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Trucker wehrt sich gegen Planenschlitzer auf A14

Dabei verletzt er einen Mann schwer. Deshalb landet der ukrainische Lasterfahrer vor dem Amtsgericht Döbeln. Dort erzählt er von Todesangst.

Planenschlitzer waren auf dem A14-Parkplatz Hansens Holz zugange. Dabei kam es zu einem Zwischenfall, bei dem ein Täter schwer verletzt wurde.
Planenschlitzer waren auf dem A14-Parkplatz Hansens Holz zugange. Dabei kam es zu einem Zwischenfall, bei dem ein Täter schwer verletzt wurde. © Symbolfoto: Claudia Hübschmann

Döbeln/Nossen. Nicht der Angeklagte wird von zwei Justizbeamten in Hand- und Fußfesseln in den Saal des Döbelner Amtsgerichts geführt, sondern der Geschädigte. Er sitzt derzeit wegen Bandendiebstahls in der JVA Leipzig in Untersuchungshaft.

Diesmal wird der Pole jedoch in einem Fall, der sich bereits vor zwei Jahren ereignet hat, als Zeuge gehört. Dabei geht es um schwere Körperverletzung. Diese wirft die Staatsanwaltschaft einem aus der Ukraine stammenden Lasterfahrer vor.

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Weil seine Fahrzeit fast erreicht war, hatte dieser im September 2019 auf dem Rastplatz Hansens Holz an der A14 angehalten, um dort die Nacht zu verbringen. „Ich dachte, das ist ein sicherer Parkplatz“, sagt der 30-Jährige. Gegen 4.40 Uhr sei er jedoch durch Geräusche geweckt worden und habe zuerst gedacht, sein Laster solle gestohlen werden.

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Von der polnischen Firma, bei der er angestellt ist, habe er die Vorgabe, in solchen Fällen nichts zu tun, außer die Polizei zu rufen. Denn der Laster und dessen Inhalt seien versichert, erzählt der Ukrainer vor Gericht.

Planenschlitzer bedroht Lkw-Fahrer mit Messer

Doch es kam anders. Er sei von der Schlaf- in die Fahrerkabine geklettert, um nachzuschauen, was sich draußen abspielt. Dabei habe er in seiner Aufregung versehentlich die Verriegelung der Türen gelöst. Die auf der Fahrerseite sei von einem Mann geöffnet worden, der ein Messer in der Hand gehalten habe. Dabei habe der Ukrainer die Frage gehört: „Was sollen wir jetzt mit ihm machen?“

Er habe es geschafft, mit einer Hand die Tür festzuhalten und mit der anderen den Laster zu starten. „Ich hatte Angst um mein Leben. Ich wollte nur weg“, sagt der Angeklagte. Allerdings hätten quer vor seinem Laster ein weißer Transporter und hinter dem Laster ein Iveco gestanden.

Augenscheinlich seien mehrere Personen dabei gewesen, die Fernseher, die der Ukrainer transportiert hat, von seinem Laster in den Transporter zu verladen. Der Wert der kompletten Ladung habe bei etwa 30.000 Euro gelegen.

Er habe nur einen Meter zurückgesetzt, aber nach wie vor seine Tür nicht schließen können. „Aus Angst, dass sie mir etwas antun, bin ich nach vorn in den Transporter gefahren“, schildert der Ukrainer die Situation und beteuert: „Ich habe vor dem Laster keine Person gesehen.“

Polizei findet Blutspur in der Nähe des Lasters

Dann habe er jedoch Schreie gehört und seitlich einen Mann am Boden liegen sehen. Andere Personen hätten diesen in einen schwarzen VW gezogen und dieser sei zusammen mit dem Transporter weggefahren. Erst dann sei es ihm gelungen, die Fahrertür zu schließen und die Polizei zu informieren.

Er habe vor Ort lediglich noch eine Blutspur feststellen können, sagt ein Beamter des Polizeireviers Döbeln. Allerdings habe er kurze Zeit später von der Verkehrspolizeidirektion Leipzig die Information erhalten, dass bei MC Donalds an der Raststätte Muldental bei Grimma ein Pole um Hilfe für seinen verletzten Kumpel gebeten habe.

