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Kommt jetzt ein Holocaust-Gesetz in Tschechien?

Auch in Prag gibt es eine Debatte über Kollaboration in der NS-Zeit. Die These vom reinen Opfermythos bröckelt.

© dpa/Lubos Pavlicek

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

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Wenn es in den Innenstädten nach gebrannten Mandeln riecht, die Tage kürzer und die Abende länger werden, dann steht die Weihnachtszeit vor der Tür.

Als vor ein paar Jahren in der Lobby des tschechischen Abgeordnetenhauses eine Ausstellung über das „Zigeunerlager“ im südböhmischen Lety in der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung Böhmens und Mährens zu sehen war, erregte sie dort beträchtliche Aufmerksamkeit. In der tschechischen Gesellschaft kaum, weil über sie nicht berichtet wurde. Der Grund für diese mediale Ignoranz war einfach und auch sehr gezielt: Die Ausstellung rührte an ein bis dahin absolutes Tabu-Thema in Tschechien. Sie stellte nämlich den über Jahrzehnte gepflegten tschechischen Mythos infrage, wonach die Tschechen zu Hitlers Zeiten ausschließlich Opfer gewesen seien, niemals auch Täter.

Im Zuge der Debatte über das polnische „Holocaust-Gesetz“ kommt die Diskussion über Lety auch in Prag wieder in Gang. Ausgelöst durch einen hochrangigen Politiker, den Chef der rechtsextremen Partei SPD (Freiheit und direkte Demokratie), Tomio Okamura, der auch stellvertretender Chef des Prager Abgeordnetenhauses ist. Der Tscheche mit japanischen Wurzeln hatte kürzlich in einem Fernsehinterview Lety grob verniedlicht. Das Lager sei „nicht einmal umzäunt gewesen, die Insassen hätten sich dort frei bewegen“ können. Ein Parteigenosse von Okamura nannte das Lager gar ein „nicht existentes Pseudo-Konzentrationslager“. In der Folge fordern jetzt mehrere Fraktionen im Abgeordnetenhaus, Okamura seiner Funktion zu entheben.

Die grausame Wahrheit zeigte dabei schon die eingangs erwähnte Ausstellung. Das Lager, 1939 von Tschechen eingerichtet und später in deutsche Oberhoheit übergegangen, aber weiter von Tschechen betrieben, war komplett von Stacheldraht umzäunt. Dort patrouillierten mit Pistolen bewaffnete Wärter der tschechischen Protektoratspolizei. Mehr als 300 Menschen, darunter viele Kinder, starben dort an den Folgen von Unterernährung, körperlicher Schwerstarbeit und Seuchen. Die anderen wurden in die NS-Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Der tschechische Lagerchef von Lety, Josef Janovský, wurde im September 1945 zwar verhaftet. Die Strafverfolgung wurde aber eingestellt. Anfang 1948 – noch vor dem Februar-Putsch der Kommunisten an die Macht –, wurde er erneut angeklagt. Er habe Dutzende Häftlinge persönlich auf dem Gewissen gehabt: Manche ließ er an ein Kreuz binden und dort auspeitschen, andere ließ er im Winter nackt im Freien mit kaltem Wasser übergießen und enthielt ihnen viele der eh schon knapp bemessenen Lebensmittel vor, hieß es in der Anklageschrift. Doch das dann schon unter kommunistischer Herrschaft arbeitende „Volksgericht“ sprach den sadistischen tschechischen Lagerkommandanten frei.

Die tschechische Regierung möchte in Lety nun endlich eine Gedenkstätte einrichten und hat deswegen eine in den 1970er-Jahren errichtete Schweinefarm am Ort des Lagers aufgekauft, um sie zu beseitigen und eine würdige Ehrung der Roma zuzulassen. Doch das passt offenbar manchen nicht.

Die Mitwirkung von Tschechen an der Peinigung der Roma war vor Okamura schon dem früheren Präsidenten Vaclav Klaus oder dem amtierenden Regierungschef Andrej Babis suspekt. Auch sie hatten sich dagegen in recht peinlicher Weise verwahrt und leugneten sie entschieden.

Der Chef des heutigen Vaclav-Klaus-Instituts, Jiri Weigl, versuchte nun, mit einem langen Zeitungstext die polnische Debatte zu nutzen, um seine eigenen Landsleute reinzuwaschen. Ausschließlich die Nazis hätten seinerzeit das Sagen gehabt. Man müsse alles tun, damit jetzt nicht auch noch im Zusammenhang mit Lety von einem „tschechischen Konzentrationslager“ geredet werde.

Weigls Artikel blieb aber nicht ohne Antwort. Der Historiker Ondrej Stacalek wies nach, dass die tschechischen Aufseher de facto sehr viel mehr Schuld auf sich geladen hatten als die Polen. Letztere hätten in den dortigen deutschen Vernichtungslagern keinerlei Mitsprache gehabt – anders als die Tschechen in Lety. Leider habe in Tschechien die Debatte im Falle der Roma noch gar nicht begonnen. „Zu unserem Schaden“, wie Stacalek hinzufügte.

Das Landesecho Prag, die Zeitung der in Tschechien verbliebenen deutschen Minderheit, warnte jetzt in einem Beitrag vor einem ähnlichen Gesetz wie jenes, das jüngst in Warschau verabschiedet wurde: „Hoffen wir, im ureigensten tschechischen Interesse, dass die Debatte nicht einfach wie in Polen durch ein Gesetz verboten wird. Diese Debatte wäre nämlich für die Heilung der tschechischen Nationalseele sehr notwendig.“