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Krankenkasse lenkt im Fall Leon ein

Für die vielen Hilfsangebote sind seine Eltern dankbar. Nun erhält der Junge mit der Spenderniere unverhofften Beistand.

© Egbert Kamprath

Von Stephan Klingbeil

Klingenberg. Ein Lächeln huscht der Hermsdorferin Liane Ludwig über das Gesicht. Immer wieder gibt es Anfragen, sie und ihren Sohn Leon zu unterstützen – nicht nur aus der kleinen Gemeinde im Osterzgebirge. Viele Hilfsangebote gingen nach den Berichten der SZ bei der Familie ein. „Wir sind überwältigt von der Hilfsbereitschaft und so dankbar darüber“, sagt die 52-Jährige. Das Schicksal des nierentransplantierten Grundschülers, dessen Eltern sich die Fahrt zur regelmäßigen Untersuchung in Leipzig nicht leisten können, bewegt viele.

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Auch seine Krankenkasse, die aufgrund der Rechtslage die Zahlung der Fahrtkosten für Leons Untersuchungen in einer Leipziger Klinik eingestellt hatte, lenkte kürzlich ein. „Die AOK Plus hat sich im Fall des kleinen Leon entschlossen, eine Einzelfallentscheidung zugunsten der Familie zu treffen“, erklärt Sprecherin Hannelore Strobel. „Wir tun das jetzt, obwohl wir im Fall von Familie Ludwig nach wie vor das Sozialamt als eigentlich zuständigen Leistungsträger in der Pflicht sehen.“ Liane Ludwig freut sich über die Unterstützung: „Bis das Sozialamt unseren Antrag bearbeitet, will die Krankenkasse die Fahrten bezahlen.“

Ihr Anwalt wolle sich darüber hinaus in diesen Tagen mit einem Vertreter der AOK Plus treffen und über das noch offene zivilrechtliche Klageverfahren wegen der Fahrtkostenübernahme reden. Die Krankenkasse wolle Liane Ludwig bei dem Antrag helfen. „Es ist aber noch nicht klar, ob das Amt dann auch für die Fahrten zahlt“, sagt Leons Mutter, die in der Landwirtschaft tätig ist. Was wird, wenn dieser Fall eintritt, wisse sie jetzt auch noch nicht.

Fakt ist jedoch, dass Leon alle sechs Wochen nach Leipzig zur Untersuchung muss. Dort befinde sich das auf Dialyse bei Kindern spezialisierte Krankenhaus Sachsens. Das nächste Mal muss der Viertklässler am 10. November dorthin. Derzeit geht es ihm gut, erklärt seine Mutter. Seine Werte seien seit einem Jahr stabil. Anders als gesunde Kinder in seinem Alter sei er anfälliger für Krankheiten. Das liegt an den Medikamenten, die er nach der Nierentransplantation wohl sein Leben lang nehmen muss, damit das Spenderorgan nicht abgestoßen wird. Er muss täglich ausreichend trinken und die Tabletten nehmen.

Leon ist chronisch krank. Sein Schicksal bewegt. Der Zehnjährige ist das Nesthäkchen der Familie. Als er geboren wird, sind die beiden älteren Kinder der Ludwigs schon erwachsen, sie haben mittlerweile selbst Kinder. 2012 kam der Schock für Leon und seine Familie. Kurz vor der Einschulung des Jungen wird klar, dass er sich mit dem Darmbakterium Ehec infiziert hat. Der Keim hatte ein Jahr zuvor deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Menschen starben. Für die Ehec-Epidemie im Sommer 2011 hatten Behörden aus Ägypten importierten kontaminierten Bockshornkleesamen als wahrscheinliche Ursache ausgemacht. Als Infektionsquellen gelten bei Kindern aber noch heute meist Tierkontakt, Verzehr von Rohmilch, Baden in Gewässern, die mit Tierkot verschmutzt sind.

Infektionsweg unklar

Wie sich Leon mit dem gefährlichen Darmkeim infiziert hat, ist bis heute nicht bekannt – und lässt sich wohl auch nicht mehr klären. Fakt ist jedoch, dass der Junge einen Tag vor seiner Einschulung mit Bauchschmerzen und Erbrechen ins Freiberger Krankenhaus kam und sich sein Zustand rasch verschlechtert hat. Als die Diagnose Ehec stand, hatten Leons Nieren bereits versagt, die Ärzte legten ihn ins Koma. Nach drei Monaten im Krankenhaus konnte er wieder nach Hause. Seine Nieren funktionierten aber nicht mehr, Leons Blut musste täglich gereinigt werden. Die Heimdialyse, auf die der junge Hermsdorfer angewiesen ist, klappt nicht gut. Sein Zustand verschlechtert sich, sodass er in das spezialisierte Krankenhaus in Leipzig kam. Der Versuch der Mutter, eine Niere zu spenden, scheitert an anatomischen Differenzen.

Die Taxifahrten zur Dialyse in das rund 150 Kilometer entfernte Leipzig bezahlte damals noch die Krankenkasse, die AOK Plus. Kurz vor Weihnachten 2013 bekam Leon aber zum Glück eine Spenderniere. Die AOK strich jedoch in diesem August das Beförderungsgeld für ihn, weil es dem Jungen nach der Transplantation wieder gutgeht und seine hundertprozentige Behinderung von den Behörden aberkannt worden war. Fahrten zu ambulanten Behandlungen – wie in Leons Fall – zählten als Nebenleistung und seien durch die Kasse nur im Ausnahmefall zu tragen oder bei amtlich festgestellter Schwerbehinderung.

Die AOK schickt die Familie wegen ihrer Bedürftigkeit zum Jobcenter, dort wiederum habe man sie zurück an die Krankenkasse verwiesen, berichtete Liane Ludwig. Die Eltern klagten gegen die AOK vor dem Sozialgericht – und verloren zunächst. Die Kasse sei für soziale Belange nicht zuständig, hieß es dort zur Begründung. Nun ist das Sozialamt gefragt. Die AOK bestätigt ihre finanzielle Unterstützung bis zur dortigen Klärung der Kostenübernahme. Für Liane und ihren Mann Andree Ludwig, der selbst schwer krank ist und nicht mehr Auto fahren darf, bedeutet das – erst einmal – mehr Sicherheit. Sie könne durchatmen nach wochenlangem Hin und Her.

Und etwas entspannen können die Ludwigs auch. Vor Kurzem reiste Leon mit seinen Eltern nach Bad Schandau. Reinhard Dünnebier, dessen Frau dort ein Hotel führt, hatte die Familie für einen dreitägigen Kurzurlaub eingeladen. „Leon hat sich besonders darüber gefreut“, so die Mutter. Und ihr Mann ergänzt: „Es war herrlich.“

Wer Leon unterstützen möchte, kann sich künftig telefonisch direkt an die Familie Ludwig in Hermsdorf wenden unter : 03505750328, oder sie gerne auch kontaktieren per E-Mail an: [email protected]