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Worauf ein Arzt verzichtet, um in Bautzen zu helfen

Familienleben, Hausbau, Gartenarbeit – all das findet für Dariusz Moleda aus Polen schon seit Wochen nicht statt. Doch es gibt etwas, das ihn darüber hinweg tröstet.

Um weiterhin seinen Dienst im Bautzener Krankenhaus verrichten zu können, lebt Oberarzt Dariusz Moleda aus Polen derzeit von seiner Familie getrennt.
Um weiterhin seinen Dienst im Bautzener Krankenhaus verrichten zu können, lebt Oberarzt Dariusz Moleda aus Polen derzeit von seiner Familie getrennt. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Auf die Frage, wann der passende Zeitpunkt für ein Gespräch ist, hat Dariusz Moleda eine knappe Antwort parat: "Immer." Der Facharzt für Kardiologie, Innere und Intensivmedizin arbeitet seit elf Jahren im Bautzener Klinikum, pendelt seither täglich zwischen Bautzen und Zgorzelec, wo er mit seiner Frau und den beiden Söhnen lebt. Jedenfalls galt das, bis Polen die Grenzen dicht machte – und Moleda in Bautzen blieb.

Seine Familie hat der Oberarzt seither nicht mehr gesehen. Über drei Wochen ist das inzwischen her. So lange schon lebt er in einer Wohnung auf dem Gelände der Klinik. Vom Krankenhausflur aus hat er sein neues Zuhause auf Zeit ständig im Blick. "Da drüben", sagt er mit einem kleinen Seufzen und deutet auf ein benachbartes Gebäude.

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Kollegen und Patienten nicht im Stich lassen

Dariusz Moleda ist ein stoischer, ein stiller Held. Klagen kommen kaum über die Lippen des hünenhaften Mannes. Die Tatsache, dass er freiwillig auf unbestimmte Zeit seine Familie verließ, um seinem Job weiter nachgehen zu können, findet er nicht bemerkenswert: "Ich konnte doch nicht einfach meine Kollegen und meine Patienten im Stich lassen. Wenn Scheiße passiert, merkt man, wer wahre Freunde sind."

Moleda hilft gern, lobt den Zusammenhalt im Kollegenkreis und ist froh, dass ihm so schnell eine Unterkunft zur Verfügung gestellt wurde. Neben seinen Lieben vermisst er vor allem seine gewohnten Abläufe. "Ich baue normalerweise in meiner Freizeit nach der Arbeit an meinem Haus, habe einen großen Garten, um den ich mich kümmern muss, gehe zum Fitnesstraining, zum Schwimmen. Das alles wartet jetzt auf mich."

Am Ende des Tages, sagt er, habe er oft das Gefühl, seine freie Zeit nur ungenügend genutzt zu haben. "Klar, man liest ein Buch, lernt eine Sprache, spielt Computerspiele. Ein bisschen joggen kann ich hier auch", sagt er. Aber: "Ich bräuchte wirklich mal wieder etwas anderes. Es ist zu langweilig."

Alte Beatmungsgeräte aus dem Keller geholt

An den Beginn der Pandemie, die seinen durchstrukturierten Alltag so gehörig durcheinanderwirbelte, kann er sich noch gut erinnern. Es war Anfang Januar, als er zum ersten Mal von dem neuartigen Virus aus Wuhan hörte. "Das war irgendetwas, was irgendwo passiert ist", sagt er heute. Anfang Februar seien die ersten Regeländerungen im Krankenhaus angeordnet worden – 30 Prozent der Beatmungsbetten auf der Intensivstation müssen seither für Corona-Patienten freigehalten werden, geplante OPs wurden abgesagt oder verschoben.

Wie die Vorgaben praktisch umzusetzen seien, hätten die Mitarbeiter in den Kliniken selbst herausfinden müssen: "Als die Intensivstationen vergrößert werden sollten, haben wir eben die alten Beatmungsgeräte aus dem Keller geholt. Dadurch haben wir neun zusätzliche Beatmungsplätze geschaffen", berichtet der Mediziner. 

Auf jede Eventualität können sich die Krankenhäuser dabei nicht einstellen: "Was, wenn ein Patient mit einem Herzinfarkt eingeliefert wird, der seit einer Woche Fieber hat? Wo steckt man den hin? In die normale Notaufnahme oder holt man ihn über den Corona-Zugang rein?", fragt Moleda.

Corona-Patient geheilt nach Hause entlassen

Gleichzeitig, sagt er, sei das Krankenhaus nach wie vor ein sicherer Ort mit funktionierenden Abläufen. "Wenn wir hier irgendwo einen unentdeckten Corona-Fall hätten, würden wir das ziemlich schnell mitbekommen", ist er sich sicher. Erst einen Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf hat er hier behandelt. "Der ist gesund nach Hause gegangen", sagt Dariusz Moleda.

Dafür, findet er, lohne es sich, eine Zeit lang von der Familie getrennt zu sein. Wie lange er sich das vorstellen kann? "Ich finde, ein bis zwei Monate sind vertretbar", sagt er mit einem Schulterzucken. "Ich kann viel aushalten. Aber ich trage natürlich auch die Verantwortung für meine Familie. Wenn ich dort gebraucht werde, fahre ich sofort hin."

Ob das viel bringen würde, ist ungewiss. "Sobald ich die Grenze nach Polen überquere, muss ich für zwei Wochen in Quarantäne. Das ist der nächste Scheiß", sagt Moleda. Zum Glück habe seine Frau ihre Familie in der Nähe. Sonst, so sagt er, hätte er das nicht gemacht.

Die Moledas pendeln noch nicht immer zwischen zwei Staaten. "Meine Frau ist Kinderpsychologin. Wir haben früher überall in Deutschland gearbeitet, wo es Arbeit für einen Kardiologen und eine Kinderpsychologin gab. Das ist nicht so einfach." Die Kinder aber, erzählt er, sollten in der polnischen Heimat aufwachsen; sie besuchen dort eine zweisprachige Schule. Dass die Grenze zwischen beiden Staaten jemals wieder geschlossen werden könnte, sei ihnen nicht in den Sinn gekommen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem es soweit war.

"Jetzt merkt man, was man verloren hat", sagt Dariusz Moleda und hofft, dass aus der Krise ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht. "Es kann sein, dass wir in den kommenden zwei Jahren Schutzmasken tragen", sagt er. "Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Und das können wir, wenn wir in schwierigen Zeiten zusammenstehen."

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