maizière Minister
Hans Joachim Meyer, geboren 1936 in Rostock, hat Anglistik und Geschichte studiert und war an der Humboldt-Universität unter anderem Professor für angewandte Sprachwissenschaften. Von April bis Oktober 1990 war Meyer in der Regierung de Maizière Minister © dpa/dpaweb

Von Hartwig Fischer weiß ich aus einem Gespräch, wie wichtig ihm der Fortgang der Arbeiten am Schloss war. Umso erstaunter war ich, in einem Interview des Berliner Tagesspiegel unlängst von ihm zu lesen: „Man neigt in Dresden dazu, die Versehrungen und Narben der Geschichte unsichtbar zu machen. … Rekonstruktion bedeutet ja in einem Zug Wiedergewinnung und Vernichtung der Geschichte.“ Man wolle die Vergangenheit „überkleistern“. Er hingegen habe sich dafür eingesetzt, „dass Teile im rekonstruierten Bau roh bleiben, mit den Spuren der gewaltsamen Geschichte.“ In Dresden neige man jedoch zu der Haltung: „Wir sind in der Vergangenheit, durch Diktatur und Krieg, um etwas Kostbares gebracht worden, obwohl wir – angeblich – unschuldig waren, und jetzt wollen wir es zurückhaben.“ Fischer sieht darin einen Grund für den „Hass gegen andere, die ‚Fremden‘, der mit Pegida durch die Straßen zieht“.

Halten wir zunächst unmissverständlich fest: Es gibt schlimme Äußerungen und Ausbrüche von Fremdenhass in Dresden. Auch wenn diese von einer Minderheit kommen, so ist dennoch der Schaden für den Ruf dieser Stadt verheerend. Darum gilt es, Pegida entschlossen entgegenzutreten. Doch gibt es Fremdenhass, weil im Schloss Gemäuer verputzt werden sollen? Jedenfalls mehr Gemäuer, als Hartwig Fischer für richtig hält? Jeder, der das lange Ringen um den Wiederaufbau des Schlosses kennt, weiß, dass von einem Verschwinden der schmerzhaften Spuren der Geschichte dort keine Rede sein kann.

Mich erinnert dieses Interview an den Konflikt um das Dresdner Schloss, der im Februar 1995 ausbrach. Den in Dresden in jahrelanger Arbeit entwickelten Plänen zur Wiedergewinnung des Schlosses und zu seiner künftigen kulturellen Aufgabe wurde aus westlicher Feder der Vorwurf gemacht, man wolle „unliebsame Geschichte entsorgen und glanzvolle Zeiten herbeizaubern“. So Falk Jaeger in der FAZ. Überhaupt sei man in Dresden mit solchen Aufgaben überfordert. Das war der Auftakt zu einer regelrechten Kampagne gegen jene in Dresden, denen das Überleben der Schlossruine und deren Verbindung mit einer kulturellen Zukunft zu verdanken war.

Noch immer bin ich froh, dass ich mich als Minister für Wissenschaft und Kunst bald mit dem für öffentliches Bauen zuständigen Finanzminister Georg Milbradt darauf verständigte, für Ende November 1995 zu einem gesamtdeutsch und international besetzten Kolloquium über den künftigen Umgang mit dem Schloss einzuladen. Dafür konnte eine hochkarätige Kommission unter dem Vorsitz des bekannten und angesehenen Kunsthistorikers Hugo Borger gewonnen werden. Das Kolloquium wurde denn auch kein Schlagabtausch zwischen Ost und West, sondern ein fachlich anspruchsvoller gesamtdeutscher Dialog, der das Dresdner Konzept im Wesentlichen bestätigte. Damit waren jedoch die Angriffe aus westlichen Federn und Mündern nicht beendet, was bei nicht wenigen Dresdnern damals zu einer Stimmung führte, die Heinrich Magirius als „gereizte Repression“ beschrieb. Und auch als, mit breiter Unterstützung im Landtag, das Kabinett im Dezember 1997 der von Georg Milbradt und mir gemeinsam erarbeiteten „Museumskonzeption Dresdner Schloss“ zustimmte, ging der Streit weiter.

Nun ist die Debatte das Lebenselixier einer freiheitlichen Demokratie. Allerdings wird diese meist von Grundströmungen bewegt, welche diese vorprägen. Nach der Niederringung des verbrecherischen Nationalsozialismus durch die Alliierten war es für die Deutschen ethisch zwingend, sich mit ihrer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. Das gilt auch weiterhin. Mehr als andere Völker müssen wir uns entschieden zur Freiheits- und Humanitätstradition in unserer Geschichte bekennen. Einflussreich ist stattdessen die Neigung, sie pauschal als Vorgeschichte der Nazidiktatur zu sehen. Im Osten propagierte die SED ohnehin die radikale Abkehr von der als Klassenherrschaft zu überwindenden Vergangenheit und ihren gebauten Zeugnissen. Im Westen wurde ab 1968 zunehmend alles, was mit Deutschland und den Deutschen zusammenhängt, unter Generalverdacht gestellt. Doch schon 1947 stieß der Wiederaufbau von Goethes Geburtshaus in Frankfurt am Main auf massive Abwehr im intellektuellen Milieu Westdeutschlands.

Heute äußert sich diese Haltung gern in der ideologisch motivierten Inszenierung „geschichtlicher Brüche“, wenn – meist gegen Widerstand – Bauten der Vergangenheit wiedererstehen. Wie die irreführende Losung „Gegen rechts“ gegen jeden verwendet werden kann, welcher nicht mit der eigenen, als „links“ proklamierten Position übereinstimmt, so kann jeder, welcher den Kult mit „geschichtlichen Brüchen“ für abwegig hält, in den Geruch des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit gebracht werden. Auch dies ist eine Waffe im Kampf um die öffentliche Meinungsführerschaft. Ist es auch Teil der im Osten nachzuholenden Umerziehung nach der Einheit, welche die meisten Deutschen im Osten wollten, doch im Herbst 1989 nicht wenige in den akademischen und publizistischen Kreisen der westlichen Bundesrepublik als „Revanchismus“ ablehnten?

In Deutschland ist jetzt – in einer englischen und einer deutschen Ausgabe – „Germany. Memories of a Nation“ erschienen – ein Buch, das Neil MacGregor, der Vorgänger Hartwig Fischers in der Leitung des British Museum, geschrieben hat. Es ist, ohne dass auch nur der geringste Zweifel an der freiheitlichen Überzeugung des Verfassers aufkommen kann, voll von Respekt und Sympathie für die Deutschen und geprägt von tiefem Verständnis für unsere schwierige und belastende Geschichte. Wäre das Buch von einem Deutschen geschrieben worden, dann hätte man diesem in der deutschen Öffentlichkeit wahrscheinlich Verdrängung und Verschweigen vorgeworfen. Neil MacGregor kommt als Leiter der Gründungsintendanz des „Humboldt-Forums im Berliner Schloss“ nach Deutschland.

Unter dem Titel „Perspektiven“ veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.