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Dynamo-Krawalle: Festnahmen bei Razzia

Schlag gegen Dynamo-Randalierer: Die Polizei durchsucht am frühen Morgen mit 800 Beamten 56 Wohnungen. Es gibt mehrere Festnahmen.

Die Polizei hat am frühen Donnerstagmorgen mehrere Wohnungen in Sachsen und Brandenburg durchsucht. Es geht um Beweise zu den Dynamo-Krawallen am Dynamo-Aufstiegstag am 16. Mai.
Die Polizei hat am frühen Donnerstagmorgen mehrere Wohnungen in Sachsen und Brandenburg durchsucht. Es geht um Beweise zu den Dynamo-Krawallen am Dynamo-Aufstiegstag am 16. Mai. © J.Lösel

Dresden. Ein gelb-rotes Emblem prangt auf der Jacke eines glatzköpfigen Mannes, der das Haus an diesem Morgen in Begleitung verlässt. Das Symbol von Dynamo-Dresden. Der Himmel hängt verwaschen über dem Häuserblock mit grünem Innenhof und bunten Blumen. 7.30 Uhr im Dresdner Stadtteil Strehlen, die Nachbarschaft erwacht gerade erst. Für den Mann und seine Begleiter hat der Tag früher begonnen.

Gegen 6 Uhr ist eine Traube von Polizistinnen und Polizisten mit zwei Mannschaftswagen in der ruhigen Wohngegend vorgefahren. Sie gehören zu den 800 Kräften, die an diesem Mittwochmorgen eine Großrazzia durchführen. Gegen Männer, die hinter den Krawallen am Tag des Aufstiegsspiels von Dynamo Dresden stecken sollen.

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56 Wohnungen werden am Morgen durchsucht

56 Wohnungen durchsucht die Polizei seit den frühen Morgenstunden. Die meisten davon in Dresden, einige an anderen Orten in Sachsen und in Brandenburg. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern Delikte wie schweren Landfriedensbruch und Körperverletzung vor. Gegen sechs dringend tatverdächtige Deutsche im Alter von 20 bis 33 Jahren hatte ein Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Dresden Haftbefehle erlassen. Fünf davon wurden heute festgenommen, einer davon befindet sich bereits in Untersuchungshaft. Der Sechste, ein 30-Jähriger aus Lauchhammer in Brandenburg, hat sich selbst gestellt.

Die Beschuldigten sollen Glasflaschen oder andere Gegenstände gegen Polizeibeamte geworfen haben, sind "bereits einschlägig in Erscheinung getreten", so die Polizei. Gegen alle sechs Beschuldigte besteh Wiederholungsgefahr. Zwei von ihnen haben Geständnisse abgelegt. Die anderen haben sich nicht zum Tatvorwurf geäußert.

Aus den Wohnungen wurden Beweismittel wie 42 Kleidungsstücke, 53 Smartphones, Tablets und andere Speichermedien gesichert, zudem eine Reihe von Waffen, Waffenattrappen, Pyrotechnik sowie Substanzen zur Herstellung von Sprengstoff, darunter Magnesiumpulver, Schwefel und Blitzknallersubstanz, außerdem ein Taser, ein als Schlüssel getarntes Messer und Attrappen einer Panzerfaust und einer Stabhandgranate. Die Blitzknallersubstanz ist so explosiv, dass sie kontrolliert gesprengt werden musste. Es ist der vorläufige Höhepunkt der Ermittlungen, die die Soko (Sonderkommission) Hauptallee seit gut zwei Monaten führt.

Zwischen 2.30 Uhr und 3 Uhr sind die Polizisten aufgestanden, die vor der Tür des Mannes stehen. Zu dem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, dass er bald Besuch empfangen muss. Ein Nachbar schielt vom Balkon hinunter auf die Polizei, raucht eine Zigarette. So viel Aufsehen wie bei Großrazzien gegen Organisierte Kriminalität, gegen die mutmaßlichen Einbrecher ins Grüne Gewölbe etwa, erregt die Polizei bei diesem Einsatz nicht. Keine Spezialeinsatzkommandos, keine aufgebrochenen Türen. Nur Bereitschafts- und Bundespolizei, darunter auch Kriminalpolizei, unterstützt die Soko bei dem Einsatz.

