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Als Journalistin fürs Klima demonstrieren - geht das?

Für die junge Generation geht es beim Klimawandel um alles. Wie soll man da als junger Mensch auf Distanz bleiben? Ein persönliches Bekenntnis.

Von Luisa Zenker
 6 Min.
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Klimaschutz schafft mehr Gerechtigkeit. Dafür gehen bei der Weltklimakonferenz in Glasgow Tausende auf die Straße
Klimaschutz schafft mehr Gerechtigkeit. Dafür gehen bei der Weltklimakonferenz in Glasgow Tausende auf die Straße © PA Wire

Dresden. Jeden Freitag gehen seit mehr als drei Jahren Tausende Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße. Sie fordern härtere Maßnahmen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Um die Politik wachzurütteln, legen sie Schulunterricht und Studium nieder. Ich will da mitmachen. Ich will auch demonstrieren. Für mehr Klimagerechtigkeit. Doch ich bin Journalistin. Geht das?

Journalismus richtet sich nach Tatsachen. Tatsache ist: Wir stecken in einer menschengemachten Klimakrise. Das ist keine Weltanschauungsfrage, das ist Wissenschaft. Unsere Ökosysteme geraten derzeit an Kipppunkte, die unvorhersehbare Reaktionen hervorrufen werden. Hunger, Armut, Krankheiten und Kriege werden dadurch verstärkt oder sogar ausgelöst. Wir sind – besonders im globalen Norden – verantwortlich für diese Krise. So lautet das einhellige Urteil der Forschung.

Die Bekämpfung des Klimawandels ist also eine Menschheitsaufgabe. Den Vereinten Nationen zufolge hat jeder und jede ein Recht auf eine „sichere, saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt“. Auch das deutsche Bundesverfassungsgericht schließt sich dem an. Mit Blick auf die Zukunft ist das ein hehres Ziel: Meine Generation wird von den Folgen der Klima- und Umweltkrise besonders betroffen sein.

Ich habe Angst vor dem Klimawandel

Ich bin 24 Jahre alt und werde in einer Welt leben, in der das Wetter extremer sein wird. Davor habe ich Angst. Ich habe Angst vor den Hitzewellen, Dürresommern und Waldbränden. Vor Flutkatastrophen und Stürmen. Vor Hungersnöten, vor dem Artensterben und den gesellschaftlichen Folgen dieser ökologischen Krise.

Dagegen will ich etwas tun. Ich will protestieren. Ich will nicht miterleben müssen, wie Böden um mich herum ausdörren und Wälder sterben. Bereits jetzt bekommen viele Länder die Folgen zu spüren, seien das extremere Wirbelstürme, schmelzende Gletscher, häufiger auftretende Überschwemmungen, Ernteausfälle oder fehlendes Trinkwasser.

Jedes Jahr werden laut dem Global Carbon Project etwa 35 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre freigesetzt. All das passiert, während ich weiter Artikel für die Zeitung schreibe und mir für meine kleinen ökologischen Alltagshandlungen auf die Schulter klopfe. Doch ich weiß, dass es nicht ausreicht, wenn ich im Bioladen klimaschädliche Produkte wie Käse, Wurst und Bananen im Regal liegen lasse, den Arbeitsweg mit dem Rad zurücklege und meine Kleidung im Second-Hand-Laden kaufe. Ich weiß, dass auch ich auf die Straßen gehen müsste. Denn damit wir den Klimawandel stoppen, braucht es einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Dafür müssen Unternehmen umgebaut werden, Bundespolitiker den Emissionshandel verschärfen, Lokalpolitiker den öffentlichen Nahverkehr stärken. Wenn sich schnellstens etwas ändern soll, braucht es den Druck von der Straße.

Objektiver Journalismus ist ein Mythos

Verletze ich meine Neutralität als journalistische Beobachterin, wenn ich dafür demonstriere? Dieser Vorwurf wird oft erhoben. Ich kann ihn nicht mehr hören. Völlig „objektiven“ Journalismus gibt es sowieso nicht. Das ist ein Mythos, denn Zeitungen bilden die Wirklichkeit nicht nur ab, sondern prägen sie selbst mit. Das war immer schon so. Hinter jedem Objekt steht ein Subjekt: Journalistinnen und Journalisten sind, wie alle anderen Menschen, durch ihre Erfahrungen, ihre politische Gesinnung, ihre Bildung, Herkunft, ihr Geschlecht geprägt. Sie nehmen die Realität dementsprechend wahr.