Auf dem Parkplatz Hansens Holz an der A14 hat sich ein Lasterfahrer sicher gewähnt. Doch in der Nacht kamen Diebe und wollten sich an seiner Ladung bedienen.
Auf dem Parkplatz Hansens Holz an der A14 hat sich ein Lasterfahrer sicher gewähnt. Doch in der Nacht kamen Diebe und wollten sich an seiner Ladung bedienen. © Archiv/Christian Essler

Dieser habe offensichtlich starke Schmerzen gehabt und schreiend in einem schwarzen VW gesessen, sagt die Schichtleiterin von MC Donalds als Zeugin aus. Komisch sei ihr vorgekommen, dass sie beim ersten Mal, als sie zu dem Auto kam, dort fünf Personen gesehen hatte, von denen beim zweiten Mal drei verschwunden waren. Deshalb habe sie neben dem Rettungsdienst auch die Polizei verständigt.

Sowohl der MC Donalds-Mitarbeiterin als auch den Leipziger Polizeibeamten hatten die Polen dieselbe Geschichte erzählt: Der Verletzte sei auf der A4 auf freier Strecke ausgestiegen, weil die Blase gedrückt hat. Dabei sei er von einem Laster angefahren worden.

Opfer bereits wegen "Diebstahlshandlungen" verurteilt

Weil dies den Beamten unrealistisch erschien, sich in dem VW weder Papiere noch Gepäck befanden und der Schlüssel plötzlich verschwunden war, hätten sie einen Zusammenhang mit dem Vorfall bei Hansens Holz hergestellt und den Kumpel des Geschädigten im Fahndungssystem überprüft. „Er war wegen Bandendiebstahls aktenkundig“, so ein Leipziger Beamter vor Gericht.

Auch der Pole, der bei Hansens Holz verletzt wurde, stand bisher nicht nur einmal vor Gericht und wurde „wegen Diebstahlshandlungen“ auf diesem Parkplatz bereits rechtskräftig verurteilt. Der 43-Jährige schildert den Vorfall dort allerdings etwas anders.

Er habe in dem VW gewartet und sei erst dann ausgestiegen, als er ein großes Durcheinander gehört habe. Es sei alles so schnell gegangen, dass er sich nicht mehr hundertprozentig an alles erinnern können, meint er – beschreibt aber ziemlich detailliert, was dann passiert sein soll.

Zwischen Lkw und Transporter eingequetscht

Ein Mann habe auf dem Parkplatz mit seinem Laster andere Fahrzeuge demoliert. Seine Kumpel seien nicht dort gewesen. Der Pole habe sich vor den Laster gestellt und dem Fahrer, der ihn gesehen habe, einen Vogel gezeigt.

Der Trucker habe den ersten Gang eingelegt, sei über einen Bordstein losgefahren, habe ihn an den Transporter gequetscht und weiter Gas gegeben, obwohl der Pole gegen die Front des Lkw getrommelt und geschrien habe, dass er aufhören soll. „Er hat das konkret mit Vorsatz getan“, meint der Pole.

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Zum einen erklärt er, dass er noch etwa 20 Meter gelaufen sei und dann das Bewusstsein verloren habe. Zum anderen behauptet er, unter einen Lkw-Anhänger gekrochen zu sein, damit ihn der Laster nicht überfahren kann. Kumpel hätten ihn unter dem Anhänger vorgezogen und in den VW gesetzt.

„Und weshalb sind Sie weggefahren und haben weder Polizei noch Rettungsdienst gerufen?“, will die Staatsanwältin wissen. „Wir hatten Angst, weil der Mann wie ein irrer mit seinem Laster über den Parkplatz gefahren ist“, so die Antwort des Polen. Der hatte großflächige Verletzungen am Gesäß und am linken Oberschenkel erlitten, die operiert werden mussten. Nach seinen Angaben leide er noch heute unter den Folgen.

Verteidiger spricht von "Märchen" des Opfers

Es sei unstrittig, dass es den Unfall mit den Verletzungen als Folge gegeben hat, sagt die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Aber sie schenke den Aussagen des Zeugen keinen Glauben. Der Angeklagte habe in Notwehr gehandelt. „Er wurde angegriffen. Seine Ladung wurde gestohlen. Das muss er nicht dulden“, sagt sie. Sie spricht sich für einen Freispruch des Ukrainers aus.

Auch dessen Verteidiger ist der Überzeugung, dass sein Mandant sich keiner Straftat schuldig gemacht hat. Zudem habe er sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden. Die Aussage des Polen bezeichnet der Verteidiger als Märchen und plädiert ebenfalls auf Freispruch. Dem schließt sich die Richterin an. Die Kosten des Verfahrens und alle Auslagen trägt die Staatskasse. Das Urteil ist rechtskräftig.

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