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Kommentar: Potemkinsches Dorf

Am Samstag wurde die offizielle Eröffnung der durchgehenden Autobahn von Dresden nach Prag groß gefeiert. So richtig freuen, kann sich unser Korrespondent in Prag darüber nicht. Ein Kommentar.

© dpa

Von Hans-Jörg Schmidt

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Was hatten Sachsen und Tschechen der offiziellen Eröffnung der durchgehenden Autobahn von Dresden nach Prag entgegen gefiebert. Und dann das: Da sich unter einer Brücke im Böhmischen Mittelgebirge das Erdreich zu bewegen begann, musste die Querung gesperrt werden, läuft der Verkehr auf zwei Kilometern erst einmal einspurig. Im Klartext: aus Mangel an Sicherheit. Das ist kein Spaß.

Doch Prag hatte den Deutschen so oft schon die planmäßige Einweihung des fehlenden Stücks noch vor Weihnachten versprochen, dass da einen Tag vorher kein Rückzieher mehr gemacht werden konnte. Gekrampft fröhliche Gesichter, wohin man schaute, als Politiker aus Sachsen, dem Bund und Tschechien die Scheren in die Hand nahmen, um das Band zur Freigabe zu zerschneiden.

Der für die Pleite zuständige tschechische Verkehrsminister Tok wiegelte gegenüber dem Prager Fernsehen ab: „Es ist doch eine positive Nachricht, dass das Monitoring funktioniert und die Erdbewegung angezeigt hat.“ Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Perfekt wäre es gewesen, wenn man dieses Monitoring überhaupt nicht gebraucht hätte. Doch es wurde unumgänglich, weil genau das eingetroffen ist, was Geologen und Umweltschützer seit Jahren - und nach dem großen Erdrutsch von 2013, der ein fertiges Stück der Autobahn unter sich begrub - verstärkt immer wieder gesagt hatten: In einem Gebiet, das bekannt ist für seine Erdbewegungen, baut man keine Autobahn.

Besonders haarsträubend waren angesichts dessen die Vorwürfe des anwesenden tschechischen Präsidenten Zeman an die Adresse der Kritiker des Projektes. Nein, die Umweltschützer hatten nicht aus Spaß ihre Vorbehalte geltend gemacht. Sie sind mit ihren Warnungen vielmehr durch die Peinlichkeit am Samstag bestätigt worden.

Gebe es Gott, dass die Erdbewegungen nicht wirklich gefährlich sind. Der sozialdemokratische Prager Regierungschef Sobotka mag nicht so sehr auf Gott vertrauen. Er will am Montag in der Regierungssitzung von seinem Verkehrsminister eine wahrhaftige Antwort darauf hören, wie es tatsächlich um die Sicherheit der Autobahn steht. Und Sobotka sagte deutlich, dass man das gesamte letzte Teilstück der Autobahn notfalls wieder sperren werde, wenn es es erforderlich sein sollte.

Dann wäre erst einmal wieder Schluss mit der netten Vision, in nur einer Stunde zum Frühstück in Prag zu sein. Dann hätten wir den Super-GAU: die Prag-Autobahn in Tschechien bliebe ein Potemkinsches Dorf: Hübsch, aber leider nicht nutzbar.

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