Objektiver Journalismus könne gar nicht erfüllt werden, weil er von so vielen subjektiven Entscheidungen abhängt, schreibt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Das beginne bei der Auswahl der Themen, der Interviewpartner und Quellen und ende mit der Wort- und Bildwahl, die einen Beitrag ausmachen.

Umso wichtiger für seriösen Journalismus ist Transparenz. Sie schafft Glaubwürdigkeit. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich öffentlich machen sollte, wenn ich als Privatperson an Klimaprotesten teilnehme. Aber kann ich heute auf eine Demonstration von Fridays for Future gehen und morgen kritisch über Klima-Aktivismus und Klimaschutzmaßnahmen schreiben? Ja, auch das geht! Denn der Klimawandel ist keine Interessensfrage. Er findet statt. Da draußen blasen jeden Tag Schornsteine und Auspuffe klimaschädliches Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre. Den menschengemachten Klimawandel gibt es, und er trifft uns alle.

In Sachen Klimapolitik muss sich was ändern, und zwar dringend.
In Sachen Klimapolitik muss sich was ändern, und zwar dringend. © PA Wire

Da gibt es nichts zu leugnen. Es geschieht unabhängig von der Parteienkulisse, und diese Erkenntnis darf nicht in die links-grüne Ecke gestellt werden, auch wenn das einige gern so hätten. Klimaschutz ist ein überparteiliches Ziel, es findet sich in allen Wahlprogrammen der Parteien, die im Bundestag vertreten sind, ausgenommen die AfD. Das Klima gehört zur menschlichen Lebensgrundlage, und es wird mein Leben gravierend ändern, wenn die Erderwärmung nicht gestoppt wird.

Ich will Panik, wie Greta. Aber vor allem will ich Lösungen. Wie diese aussehen, das ist Politik. Ob technische Innovationen, marktwirtschaftliche Maßnahmen oder verhaltenspsychologische Anreize, jede Partei hat da ihren eigenen Forderungskatalog: Von der Kohle über die Atomkraft bis zum Windrad – in diese Debatte sollen andere ihre Energie stecken.

Klimagerechtigkeit - Das ist kein Aktivismus

Ich selbst demonstriere nicht für eine konkrete Lösung, sondern einzig allein für eine lebenswerte und klimagerechte Zukunft. Und das darf ich. Auch wenn ich an anderen Tagen als Journalistin arbeite: Ich bin deutsche Staatsbürgerin, für mich gelten dieselben Rechte im Grundgesetz wie für jede andere Person. Ich habe ein Recht auf Meinungsfreiheit und die Teilnahme an Demonstrationen. Im Grundgesetz steht nicht, dass Journalisten und Journalistinnen das nicht dürfen. Ich erwarte nicht, dass jeder Journalist auf die Straße geht, aber ich erwarte, dass die Klimawandel-Berichterstattung genauso die Zeitungen füllen kann wie jedes andere Thema. Das ist kein Aktivismus, das ist wissenschaftlich fundierter Journalismus.

Ich erwarte, dass Journalisten Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft auf die Finger schauen, sei es in Sachen Umweltpolitik oder Steuerfinanzierung. Und wem das nicht reicht, der darf auch als Journalist auf eine Klimademonstration gehen. Ich habe für mich entschieden: Solange ich mich an folgende Regeln halte, kann ich für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen.

  • Erstens: Ich berichte nicht über eine Demonstration, wenn ich selbst Teilnehmerin bin. Sollte es dennoch aus redaktionellen Gründen dazu kommen, werde ich diese Umstände offenlegen.
  • Zweitens: Ich schreibe über keine Demonstration oder Veranstaltung, die ich selbst organisiert habe.
  • Drittens: In meiner gesamten Berichterstattung gehe ich offen und fair mit allen Meinungen um. Ich überprüfe die Aussagen meiner Protagonisten und informiere mich sorgfältig.
  • Viertens: Jeder meiner kommentierenden Texte sollte als Meinungstext gekennzeichnet sein, damit ich meine persönlichen Ansichten nicht durch die berufliche Sprachmacht einer Zeitung mit Hunderttausenden Leserinnen und Lesern auf Papier und im Internet ausnutze.
  • Fünftens: Bei jedweder Klimaberichterstattung beachte ich wie bei allen anderen Themen auch das journalistische Handwerk: Hintergrundinformationen liefern, möglichst viele Quellen nutzen, sorgfältig und kritisch die Aussagen überprüfen.

Für mich steht also fest: Beim nächsten Klimaprotest werde ich dabei sein. Dort will ich als Privatperson Plakate hochhalten und lauthals mitrufen: „What do we want? Climate justice!“ Wer kommt mit?