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Wiedersehen mit einem alten Bekannten

Berufsganove Harry N., der selbst im Amtsgericht Dresden schon ein Bild gestohlen hatte, hat wieder zugeschlagen. Jetzt traf es ein Uni-Institut.

Von Alexander Schneider
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Wachtmeister bringen Harry N. in den Gerichtssaal. Seit September sitzt der Kunstdieb wieder im Gefängnis.
Wachtmeister bringen Harry N. in den Gerichtssaal. Seit September sitzt der Kunstdieb wieder im Gefängnis. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Harry N. ist ein Gauner, vor dem nichts sicher ist. Knapp 30 Jahre hat der inzwischen 62-Jährige hinter Gittern verbracht – und selbst in diesem Alter und nach 32 Verurteilungen ist nicht erkennbar, dass sich das je ändert. Zuletzt saß er eine vierjährige Haftstrafe bis auf den letzten Tag ab: Harry hatte hochwertige Kunstdrucke und Bürotechnik aus dem Hotel Taschenbergpalais gestohlen, Ölgemälde und Kupferstiche aus einem Atelier, ein Ölbild aus der Auferstehungskirche in Plauen und eine Federzeichnung, die im April 2015 Teil einer Ausstellung im Amtsgericht Dresden war.

Am Donnerstag wurde Harry wieder in dieses Gericht gebracht, dem er ausweislich seines Bundeszentralregisters schon seit Januar 1997 die Treue hält. Wieder kam er nicht ganz freiwillig, Wachtmeister begleiteten den gefesselten Mann. Seit Mitte September sitzt der Kunstdieb wieder in Untersuchungshaft. Der 62-Jährige wurde erwischt, als er einen sogenannten Spektralanalysator aus dem Labor eines Forschungsinstituts der TU Dresden in der Südvorstadt stehlen wollte.

Hunger und Einsamkeit?

Mit dem Gerät, Neupreis 30.000 Euro, messen Wissenschaftler unter anderem die Signalstärken von Frequenzbändern. Darüber hinaus soll Harry bereits im November 2020 von einem Grundstück in der Bergstraße den Sattel eines E-Bikes im Wert von 80 Euro entwendet haben – nur vier Wochen nach seiner letzten Haftentlassung.

Der Angeklagte gab den Diebstahl aus dem Labor zu. Er habe nicht einbrechen müssen, an jenem Nachmittag hätten dort alle Türen offen gestanden, sagte er. Er habe eben eine günstige Gelegenheit ergriffen, ganz spontan. Er habe Hunger gehabt und nichts zu essen. Die Sache mit dem Sattel bestritt er jedoch, da sei er in der Klinik in Senftenberg gewesen. Er habe bis April in Senftenberg gelebt.

Aus Einsamkeit sei er zurück nach Dresden gezogen, weil er coronabedingt monatelang keine Menschenseele getroffen habe. Natürlich prüfte das Gericht das vermeintliche Alibi. Tatsächlich war N. erst am Tag nach dem Diebstahl in der Klinik aufgenommen worden, er hätte die Tat also begangen haben können.

Schöffe mit Dieb verwechselt

Nun hing alles an der Zeugin, die den Täter von ihrem Balkon aus beobachtet und genau beschrieben hatte: um die 60, weißes Haar mit Pferdeschwanz, dunkles Basecap, Rucksack. „Sitzt der Dieb hier im Saal?“, fragte der Vorsitzende Richter Markus Maier die 78-Jährige. „Ja“, sagte sie – zeigte aber nicht auf den Angeklagten zwei Meter neben ihr, der genau so aussah, sondern auf einen der beiden Schöffen. Der verdutzte Laienrichter, deutlich jünger, mit kurzem grauen Haar, sah dem Angeklagten nun gar nicht ähnlich.

Die Rentnerin konnte den Angeklagten jedoch nicht als Täter identifizieren. Nein, sie sei sich nicht sicher, sagte sie, als sie N.s Profil genauer studierte. Harry war sichtbar erleichtert. Auch der Schöffe nahm die Verwechslung gelassen. Er musste nicht fürchten, auch verurteilt zu werden.

Die Staatsanwältin sagte, nach der Beschreibung des Täters bei der Polizei sei der Zeugin eine sogenannte Wahllichtbildmappe gezeigt worden. Dort habe sie den Angeklagten erkannt, allerdings mit der Einschränkung, dass sie sich nicht 100-prozentig sicher sei, sondern nur 75-prozentig. Da an der Plane, mit der das Elektrofahrrad abgedeckt war, auch keine DNA gefunden wurde, die zu Harry N. passte, gab es auch keine objektiven Beweise gegen N.

Wissenschaftler fällt nicht auf Finte herein

N.s Dreistigkeit wurde durch die Zeugenaussage des Wissenschaftlers deutlich, der N. in dem Institut gestellt hatte. Er hatte den Dieb mit der Beute im Treppenhaus des Instituts erwischt und ihn auf die Tasche angesprochen. N. behauptete, er habe mehrere dieser Messgeräte, die er dem Institut zum Kauf anbieten wolle. Um seiner Finte Bedeutung zu verleihen, habe der Dieb sogar eine Bedienungsanleitung aus der Tasche gefingert. Es half ihm nichts. Der Wissenschaftler alarmierte die Polizei – und N. ließ sich widerstandslos festnehmen.

Im Gerichtssaal polterte Harry jedoch wieder los, wie bereits in früheren Verhandlungen. Er sprach von einer Hetzjagd gegen ihn, vor allem durch die Staatsanwaltschaft. So habe er etwa im September vor dem Uni-Institut kein "Einbruchswerkzeug" in seinem Rucksack gehabt, wie es ihm in der Anklage vorgeworfen werde. Es sei "ganz normales Werkzeug" gewesen, mit dem er Gefälligkeitsarbeiten für einen Freund erledigt habe. Den Namen des Freundes nannte er natürlich nicht. Er habe sich damit und mit dem Verkauf von selbst gemalten Bildern Geld dazuverdient. Aufgrund seiner Schmerzen nehme er beinahe täglich Crystal, nur so seien sie auszuhalten.

Auch andere Behörden hätten ihn hängen lassen, so habe er etwa nach seinem Umzug nach Dresden im April für zwei Monate kein Arbeitslosengeld erhalten. "Sie hätten sich ummelden müssen", erwiderte die Oberstaatsanwältin.

Es gibt noch offene Verfahren

Harry N. wurde wegen des Messgerätediebstahles zu 14 Monaten Haft verurteilt – und im Fall des Sattels freigesprochen. Strafschärfend wertete das Schöffengericht, dass N. seit seiner 13. Verurteilung im Jahr 1997 unter Führungsaufsicht steht und sich auch davon nicht habe beeindrucken lassen. "Das ist wie ein Bewährungsbruch", so Richter Maier.

Es ist nun seine 33. Verurteilung seit 1975. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig. Harry N. hatte unmittelbar im Anschluss an die Verkündung mitgeteilt, eine Revision einzulegen, eine Überprüfung auf die korrekte Anwendung der Gesetze durch das Oberlandesgericht. Ob es dazu kommt, ist fraglich, auch die Oberstaatsanwältin erklärte, eine Berufung einzulegen, weil sie mit dem Strafmaß nicht einverstanden war. Sie hatte für N. eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren gefordert.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft werde in weiteren "aktuellen" Fällen gegen N. ermittelt, man warte auf die Ergebnisse der DNA-Abfrage. Früher oder später wird Harry N. wohl wieder am Amtsgericht Dresden aufschlagen. In Handschellen.