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Königsteins Senioren steuern Ampel fern

An der B 172 steht die erste Ampel der Region, die aufs Handy hört. Wer davon profitieren will, muss technisch aufrüsten.

© Norbert Millauer

Von Carina Brestrich

Königstein. Helga Krell und Maria Köhlert sind begeistert. Mit der Technik haben es die beiden Seniorinnen vom betreuten Wohnen in Königstein ja eigentlich nicht so, wie sie erzählen. Aber die neue Fußgängerampel am Reißigerplatz, die fasziniert die beiden rüstigen Damen. Weil eine Mitbewohnerin das Grünsignal an der Ampel nur mit Mühe erkannte, hatten sich die Rentnerinnen an den Senioren- und Behindertenbeirat des Landkreises gewandt. Mit Erfolg: Die Straßenbaubehörde hat die Ampel blindengerecht umgebaut. Landkreisweit ist die Anlage bislang einmalig.

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Denn die Ampel funktioniert mit einer Technik, die es so an den Staats- und Bundesstraßen in der Region noch nicht gibt. Bluetooth heißt die Funkübertragungsmethode, mit deren Hilfe die Fußgängerampel ohne große Mühe ferngesteuert werden kann. „Mit der Umrüstung der Ampel waren zwei Herausforderungen verbunden“, erklärt Udo Mörb, Sachbearbeiter für Verkehrstechnik bei der Straßenbaubehörde. Zum einen müsse das typische Klacker-Signal, das Sehbehinderte zur Ampel leiten soll, laut genug sein, um die nebenan vorbeirauschenden Züge zu übertönen. Zum anderen dürfe das ständige Klackern nicht so laut sein, dass es Anlieger am Reißigerplatz stört.

Deshalb hat sich das Lasuv für eine regulierbare Lösung entschieden. So ist das Klackern im Normalzustand nur sehr leise zu hören. Damit Blinde die Ampel aber finden, können sie den Ton mit einer Smartphone-App lauter stellen. „Als Alternative gibt es bei den Blindenverbänden spezielle Chips, die gut in die Hosentasche passen“, erklärt René Hamann von der Firma Swarco, die die Ampel umgebaut hat. Sind App oder Chip aktiviert und nähern sie sich der Ampel, wird das Klackern automatisch lauter. Damit sei es nicht mehr schwer, den Taster zu finden, über den die Fußgänger wie gewohnt das Grünsignal anfordern können.

Die an sich gute Idee hat nur einen Haken: Kaum ein Betroffener wird die Technik derzeit nutzen. Denn noch nicht einmal dem Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen ist das System bekannt. Auch von den Chips hat man dort noch nichts gehört. Jan Blüher, Informatiker und stellvertretender Vorsitzender des Verbandes, ist trotzdem begeistert. „Dieses System bietet ganz neue Chancen“, sagt Blüher. In Dresden etwa würde abends das Klacker-Geräusch einiger Ampeln abgestellt. „Über dieses System könnten Blinde am Abend trotzdem sicher über die Straße finden.“

Noch viele Barrieren in der Stadt

Etwa 12 000 Euro hat die Straßenbaubehörde für die neue Technik in Königstein ausgegeben. Von der Summe ist die Ampel nicht nur blindengerecht umgerüstet worden. Auch ein modernes Störmeldesystem haben die Techniker installiert. Stimmt etwas mit der Ampel nicht, so bekommen die Mitarbeiter in der Niederlassung in Meißen künftig ein Signal: „Der Vorteil ist, dass wir sofort reagieren und jemanden vorbeischicken können“, erklärt Udo Mörb.

Der Königsteiner AfD-Kreisrat und Vorsitzende des Senioren- und Behindertenbeirats, Ivo Teichmann, will nun andere ermutigen, es den Damen aus dem betreuten Wohnen gleich zu tun. Das gilt nicht nur für Fußgängerampeln, sondern auch für andere Stellen, die es Menschen mit Behinderung schwermachen: „Wenn jemand den Bedarf sieht, so soll er sich bei uns melden“, sagt Teichmann. Die Straßenbaubehörde unterdessen hat ein offenes Ohr für Vorschläge zu Fußgängerampeln, für die ein Blindensignal nötig wäre: „Jeder Vorschlag wird von uns genau geprüft, bevor wir dann entscheiden“, sagt Udo Mörb.

Bürgermeister Tobias Kummer (CDU) will sich nun darum bemühen, dass die Chips auch in Königstein erhältlich sind. Wer mit Bus, Bahn und Auto in der Stadt ankommt, müsse meist über den Reißigerplatz, sagt er. Das betrifft auch Menschen mit Behinderungen: „Daher ist es nur zu begrüßen, wenn solche Hemmnisse verschwinden“, sagt Kummer. Davon gebe es in der Stadt noch eine ganze Reihe. So etwa ist das Rathaus nur über Stufen erreichbar, der Weg zum Fahrstuhl am Bahnhof schmal und mühselig. „Ich denke, in Sachen Barrierefreiheit hat Königstein noch einiges zu tun.“ Zumindest eine Gefahrenstelle wird dieses Jahr noch verschwinden: Die gepflasterte Anlegestelle an der Elbe wird behindertengerecht umgebaut.

Es gibt mehrere Apps, unter anderem für Android „RTB BLS Blindenunterstützung“.