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Heiße Klimaaussichten für Ostsachsen

Das Dürrejahr 2019 könnte normal werden. Berechnungen zeigen, wie der Kreis Görlitz 2050 und 2100 aussähe. So wichtig ist der Kampf gegen den Klimawandel.

Von Frank-Uwe Michel
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Staubtrockene Äcker werden in Zukunft nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein. Im Regionalen Klimainformationssystem ReKIS sind die Entwicklungen zu Temperatur und Niederschlag für jede Gemeinde in Sachsen aufgeführt.
Staubtrockene Äcker werden in Zukunft nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein. Im Regionalen Klimainformationssystem ReKIS sind die Entwicklungen zu Temperatur und Niederschlag für jede Gemeinde in Sachsen aufgeführt. © SAE Sächsische Zeitung

Tagelange Regengüsse und Überschwemmungen, aber auch Hitzerekorde und verdorrte Böden - schon seit Jahren spielt das Wetter verrückt. Doch wie wird das Klima in der Zukunft aussehen? Modellrechnungen gab es bislang für Staaten oder Bundesländer. Nun haben Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eine Internetseite freigeschaltet, wo jeder die Vorhersagen für seine Kommune aufrufen kann. Die SZ hat das für die großen Städte im Kreis Görlitz getan.

Ganz pauschal lassen sich zumindest zwei Klimamerkmale für die nächsten Jahrzehnte in Ostsachsen formulieren: Die Temperaturen steigen und das Niederschlagsverhalten ändert sich. Das bedeutet: Wetterextreme wie Starkregen, Hitzewellen und Trockenheit nehmen ständig zu. Die Daten, die in ReKIS geflossen sind, beziehen sich auf die von der Weltorganisation für Meteorologie festgelegte Klimareferenzperiode (KRP) der Jahre 1961 bis 1990. Für den Ausblick in die Jahre 2050 und 2100 wurden sieben Klimamodelle verwendet. Sie nehmen ungebremste Treibhausgasemmissionen an - ohne globalen Klimaschutz. Möglich also, dass - wenn sich die Menschheit doch noch für die Rettung des Planeten entscheidet - es nicht ganz so schlimm kommt, wie prognostiziert.

Niederschlag: Verteilung im Jahr ändert sich gravierend

Beim Blick Richtung 2050 stellen die Klimamodelle fest, dass sich der Jahresniederschlag im Landkreis Görlitz zwar nur geringfügig verändert, sogar leicht zunimmt. Die Verteilung innerhalb der Jahreszeiten dürfte die Menschen jedoch vor Probleme stellen. Denn im Sommer gibt es immer weniger Regen, im Winter dagegen nimmt er zu. Den meisten Niederschlagsverlust in den größeren Städten des Kreises muss im Sommer Görlitz mit -14 Prozent verkraften. Zittau liegt mit -13 Prozent knapp dahinter, gefolgt von Niesky und Weißwasser mit -12 Prozent. Für Löbau rechnen die Modelle -10 Prozent, für Ebersbach-Neugersdorf -9 Prozent aus. Das bedeutet: Die Kommunen entlang der Neiße und im nördlichen Flachland müssen innerhalb des Kreises mit dem größten Regendefizit im Sommer rechnen. Dagegen sieht es in Orten wie Leutersdorf, Hainewalde und Olbersdorf (jeweils -8 Prozent) sowie Seifhennersdorf (-7 Prozent) und Oppach (-5 Prozent) einigermaßen verträglich aus. Wo Hügel und Berge sind, gehen dann doch ein paar Tropfen mehr nieder.

Lufttemperatur: Dürrejahr 2019 wird Normalität

Wärmer wird es bis 2050 überall im Kreis. Mit +2,6 Grad Celsius geben die Klimamodelle die Temperatursteigerung in allen größeren Städten an. Löbau liegt mit +2,5 Grad nur geringfügig darunter. Das Dürrejahr 2019, in dem Bäche und Flüsse austrockneten, die Ernte auf den Feldern verdorrte und die Wälder durch die Wasserknappheit schlimm geschädigt wurden, wird überall Normalität. Nur wann das eintritt - darin unterscheiden sich die Städte. Zittau könnte mit dem Jahr 2042 als erste größere Kommune dran sein, gefolgt von Ebersbach-Neugersdorf 2044 und Niesky 2047. Für ein Jahr später prophezeien die Modelle 2019er Verhältnisse auch für Weißwasser, 2049 dann in Görlitz. 2050 schließlich auch in Löbau.

