merken
PLUS Weißwasser

Beziehung endet fast in der Katastrophe

Ein 27-jähriger Weißwasseraner, der seine Freundin wohl beinahe getötet hätte, sitzt in Görlitz vor Gericht.

Der angeklagte Weißwasseraner verdeckt sein Gesicht mit einer Mappe
Der angeklagte Weißwasseraner verdeckt sein Gesicht mit einer Mappe © Danilo Dittrich

Weißwasser/Görlitz. Dass dieses ehemalige Liebespaar am Montag im Görlitzer Landgericht saß – er als Angeklagter, sie als Opfer und Zeugin – ist einerseits Dramatik, andererseits aber auch großes Glück angesichts der Vorfälle, die sich zwischen beiden abgespielt hatten und die am 12. Oktober 2019 eskaliert waren. Beide hatten damals auch ein wenig Glück, dass sie mit dem Leben davonkamen.

Jene Tat ist die sechste in einer Liste von Anklagepunkten, die Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu vorträgt. Demnach hat ein heute 27-jähriger Weißwasseraner zwischen November 2017 und Oktober 2019 seine fast fünf Jahre jüngere Freundin in sechs Fällen jeweils erheblich angegriffen. Bei den beiden ersten Vorfällen im Herbst 2017 Faustschläge gegen den Kopf und den Brustkorb, auch Tritte gegen die Oberschenkel. Es blieben Hämatome zurück. Die junge, zierliche Frau erstattete jeweils Anzeige, aber sie kehrte immer wieder in die Beziehung zurück, bis es wieder krachte. Beim dritten Vorfall im Mai 2018 gab es massive Stöße gegen die Frau, die so gegen Wände geschleudert wurde. Laut Anklage flog ein Bilderrahmen hin und her, am Ende blieben Prellungen bei der Frau und eine Schnittwunde zurück.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Opfer sorgt für Entlassung aus der U-Haft

Im September und im November 2018 wurden die Angriffe des Angeklagten laut Anklage noch einmal deutlich gefährlicher für die Frau. Der Mann soll sie diesmal gewürgt haben, 20 Sekunden lang mit beiden Händen. Sie habe Todesangst erlitten, erst recht, nachdem er drohte: „Jetzt stirbst Du!“. Letztlich konnte sie flüchten, wurde von ihm aber im Treppenhaus der gemeinsamen Wohnung eingeholt und kassierte noch einen Faustschlag. Wieder gab es eine Anzeige bei der Polizei, eine anschließende Aussprache und die Versöhnung.

Zwei Monate später die nächste Attacke: Es gab Faustschläge, wieder wurde die Frau massiv gewürgt, wieder gab es eine Todesdrohung („Du stirbst jetzt“) und nach der Flucht der Frau einen Angriff von hinten im Treppenhaus. Die Anzeige der Frau bei der Polizei hatte diesmal Konsequenzen, wenn auch mit deutlicher Zeitverzögerung: Der Angeklagte wurde Mitte August 2019, also rund zehn Monate nach der bis dahin letzten Tat in Untersuchungshaft genommen, offensichtlich eine Anklage vorbereitet. Aber es kam anders. Die junge Frau nahm ihre Aussagen zurück, gab an, ihren Partner falsch beschuldigt zu haben und setzte sich damit Ermittlungen wegen einer falschen Beschuldigung aus. Der Angeklagte wurde am 2. Oktober aus der U-Haft entlassen. Zehn Tage später kam es fast zur Katastrophe.

