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Konsum feiert Super-Jahrgang mit Geschmäckle

© Archivfoto: Jürgen Lösel

Die Genossenschaft verdient deutlich mehr. Das kann die Belegschaft nicht behaupten.

Von Michael Rothe

Bis zum Jahresende entscheidet die Unesco, ob die deutsche Genossenschaftsidee immaterielles Weltkulturerbe wird. Dann hätte auch der Konsum Dresden, der den Gedanken seit 1888 lebt, Grund zu feiern. Sieben Familien hatten das Unternehmen einst mit dem Ziel gegründet, „qualitativ hochwertige Lebensmittel zu fairen Preisen“ anzubieten.

Diesen Anspruch verfolgen die gut 22 000 Erben noch heute als „Solidargemeinschaft gleichberechtigter Mitglieder“ mit „echter innerbetrieblicher Demokratie“, wie es heißt – und als Gegenpol zu den wenigen großen Ketten, die heute den Lebensmitteleinzelhandel dominieren.

Die 34 Märkte in Dresden und Umgebung sowie in Plauen und Nürnberg laufen. Die Kette bilanziert 2015 ein Plus bei Umsatz und Gewinn, das in der umkämpften Branche nicht die Regel ist. Dazu eine stabile Mitarbeiterzahl. Laut Vorstandschef Gunther Seifert konnte im ersten Halbjahr 2016 der jahrelange Mitgliederschwund gestoppt werden. 4,3 Millionen Euro seien investiert worden. Und vom verlustreichen Ausflug nach Bayern 2007/08 zeugt nur noch eine übrig gebliebene Filiale in Nürnberg, deren Mietvertrag 2018 ausläuft.

Sächsische Produkte definieren rund 25 Prozent vom Konsum-Umsatz – „so viel wie in keiner anderen Supermarkt-Kette“, heißt es auf der Website. Es gebe über 100 regionale Lieferanten von etwa 3 000 einheimischen Artikeln, mit kleinen Sachsen-Flaggen auf dem Preisschild markiert. Gefragt, ob er beim Milch-Etikett im Konsum kein schlechtes Gewissen habe, sagt Seifert: „Wir wollen faire Preise für die Bauern, können uns  aber nicht aus dem Markt katapultieren.“ Der Kunde entscheide.

Die Genossenschaft zählt sich bei Frische, Qualität, Regionalität und Innovation zu den Marktführern im deutschen Lebensmittelhandel. Alle freuen sich laut Chef Seifert über „eine Bilanz, die sich sehen lassen kann“: Der Vorstand unter anderem über anhaltend hohen Lehrlingsbestand. Die Genossen über 2,5 Prozent Dividende und 0,5 Prozent Rückvergütung ihrer Einkäufe. Die Kunden über kostenfreies W-Lan und in Erwartung der ersten „Express-Filiale“, die ab September an der Frauenkirche Fast Food und Touristikartikel verkaufen wird. Dort soll man erstmals via Smartphone auch noch schneller bezahlen können. Schließlich freut sich auch Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU), der den Konsum am Mittwoch in die Umweltallianz des Freistaats aufnahm – auch weil er in einem Jahr keine Plastiktüten mehr anbieten will.

Und die Mitarbeiter? Sie würden am Unternehmenserfolg beteiligt, heißt es vom Führungsduo. Im Dezember habe es für jeden Beschäftigten „einmalig so um die 100 Euro gegeben und per Januar drei Prozent mehr Lohn“, sagt Vorstandsmitglied Roger Ulke. Zum kommenden Jahreswechsel gebe es noch mal ein Prozent mehr – ausdrücklich „auf Initiative des Vorstands“.

Doch was sich nach gelebter Solidarität und Miteinander anhört, wird von Verdi relativiert. Die Gewerkschaft hat beim Konsum gut 100 Mitglieder und versucht seit Jahren vergeblich, mit dem Ost-Vorzeigebetrieb einen Vertrag auf dem Niveau des Einzelhandelstarifs zu schließen. Demnach sei das Gros der Belegschaft – fast drei Viertel Verkäuferinnen im Teilzeit- oder Minijob – in den vergangenen fünf Jahren mit 8,78 Euro pro Stunde und wenig über dem Mindestlohn abgespeist worden, heißt es.

Zum Vergleich: Die Billiganbieter Lidl, Aldi, Netto & Co zahlen laut Tarif 14,76, 15,30 Euro oder noch mehr. Die vom Konsum-Vorstand gefeierte Erhöhung auf neun Euro würden die Beschäftigten teuer erkaufen, sagt Gewerkschaftssekretärin Heike Flaxa. Im neuen Entgeltsystem seien die 20 Prozent Spätzuschlag ab 18:30 Uhr gestrichen, Nachtzuschläge ab 20 Uhr von 50 auf 20 Prozent gesenkt worden. Auch bei freien Tagen, etwa für Umzüge oder Familienfeiern, und der Definition des Jahresurlaubs habe der Konsum Hand angelegt – „nicht zum Vorteil der Mitarbeiter“.

Der Vorstand will sich gegenüber der SZ „zu solch komplizierten Interna nicht äußern“. Fast alle Beschäftigten hätten unterschrieben, und Chef Seifert bleibt dabei: „Jeder hat sich verbessert.“ Man hätte sich auch verweigern können. Oder gehen. Und dass dies keiner gemacht habe, spreche für den Arbeitgeber. Demnächst entscheidet die Unesco über die Genossenschaftsidee als immaterielles Welterbe. Alles Materielle soll für die Konsum-Mitarbeiter ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielen.