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Krasser Außenseiter

Handball, Großröhrsdorf und Bundesliga – das gehört jetzt zusammen. Die Rödertalbienen starten in die Saison, und ihr Trainer ist hin- und hergerissen.

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© Lutz Hentschel

Von Tino Meyer

Die Frage amüsiert ihn. Ob nun die Anspannung oder doch die Vorfreude vor dem Saisonauftakt größer ist, beantwortet der Trainer erst laut lachend und dann eindeutig. „Angesichts des Gegners hält sich die Vorfreude in Grenzen. Wir sind uns der Mammutaufgabe natürlich bewusst“, sagt Karsten Knöfler.

Das erste Bundesligaspiel überhaupt in der erst achtjährigen Vereinshistorie führt seine Frauen vom HC Rödertal am Samstag gleich nach Buxtehude. Der Pokalsieger und Vorjahresvierte, eines der erfahrensten Teams der Liga – viel schwerer geht es kaum. „Wir sind – Stand jetzt – in jedem Spiel der krasse Außenseiter, auch im Vergleich mit den Mitaufsteigern. Aber wir haben nichts zu verlieren. Und so werden wir die Aufgabe in Buxtehude auch angehen. Wir sind frohen Mutes“, sagt Knöfler.

Denn natürlich gibt es neben der großen Neugier und dem etwas mulmigen Gefühl in der Magengegend auch eine riesige Freude auf das, was kommen wird. Das kleine Großröhrsdorf, eine 10 000-Einwohner-Stadt zwischen Radeberg, Pulsnitz und Bischofswerda, in der Eliteklasse – manchmal werden Träume wahr, sogar schneller als gewollt.

Eigentlich hatten die Klubchefs bereits entschieden, auf den sportlich erreichten Aufstieg zu verzichten. Zu groß erschien das Wagnis, vor allem war es finanziell nicht genügend abgesichert. Doch dann kam mit dem Lizenzentzug für den HC Leipzig eine ungeahnte Euphorie-Lawine ins Rollen, dazu plötzliche Zusagen von bisherigen sowie neuen Sponsoren und der HC Rödertal letztlich über die Hintertür doch noch in die Bundesliga. Nur stand diese unerwartete Wendung erst Mitte Juli fest, also viel zu spät für einen geordneten Aufbau. Mit den Konsequenzen muss nun Trainer Knöfler fertig werden. Elf Neuzugänge hat er zu integrieren in eine Mannschaft, die er selbst in der Vorbereitung erst so richtig kennengelernt hat. Auch der 40-Jährige ist schließlich neu im Rödertal. Im Zwischenmenschlichen, glaubt Knöfler, ist das Zusammenwachsen in den vergangenen knapp acht Wochen bereits weit vorangeschritten. Sportlich aber bleibt die große Ungewissheit.

„Da hinken wir der Konkurrenz hinterher, so ehrlich müssen wir sein. Und auch die Kaderplanung ist noch nicht vollständig abgeschlossen“, sagt der Cheftrainer. Eine Spielerin für den Kreis sowie eine Rechtsaußen werden weiter gesucht. Dass dem schweren Auftakt in Buxtehude mit dem Auswärtsspiel beim Vorjahresdritten Metzingen eine Woche später die nächste schier unlösbare Aufgabe folgt, ist Knöfler jedoch gerade recht. Generell gilt für die ersten sechs Partien ohnehin nur die eine Maxime: Irgendwie durchkommen und vielleicht den einen oder anderen Punkt ergattern, zum Beispiel im ersten Heimspiel am 23. September gegen Bad Wildungen.

Ab Mitte November macht die Bundesliga dann Pause für die am 1. Dezember beginnende Weltmeisterschaft in Deutschland. Zeit also, um den Rückstand aufzuholen. Wenn dann kurz vor Weihnachten wieder gespielt wird, sollen die selbsternannten Rödertalbienen endgültig konkurrenzfähig sein, im Rahmen ihrer Möglichkeiten jedenfalls.

Anders als bei vielen anderen Erstligisten sind die Spielerinnen keine Profis, sie arbeiten und studieren – und das nicht nur nebenbei. Mehr als drei, vier Trainingseinheiten pro Woche sind da nicht drin. Die fünf Leipzigerinnen, die nach der HCL-Insolvenz ins Rödertal gewechselt sind, pendeln zudem. Neben der sportlichen Herausforderung gilt es also nicht zuletzt, auch strukturell voranzukommen, professioneller zu werden.

Ein einmaliger Ausrutscher soll dieser Aufstieg nämlich nicht sein. „Wir wollen nichts mehr als den Klassenerhalt, den aber unbedingt. Und das ist ein erreichbares Ziel“, betont der Trainer.