Polizei sichert tütenweise Beweismaterial

Der Mann mit der Glatze begleitet die Kräfte widerstandslos aus dem Haus. Ein Tross aus Männern und Frauen mit viel Gepäck begleitet ihn. Tüten voller Beweismaterial tragen sie bei sich, einen silberfarbenen Koffer, mehrere Kameras. Die Polizei verschwindet so ruhig wie sie gekommen ist.

Beweismaterial wird von der Polizei in Tüten gesammelt und mitgenommen.
Beweismaterial wird von der Polizei in Tüten gesammelt und mitgenommen. © Franziska Klemenz

Etwas später im Dresdner Stadtteil Leuben. Ein Plattenbau mit 15 Briefkästen, manche von ihren Inhabern haben die Anwesenheit der Polizei bemerkt. Bäume spiegeln sich in den Fenstern des Treppenhauses, hinter dem ein weiterer Polizeitross einen Verdächtigen begleitet. Der bärtige Mann mit Mütze verschwindet in einem Mannschaftswagen, den die Polizei direkt auf dem Bordstein geparkt hat, seine Sachen stecken in einer Plastiktüte.

Ein Ermittler ohne Uniform legt sie auf den Rücksitz eines Wagens, der äußerlich nicht verrät, zu wem er gehört. Es ist kurz nach 8 Uhr. Ehe die Stadt so richtig mitbekommen hat, was hier geschieht, hat die Polizei Dutzende Tüten, riesige Datenmengen eingesammelt.

Noch am Vormittag werden die Festgenommenen am Amtsgericht Dresden einem Haftrichter vorgeführt.

Razzia nach wochenlangen Ermittlungen

Die Razzia geht aus den Ermittlungen der 50-köpfigen Soko Hauptallee vor, die sich nach den Krawallen am 16. Mai gegründet hat. 185 Einsatzkräfte der Polizei, mehrere Journalisten und weitere Personen sind während und nach dem Fußballspiel verletzt worden, das Dynamo Dresden den Aufstieg zurück in die zweite Fußball-Bundesliga ermöglicht hat.

Aus den Wohnungen wurden zahlreiche Beweismittel gesichert.
Aus den Wohnungen wurden zahlreiche Beweismittel gesichert. © J.Lösel

Die Polizei hatte das Rudolf-Harbig-Stadion aus Infektionsschutzgründen weiträumig abgesperrt, um die Ansammlung von feiernden Menschenmassen zu unterbinden. Mehrere tausend Personen versammelten sich dennoch im Bereich des Großen Gartens, darunter 500 Gewalttäter, die mit Flaschen, Steinen, Barrikaden und Pyrotechnik auf die Polizei losgingen. Die setzte am späteren Nachmittag zwei Wasserwerfer, einen Räumpanzer und Tränengas ein.

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40 Männer im Alter von 18 bis 69 Jahren hat die Polizei noch am gleichen Tag vorübergehend in Gewahrsam genommen. Sie registrierte 32 Straftaten, darunter schweren Landfriedensbruch, Beleidigung, Widerstände und tätliche Angriffe gegen Vollstreckungsbeamte, Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und Körperverletzung. Durch Auswertungen von Bildmaterial fahndete die Soko öffentlich bislang nach 40 Verdächtigen, die zu den Rädelsführern gehört haben sollen. 21 von ihnen sind bereits bekannt, die meisten davon haben sich selbst gestellt. Nach dem heutigen Tag dürften gegen deutlich mehr von ihnen gerichtsfeste Beweise vorliegen. (SZ mit lex und two)

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