Am 12. Oktober kam es in der Wohnung der beiden erneut zum Streit, die Gewalt erreichte noch einmal eine neue Dimension. Diesmal setzte es laut Anklage fünf, sechs Faustschläge gegen ihren Kopf, sie wurde an den Haaren durch die Wohnung gezogen, Haarbüschel herausgerissen. Sie wurde gewürgt, beide fielen zu Boden. Dort gab es einen Kopfstoß von ihm gegen ihre Stirn, sodass sie mit dem Hinterkopf gegen die Heizung prallte. Danach wurde sie massiv gewürgt, so dass sie Todesangst hatte. Bei dem Geschehen in der Küche hatte sie ein Messer ergreifen können und damit nach hinten in Richtung ihres Partners ausgestochen. Sie fügte ihm Verletzungen zu, am Oberarm, nahe des Knies. Sie stieß weiter zu, traf ihn schließlich im Brustkorb und verletzte ihn schwer. Er ließ von ihr ab, Krankenwagen und Polizei wurden gerufen.

Trotz allem blieb der 27-jährige Mann auf freiem Fuß, am Montag, 9 Uhr warteten unter anderem drei Richter, zwei Schöffen, zwei Gutachter, Oberstaatsanwalt und Verteidiger auf den Angeklagten – vergeblich. Er erschien nicht, Richter Theo Dahm ließ ihn vorführen.

Der Weißwasseraner wurde von der Polizei auf Arbeit abgeholt und nach Görlitz chauffiert. Mit zweieinhalbstündiger Verspätung konnte die Verhandlung beginnen. Eigentlich mit einer Überraschung, denn der junge Mann entschuldigte sich in aller Form („Ich hatte nur die Folgetermine ab 5. Mai auf dem Schirm, diesen aber völlig vergessen“). Auch in seiner Aussage wirkte er überaus vernünftig, jedenfalls alles andere als gefährlich. Letztlich räumte er alle Taten ein, auch wenn er angab, sich wegen des großen zeitlichen Abstandes nicht mehr an jedes Detail erinnern zu können.

Er entschuldigte sich für seine „falschen, nicht zulässigen Taten. Ich kenne mich selbst nicht so aggressiv und weiß nicht, wie es dazu kommen konnte“, sagte er vor Gericht. Er sei seiner jetzt Ex-Freundin noch heute dankbar, dass er sie am Anfang aus einem tiefen Loch geholt habe. Auslöser für die Taten sei immer ein Streit gewesen, um Geld, Eifersucht und weiteres. Man habe sich gegenseitig hochgeschaukelt. „Irgendwas hat sie mit mir gemacht, dass ich so aggressiv reagiert habe“, sagte er vor Gericht. Umbringen aber habe er sie nie wollen, versicherte er. Und damit, dass sie die Anzeigen während seiner U-Haft zurückgezogen hatte, habe er nichts zu tun. „Ich glaube, sie wollte mich da einfach nur zurück.“ Nach der letzten Auseinandersetzung wurde er mit einer Not-Op gerettet und verbrachte einen Tag im künstlichen Koma. Seitdem habe er versucht, wieder ein neues Leben anzufangen, mit eigener Wohnung, geregelter Arbeit.

Gutachter spielen wichtige Rolle

Die junge Frau kämpfte im Zeugenstand mit den Tränen, beschrieb vor allem den sechsten, gefährlichsten Angriff sehr eindrücklich. Der Angriff sei völlig unvermittelt erfolgt, wenig später, nachdem sie ihm gesagt habe, dass es vielleicht besser sei, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Als sie sich dank ihrer Messerstiche gerettet hatte, rief sie den Krankenwagen.

Das Landgericht hat drei weitere Verhandlungstage angesetzt. Weitere Zeugen werden gehört. Das Ergebnis der Gutachten dürfte erheblichen Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens haben. Der psychiatrische Gutachter wird sagen, ob der Angeklagte bei seinen Taten voll schuldfähig war oder tatsächlich, wie vom Angeklagten angedeutet, etwas mit seiner Psyche nicht stimmt. Und die Rechtsmedizinerin wird schildern, was die Untersuchung des Opfers ergeben hat, wie nah die junge Frau dem Tod durch das Würgen tatsächlich war. Weiter geht es am Mittwoch, 9 Uhr am Landgericht Görlitz.

Mehr Nachrichten aus Weißwasser und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Weißwasser