Teilen:

Klimawandel im Büro

© Norbert Millauer

Silva Garves will mit ihrem Ein-Frau-Unternehmen die Arbeitsplätze der Menschen endlich zu Wohlfühlorten machen. Dafür hat sie eine lukrative Karriere beendet.

Von Dominique Bielmeier

Moritzburg. Naturnaher könnte sie wohl kaum leben. Schloss Moritzburg mit seinen vier roten Hauben ist in der Ferne hinter einer hohen Wiese zu sehen, dazwischen verbergen sich Schwanenteich und Schlossteich. Über die Terrasse und das Erdgeschoss gehen Draußen und Drinnen fast nahtlos ineinander über. Eine große Fototapete im Flur zeigt ein Naturmotiv und auch in der Wohnküche, die sich anschließt, ist vieles auffallend grün: Aus einer hölzernen Regalkonstruktion ranken sich Efeu, Efeutute und Einblatt, im Wohnbereich stehen mehrere riesige Farne.

Doch Silva Garves, die hier mit ihrem Mann und den zwei Kindern, einer zehnjährigen Tochter und einem zwölfjährigen Sohn, lebt, ist weder Floristin noch Landschaftsgärtnerin. Die 50-Jährige ist Unternehmerin und hat unter anderem viele Jahre in der Informationstechnik gearbeitet, leitete IT-Projekte mit größeren Teams und lebte sogar dreieinhalb Jahre lang in London, wo sie im Investmentbanking arbeitete. „Dort habe ich immer gesagt: Man muss doch in diesen Bürotürmen mal ein Fenster öffnen können, das ist ja furchtbar! Immer dieses hermetisch Abgeriegelte.“

Es fiel ihr immer und immer wieder auf in ihrem Arbeitsleben: Büros waren zweckmäßige Orte – Schreibtisch, Rechner, weiße Wände – aber keine, an denen man sich wohlfühlen konnte. Und gleichzeitig klagten die Firmenchefs über hohen Krankenstand im Winter, über junge Mitarbeiter, die nach ein, zwei Jahren zu einem anderen Unternehmen wechseln. In Garves‘ Kopf keimte eine erste Idee.

Irgendwann wollte die gebürtige Lübeckerin nach Deutschland zurück. Da kam ihr ein Angebot aus Dresden gerade recht. Es war das Jahr 1994. „Da habe ich dann sechs Jahre lang unsanierte Mehrfamilienhäuser verkauft, auch saniert und vermietet.“ Sie fängt an, sich mit Gestaltung und Grundrissen zu beschäftigen.

Damals lebt sie mit dem Mann und den kleinen Kindern noch in der Dresdner Neustadt. Die Tochter entwickelt dort sehr schnell eine chronische Atemwegserkrankung, hat ständig Bronchitis, sogar Lungenentzündungen. „Da haben wir uns gesagt, wir müssen unbedingt irgendwo hinziehen, wo die Luft besser ist.“ So kommt das Paar nach Moritzburg, findet ein passendes Grundstück und baut ein Einfamilienhaus mit Blick auf das Schloss. Garves‘ Tochter hat von da an nie mehr Probleme mit den Atemwegen. Die Idee in Silva Garves‘ Kopf fängt an zu wachsen.

Und irgendwann ist sie so groß geworden, dass sie alle Aufmerksamkeit fordert. Ein Jahr lang lässt sich Garves alles noch einmal gründlich durch den Kopf gehen, dann wagt sie den Absprung und gründet ihr eigenes Unternehmen. Silver‘s Cove, der Name spielt nicht nur auf ihren eigenen Vornamen an, sondern steht auch für die Verbindung aus Technologie – Silber – und Natur. Cove ist der englische Begriff für eine kleine Bucht. Vor zwei Jahren hat sie sich mit ihrer Geschäftsidee von naturnahen Räumen, vor allem Geschäftsräumen, selbstständig gemacht. Dafür gab sie sogar eine Festanstellung auf.

Etwa 20 000 bis 30 000 Euro aus Eigenmitteln musste sie in ihren Traum vom eigenen Unternehmen investieren, zum Beispiel für Anschaffungen für Messen. Das berankte Regal in der Wohnküche ist so ein Ausstellungsstück. Efeu, Efeutute und Einblatt darin sind nicht zufällig gewählt: Es sind die Pflanzen, die Luft in einem Raum am besten filtern.