Görlitz: Trockene Sommer, feuchte Winter

Die Jahresmitteltemperatur betrug in der Klimareferenzperiode in Görlitz 8,2 Grad. Im Sommer waren es 16,9 Grad. Bis 2050 nimmt dieser Wert voraussichtlich um 2,3 Grad zu. Bis 2100 steigt er sogar um 5,3 Grad. Auch die Veränderung im Winter ist prägnant: Der bisherige Mittelwert -0,4 Grad nimmt bis 2050 um 2,0 Grad zu, bis 2100 um satte 4,5 Grad. Heiße Tage mit mehr als 30 Grad Maximumtemperatur gab es im Referenzzeitraum in Görlitz vier pro Jahr. Bis 2050 nimmt dieser Wert voraussichtlich um sieben Tage zu, bis 2100 um 26. Dagegen nehmen Eistage mit weniger als 0 Grad Maximumtemperatur gegenüber dem Ausgangswert von 26 bis 2050 um 13 ab, bis 2100 um 25. Die Niederschlagsverteilung ändert sich in den kommenden Jahren völlig. Schwierigste Jahreszeit wird der Sommer. Zwar steigt der Jahresniederschlag von 709 Millimeter um +4 (bis 2050) und +8 Prozent (bis 2100). Im Sommer sinkt der Wert jedoch bis 2050 um -14 Prozent, bis 2100 um -32 Prozent. Die Winter werden dagegen feuchter. Bis 2050 fallen +16 Prozent, bis 2100 +35 Prozent mehr Regen oder Schnee.

Niesky: Viel Niederschlag in Frühjahr und Winter

Mit 17,2 Grad Celsius lag der KRP-Wert für die Sommer in Niesky bisher noch ein Stück höher als in Görlitz. Die Steigerungsraten liegen mit +2,2 Grad (bis 2050) und +5,1 Grad (bis 2100) dagegen etwas niedriger. Ähnlich verhält es sich im Winter, in dem der Mittelwert bislang bei -0,2 Grad lag, bis 2050 aber um +1,9 und bis 2100 um +4,4 Grad steigen wird. Die Parameter bei heißen Tagen und Eistagen liegen auf ähnlichem Niveau wie in Görlitz. Der Jahresniederschlag von 667 Millimetern nimmt bis 2050 sogar um +6 und bis 2100 um +11 Prozent zu. Vor allem Frühjahr und Winter sind niederschlagsreich. Der Sommer lässt hingegen mit -12 (bis 2050) und -31 Prozent (bis 2100) zu wünschen übrig. Die Zahl der Starkregentage nimmt gegenüber dem KRP-Wert von 36 nur unwesentlich um +2 und +4 (bis 2050/2100) zu.

Weißwasser: Mehr heiße Tage als Niesky und Görlitz

Wie in den anderen Städten des nördlichen Landkreises nimmt die prognostizierte Temperatur in Weißwasser vor allem im Sommer zu. Bis 2050 sind das +2,3, bis 2100 immerhin +5,2 Grad. Experten raten, dies vor allem bei der Stadtplanung zu berücksichtigen. Mehr Beschattung von Gebäuden und Klimatisierung öffentlicher Einrichtungen sind zwei Punkte, die beachtet werden sollten. Denn Weißwasser bekommt noch mehr heiße Tage als Niesky oder Görlitz. Um +28 steigt die Anzahl bis 2100 gegenüber der Klimareferenzperiode, wo der Wert bei sieben lag. Bis 2050 gibt es voraussichtlich +9 heiße Tage mehr. Dagegen spielt der Winter in der Stadt künftig kaum noch eine Rolle. Bei den Eistagen liegt der KRP-Wert bei 24, bis 2100 sind es nur noch zwei. Schon bis 2050 reduzieren sich die Eistage um die Hälfte. Der Niederschlag nimmt zwar bis zur Jahrhundertwende geringfügig zu. Einschneidende Verluste gibt es aber wie in den Nachbarkommunen im Sommer. Hier geht die Menge um -12 bzw. -32 Prozent bis 2050 und 2100 zurück. Die Zahl der Starkregentage von 36 bleibt jedoch fast gleich (bis 2050: +1; bis 2100: +3).

