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Was aus den Cunnersdorfer Flüchtlingen wurde

Vor fünf Jahren zogen asylsuchende Familien in das leer stehende Erbgericht. Erst gab es heftigen Protest, dann rührende Hilfe. Engagement, das bis heute dauert.

Einst Hotel und Gasthaus, 2015 Flüchtlingsunterkunft: Das Erbgericht in Cunnersdorf bei Gohrisch.
Einst Hotel und Gasthaus, 2015 Flüchtlingsunterkunft: Das Erbgericht in Cunnersdorf bei Gohrisch. © Steffen Unger

Erst gab es nur ein Gerücht. Kommen sie oder kommen sie doch nicht? Diese Frage stellten sich Ende 2015 viele Einwohner von Cunnersdorf bei Gohrisch. Denn damals wurde darüber spekuliert, ob das Erbgericht im Ort zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wird. Viele Cunnersdorfer konnten sich mit diesem Gedanken damals nicht anfreunden. Es gab teils heftige Proteste - und Ressentiments. Sie alle hätten sich jedoch am Ende als unbegründet erwiesen. Dieses Fazit zieht Anja Oehm von der Flüchtlingshilfe Königstein fünf Jahre danach. Sie ist die Frau, die sich mit vielen Helfern auch um die Asylsuchenden in Cunnersdorf gekümmert hat.

"Nichts von den düsteren Prophezeiungen des späteren AfD-Landtagsabgeordneten Ivo Teichmann, mit denen er bei Einwohnerversammlungen Stimmung gemacht hatte, trat ein", betont Oehm. Weder hätte das Heim gebrannt, noch die Nachbarhäuser, noch seien junge Frauen vergewaltigt worden. Befürchtungen, die im Herbst 2015 jedoch präsent waren.

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Wenige Wochen vor Weihnachten kamen dann die ersten Flüchtlinge nach Cunnersdorf. Bis zu 62 Personen waren später im Erbgericht untergebracht - ausschließlich Familien. "Aus mehr als zwölf Ländern stammten die ersten Geflüchteten und von vier Kontinenten", erinnert sich Anja Oehm.

Gleich nach der Ankunft hätten die Kinder einen Ausflug auf den Cunnersdorfer Weihnachtsmarkt gemacht. Dort seien sie beschenkt und nett aufgenommen worden. Das Eis zwischen den Flüchtlingen und den Einwohnern war anscheinend gebrochen. "Das ruhig und malerisch gelegene Cunnersdorf war für die Familien und traumatisierten Menschen ein guter Ort, um ihre kräftezehrende Flucht und all die grauenvollen Erlebnisse zu verarbeiten", sagt Anja Oehm. Denn das, was die Flüchtlinge in Aleppo, Palmyra oder Kabul erlebt hätten, saß tief.

Wanderungen als "Therapie"

Um sie abzulenken, wurden unter anderem Wandertouren organisiert. Eine Gruppe Einheimischer initiierte diese und ging mit den Asylsuchenden zum Katzstein, Spitzstein, Pfaffenstein, Papststein oder Gohrisch wandern. Das war die beste „Therapie“, dieser Meinung ist Anja Oehm von der Flüchtlingshilfe Königstein noch heute.

Die Helfer seien auch diejenigen gewesen, denen sich die Flüchtlinge anvertrauten. Anja Oehm ist ein Beispiel dazu in Erinnerung geblieben. Sie selbst hatte bei den Wanderungen oft ihr damals vier Jahre altes Enkelkind dabei. "Ich habe die Kinder aus dem syrischen Aleppo bitten müssen, ihm nicht zu schildern, wie sie mit angesehen hatten, wie ihr Bruder von einer Autobombe zerfetzt wurde", schildert sie. Afghanische Familienväter hatten zudem teils schwere Folterspuren davongetragen.

In Cunnersdorf rückten diese Schicksalsschläge in den Hintergrund. Die Mütter aus Syrien drehten mit dem Kinderwagen Runden durch den Ort, atmeten tief durch. So eine reine Luft hätten sie noch nie im Leben atmen dürfen. "Die gepflegten, jahrhundertealten Häuser in Cunnersdorf schätzten die Geflüchteten auf maximal 30 Jahre", erzählt Anja Oehm. Auch Angebote wie einen Pflegedienst kannten sie nicht. In Deutschland, in Cunnersdorf, erlebten sie eine andere Welt.

Die Flüchtlinge hielten zusammen. Nicht nur am Frauentag 2017, wie sich Anja Oehm gern erinnert. Damals feierten und kochten Frauen aus zehn Nationen zusammen. „Was hatten wir für Angst vor denen, dabei waren die so nett.“ Diesen Satz einer älteren Anwohnerin hat Anja Oehm bis heute im Gedächtnis.

Blitzeinschlag löst Panik aus

Nur einmal hätte es Unruhe in Cunnersdorf gegeben - als ein Blitz hinter dem Erbgericht einschlug. Der Kracht löste bei den Bewohnern Panik aus. "Sie strömten zusammen, weinten und schrien. Sie hatten an eine Bombe geglaubt", schildert Oehm. Ein anderes Mal hatten Jugendliche die Fahrräder der Heimbewohner geklaut, weil sie von einer Feier schnell nach Hause fahren wollten. Die Räder wurden später reumütig zurückgegeben.

Fünf Jahre nach der Ankunft der ersten Geflüchteten wollten die Helfer von damals erneut mit ihnen wandern gehen. Ein Ausflug zum Katzstein stand auf dem Plan. Wegen der Corona-Pandemie musste das Treffen jedoch ausfallen. Anja Oehm hofft, dass die Wanderung in diesem Jahr nachgeholt werden kann.

Zu vielen Flüchtlingen hält sie weiter den Kontakt. Viele seien inzwischen in anderen Teilen Sachsens gelandet und dort im Lebensalltag angekommen. "Die afghanische Großmutter, die damals völlig geschwächt nach der Flucht ins Cunnersdorfer Heim kam, hat sich wieder gut erholt", erzählt Anja Oehm. Die Freude sei auf allen Seiten groß, wenn man sich sehe. Dann würden die Kinder von ihren Erlebnissen in Kita und Schule erzählen, die Älteren von der Ausbildung." Wir geben uns gegenseitig Halt und Hilfe und machen uns Mut, damit wir die Corona-Zeit gut überstehen", sagt sie.

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