In Druckerräumen wäre dagegen eine Birkenfeige ideal. Und wer seine Wohnung neu mit Ikea-Möbeln einrichte, könne sicher sein, dass diese enorm viel Formaldehyd ausdünsten. „Dagegen ist zum Beispiel ein Farn gut“, so Garves.

Das Ganze ist kein Hokuspokus, sondern wurde vor ein paar Jahren sogar von der Nasa erforscht. „Sie haben eine Art Zelt aufgebaut, da Schadstoffe reingepumpt und Pflanzen hineingestellt“, erklärt Garves. „Durch die Pflanzen war innerhalb von 24 Stunden alles weg. Tolle Sache.“

Diese Erkenntnisse nutzt die Unternehmerin für ihr Geschäft. Pflanzen in Besprechungsräumen versorgen die Luft beständig mit Sauerstoff und beugen so Kopfschmerzen und Müdigkeit vor. In Büros können sie außerdem als Sicht- und Schallschutz eingesetzt werden. Die beruhigende Wirkung der grünen Blattfarbe ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. „Wenn ich auf Messen meine Moosbilder zeige, steuern die Besucher direkt darauf zu“, sagt Silva Garves.

Die Moosbilder oder auch ganze Wände, die sie anbietet, sind immergrün – obwohl das Moos gar nicht mehr lebt. „Man nennt es stabilisiertes Moos“, erklärt Garves. Das klingt besser als „tot“. Es wurde speziell für ein solches Bild gezüchtet und irgendwann mit Glycerin statt mit Wasser versorgt. So wird es konserviert. Die Luft kann es dann zwar nicht mehr filtern, aber der positive Effekt auf die Psyche sei trotzdem gegeben, verspricht Garves.

Andere Länder seien beim Thema Raumklima übrigens schon deutlich weiter als wir, sagt Garves. Der Franzose Patrick Blanc gilt als der Vater des vertikalen Gartens, ein Vorbild für Silva Garves. Er begrünt ganze Häuserfassaden überall auf der Welt, zum Beispiel das Kaufhaus Galeries Lafayette in Berlin. Auch junge Technologie-Firmen wie Google und Facebook hätten den Trend zu grünen Arbeitsräumen längst erkannt, weiß Garves. „Ich sage immer: Das Raumklima ist das neue Betriebsklima.“ Vor zehn, 20 Jahren hätte auch niemand etwas mit dem Begriff „Betriebsklima“ anfangen können. Heute ist es selbstverständlich, dass ein Unternehmen sich darüber Gedanken macht.

„Wir verbringen 90 Prozent unseres Lebens in Innenräumen, nicht nur am Arbeitsplatz“, sagt Garves. „Da ist die Luftqualität ganz entscheidend. Und immer mehr Menschen sehen das so.“

Aber könnte man das grüne Büro von morgen, das die Unternehmerin sich vorstellt, nicht ganz einfach selbst gestalten? Mit ein paar Topfpflanzen, einem Zimmerspringbrunnen und einer Fototapete?

„Aber ich weiß ja, wie das ist in Büros“, sagt Garves. „Am Ende will sich niemand darum kümmern, die Pflanzen zu gießen.“ Oder drei Kollegen gießen sie gleichzeitig und sie verfaulen. Deshalb haben die vertikalen Gärten – eine Art gerahmtes Bild, in das Pflanztöpfe über- und nebeneinander eingelassen sind – eine automatische Bewässerung. Deren Tank muss nur alle paar Wochen aufgefüllt werden, die Pflanzen können sich selbst das Wasser nehmen, das sie brauchen. Die Moosbilder können auch da aufgehängt werden, wo gar kein Licht hinfällt, trotzdem werden sie nicht braun oder gehen ein. Und auch Wasserwände und Tageslicht-Lampen gehören zum Konzept des naturnahen Arbeitens.

Der Preis für ein Moosbild beginnt bei rund 200 Euro, für die Gestaltung von Geschäftsräumen verlangt Silva Garves 115 Euro pro Stunde, zusätzliche Reisekosten können separat berechnet werden.

Die ersten kleineren Aufträge hatte die Unternehmerin bereits, nun investiert sie ihre Zeit und Kraft noch mehr in Werbung, um bekannter zu werden. Aus dem Ein-Frau-Unternehmen darf ruhig eine richtige Firma werden. Ein kleines Büro in der Dresdner Neustadt gibt es bereits. Dort werden die Besucher natürlich von einer großen, grünen Wand aus Moos begrüßt.