Zittau: Schneesicherheit nimmt weiter ab

Die Stadt im Dreiländereck ist die erste größere Kommune im Landkreis, die das Hitzejahr 2019 dauerhaft erlebt. Laut den bei ReKIS verwendeten Klimamodellen ist dies 2042 der Fall. Das bedeutet aber auch, dass sogenannte Sommertage mit mehr als 25 Grad Celsius erheblich zunehmen. Waren es zwischen 1961 und 1990 noch 28, wird es bis 2050 noch 24 weitere geben. Bis 2100 steigt die Zahl sogar um +59. Ebenso verhält sich das bei den heißen Tagen, an denen es mehr als 30 Grad warm ist: Statt drei wird bis 2100 eine Zunahme von +29 prognostiziert, bis 2050 sind es immerhin schon +8. Andersherum ist die Situation im Winter. Die Zahl der Frosttage mit weniger als 0 Grad Minimumtemperatur reduziert sich von 104 bis 2050 um 29, bis 2100 sogar um 64. Die Schneesicherheit nimmt weiter ab. Im Winter wird es demnach öfter regnen, denn der Niederschlag in dieser Jahreszeit nimmt bis 2050 um 11, bis 2100 sogar um 35 Prozent zu.

Löbau: Klimawandel tritt etwas moderater ein

Während andere Städte im Landkreis den Klimawandel stärker und zeitiger zu spüren bekommen, steigen die Temperaturen und das Niederschlagsdefizit in Löbau nicht ganz so schnell. Das bedeutet aber nicht, dass die Hitze an der Stadt vorbeigeht. Bis 2100 nimmt sie gegenüber den 16,6 Grad im Referenzzeitraum im Sommer um +5,2 Grad zu. Statt 28 Sommertagen gibt es dann 83. Schon 2050 werden es voraussichtlich 51 sein. Auch die Zahl der heißen Tage steigt: Von 4 auf 30 im Jahr 2100. 2050 sind es bereits 12. Die Niederschlagsentwicklung ähnelt der in den anderen Städten. Die 36 Starkregentage bleiben bis 2050 (+1) und 2100 (+3) nahezu unverändert.

Ebersbach-Neugersdorf: Sommer werden trockener

In Ebersbach-Neugersdorf waren die Sommer im Referenzzeitraum mit durchschnittlich 15,7 Grad gegenüber den anderen Städten im Kreis vergleichsweise frisch. Bis 2100 legt die Sonne aber auch hier noch eine Schippe drauf: 5,2 Grad wird es bis dahin wärmer. Bis 2050 wird eine Zunahme von +2,1 Grad vorausgesagt. Entsprechend geht im Sommer auch der Niederschlag zurück. Bis 2050 wird mit einem Verlust von -9 Prozent gerechnet, bis 2100 mit -27 Prozent.

Das hilft: Hitzeaktionspläne und Trinkwasserspender

Um dem Klimawandel im Landkreis Görlitz zu begegnen, haben die ReKIS-Experten eine Reihe von Hinweisen zusammengetragen. So seien Hitzeaktionspläne entscheidende Instrumente. Zudem sollten Bauleitplanungen für Neubauten sowie Bestandsgebäude dem ständigen Wechsel von Trockenheit und Starkregen angepasst werden. Gleiches gelte für die Kanalisation. Vor hohen Temperaturen geschützt werden müssten vor allem ältere und ganz junge Menschen. Öffentliche Trinkwasserspender könnten helfen, den Durst zu stillen. Die Experten rechnen mit neuen Krankheitsüberträgern und Erregern. Eine weitere Herausforderung: Die Vegetation bekomme es vermehrt mit Schädlingen zu tun. Schließlich mahnen Fachleute die Entsiegelung von Flächen an, damit Wasser besser versickern kann.