merken

Kommen Skodas bald aus Deutschland?

Die Autobauer von Mlada Boleslav machen sich Sorgen. Die hohe Auslastung der Fabriken könnte zum Problem werden.

© picture alliance / dpa

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Viele Jahre lang machte die tschechische Volkswagentochter Skoda-Auto der Kernmarke VW mit ihrem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis zunehmende Konkurrenz. Jetzt sorgen Berichte für Aufregung, dass die Konzernführung in Wolfsburg Skoda ausbremsen will.

Anzeige
Schlossherr gesucht!
Schlossherr gesucht!

Herbst-Auktionen mit außergewöhnlichen Immobilien aus Ostsachsen

Zunächst hatte die Prager Wirtschaftszeitung Hospodarske noviny darüber informiert, dass wegen der vollständigen Auslastung der Skoda-Fabriken in Tschechien nach zusätzlichen Produktionsstätten innerhalb des Konzerns gesucht werde. Aus Gewerkschaftskreisen in Mlada Boleslav (Jundbunzlau), dem Hauptstandort Skodas, hieß es, im Gespräch sei etwa eine Verlagerung der Produktion des Topmodells Superb ins deutsche VW-Werk Emden. Das würde in Tschechien bis zu 2 000 Arbeitsplätze gefährden. Allerdings werde eine Entscheidung darüber frühestens 2022 fallen, wenn das Nachfolgemodell auf den Markt kommen soll.

Zwar sagte ein Volkswagensprecher der Deutschen Presse-Agentur, das seien reine Spekulationen: „Diese Diskussion wird bei uns nicht geführt.“ Doch das Dementi hat nicht dazu beigetragen, die Unruhe zu beseitigen. Wie ernst man die Spekulationen nimmt, wird daran deutlich, dass sich sogar Tschechiens Premier Bohuslav Sobotka zu einer Stellungnahme veranlasst sah: „Es ist das klare Interesse der Regierung, dass alle in Tschechien geplanten Investitionen von VW und Skoda realisiert werden und es zu keiner Verschiebung der Produktion ins Ausland kommt.“ Sobotka will das Thema demnächst auch persönlich mit Mitgliedern der Konzernführung und Gewerkschaftern besprechen.

Auf den ersten Blick klingt es absurd, dass Teile der Produktion aus dem „Billiglohnland“ Tschechien ins sehr viel teurere Deutschland überführt werden sollen. Zwar verdienen die Skoda-Beschäftigten für tschechische Verhältnisse sehr gutes Geld, doch die Löhne bei VW liegen fast viermal so hoch. Gewerkschafter in Deutschland zeihen die Tschechen gern mal des „Lohndumpings“. Doch der große Unterschied in der Entlohnung hat Gründe. Skoda profitiert von den Technologien aus Deutschland und ist in erster Linie Auto-Hersteller, kein Auto-Entwickler. Die Tschechen haben bislang kaum in Forschung und Entwicklung investiert. Das soll sich künftig auch ändern, wenn die Spekulationen stimmen. Tschechen, die in Forschung und Entwicklung arbeiten, verdienen deutlich besser als reine Montagearbeiter. Da schließt sich die Schere zu deutschen Verhältnissen stetig.

Dass Skoda billig produziert und von der deutschen Technologie profitiert, ist der Hauptgrund dafür, dass die Modelle aus Tschechien der Konkurrenz im eigenen Konzern das Wasser abgraben. Skoda gehört zu den Volkswagentöchtern, die stets nur wachsen, hat eine stattliche operative Rendite von zuletzt 8,7 Prozent erwirtschaftet. Die Stammmarke VW kam zuletzt nur auf eine Umsatzrendite von rund 2 Prozent. Dieses VW-Ergebnis leidet jedoch auch unter den Kosten des Dieselskandals, die zu einem großen Teil bei VW anfallen. Ein Grund für die Spekulationen über die Produktionsverlagerung ist die Tatsache, dass die Skoda-Produktionsstätten in Tschechien bis zum Anschlag ausgelastet sind. Da das Land die EU-weit niedrigste Arbeitslosigkeit hat, fällt es auch Skoda immer schwerer, zusätzliche qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. In den tschechischen Werken arbeiten schon jetzt viele Ausländer, die über Arbeitsagenturen beschafft werden. Doch Slowaken beispielsweise, die mit der Sprache keine Probleme haben, finden längst genug Arbeit in den Autofabriken des eigenen Landes. Die Slowakei ist pro Kopf der Bevölkerung der größte Autoproduzent der Welt.

Anders als bei Skoda gibt es in den deutschen VW-Werken eine zu geringe Auslastung. Und hier kommt dann auch die Politik ins Spiel. In Niedersachsen wird am 15. Oktober ein neuer Landtag gewählt. Da kommen Spekulationen über mehr Arbeit gerade recht, um die Wähler zu erfreuen. Wie andererseits die tschechischen Sozialdemokraten um Premier Sobotka für die Parlamentswahlen im eigenen Land am 20. und 21. Oktober auch dringend eine Erfolgsgeschichte brauchen, um nicht völlig in der Wählergunst abzustürzen. Ein Ministerpräsident, der sich für die Interessen der tschechischen Skoda-Werke persönlich einsetzt, könnte da ein paar Prozentpunkte bringen, mit denen man schon nicht mehr gerechnet hatte.

Alles in allem rächt sich jetzt, dass der tschechische Staat nicht nachhaltig in die für das Land äußerst wichtige Automobilindustrie investiert hat. Zwar würde der mögliche Verlust von 2 000 Arbeitsplätzen die tschechische Industrie nicht gleich ins Wanken bringen. Die Proteste der Gewerkschaften und des Regierungschefs werden aber etwas verständlicher, wenn man daran denkt, wie viele Zulieferer an Skoda in Tschechien hängen.