merken

Kriegstote haben wieder ein Gesicht

Vor einem Jahr schändeten Unbekannte das Andenken der Rotarmisten. Jetzt erinnern neue Plaketten an die Soldaten.

© Lutz Weidler

Von Antje Steglich

Zeithain. Die Gespräche mit den Hinterbliebenen waren für Gedenkstättenleiter Jens Nagel besonders schwer. Den Angehörigen zu erklären, dass die Gedenktafeln ihrer toten Väter, Großväter oder Onkel mutwillig zerstört worden sind, dass gezielt auf deren abgebildete Gesichter geschossen wurde – das war für ihn nicht einfach.

Anzeige
Foto schießen und gewinnen
Foto schießen und gewinnen

Was für ein Anblick! Wer das im Urlaub öfter gedacht und diesen Moment festgehalten hat, kann jetzt einen Reisegutschein von sz-Reisen gewinnen.

Dezember 2016  -  Die Würde zurückgegeben: Ein Jahr nach der Tat hat die Stiftung Sächsische Gedenkstätten die Plaketten erneuern lassen – zur Erleichterung der Angehörigen.
Dezember 2016 - Die Würde zurückgegeben: Ein Jahr nach der Tat hat die Stiftung Sächsische Gedenkstätten die Plaketten erneuern lassen – zur Erleichterung der Angehörigen. © Klaus-Dieter Brühl

„Wer einmal Hinterbliebene – die über 60 Jahre warten mussten, um die Todesumstände und den Sterbeort zu erfahren – bei ihrem Besuch auf den Grabstätten begleitet hat, kennt die Emotionen und die persönliche Bedeutung, die das Gedenken in Zeithain für die nächsten Angehörigen hat“, sagte er. „Sie haben uns aber keine Vorwürfe gemacht, sondern waren eher dankbar, dass wir uns kümmern“, so Jens Nagel. Kurz vor Weihnachten kann er ihnen nun mitteilen, dass die Plaketten ersetzt worden sind.

Mit viel Aufwand haben die Mitarbeiter der Gedenkstätte Zeithain die Fotos und Daten der Kriegsopfer wieder beschafft oder rekonstruiert und daraufhin neue Gedenktafeln anfertigen lassen. Vor wenigen Tagen wurden sie an ihrem alten Platz installiert. Die Produktionskosten der neuen Tafeln hatte die Stiftung Sächsische Gedenkstätten übernommen.

Die betroffenen Gedenktafeln, die Porträts gestorbener sowjetischer Kriegsgefangener auf emaillierten Metallplatten, Keramiken und Kunststein zeigen, wurden der Gedenkstätte in den vergangenen Jahren von Angehörigen übergeben und am Rande der Kriegsgräberstätten in der Gemeinde Zeithain aufgestellt. Damit will man den Toten, die dort oft in Massengräbern beigesetzt wurden, ein Gesicht geben und individuell an sie erinnern. – Doch vor etwa einem Jahr haben Unbekannte die Erinnerungstafeln auf den Friedhöfen Zschepa I und II beschossen. Mindestens 15 Mal haben sie vermutlich mit Druckluftwaffen auf die Gesichter auf den Fotos gezielt.

Die Täter konnten laut Aussage der Gedenkstätte bis heute nicht ermittelt werden. Das Ermittlungsverfahren wurde kürzlich eingestellt, heißt es. Ob es sich um eine politisch motivierte Sachbeschädigung und eine Störung der Totenruhe von Opfern nationalsozialistischer Verbrechen handelte oder um einen Dummejungenstreich, bleibt deshalb wohl unklar.

Dabei hatten die Vorfälle große Wellen geschlagen. Nicht nur die Stiftung sächsischer Gedenkstätten verurteilten die Schüsse aufs Schärfste, auch die russische Botschaft hatte sich zu Wort gemeldet. Sie nannte die Vorfälle eine Barbarei, forderte eine Aufklärung und verfolgte die Wiederherstellung der Gedenktafeln mit großem Interesse. Auch die russische Nachrichtenseite „L!fe News“ war damals vor Ort und berichtete von den Kriegsgefangenenfriedhöfen am Rand der Gohrischheide.

Die Anlagen Zschepa I und II wurden zwischen November 1942 bis zur Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Zeithain im April 1945 zur Bestattung sowjetischer Todesopfer genutzt. Die verstorbenen Kriegsgefangenen wurden in Massengräbern anonym bestattet.

Mehr als 400 sowjetische Todesopfer wurden zudem bis Anfang Dezember 1945 in Einzelgräbern auf dem Friedhof Zschepa II beerdigt. Insgesamt ruhen auf beiden Friedhöfen mehr als 10 000 sowjetische Kriegsgefangene.

Neben den Plaketten der Kriegsgräberstätten wurde im März dieses Jahres auch eine Infotafel auf dem Waldfriedhof Zeithain beschossen. Ob es einen Zusammenhang zu den Vorfällen in Zschepa gibt, ist bislang unklar.