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So läuft die Aufarbeitung des Missbrauchs in Heidenau

Unter großem Druck beginnt die Katholische Kirche mit der Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in Heidenau – und sieht sich immer noch am Anfang.

Düstere Vergangenheit. Die katholische Kirche arbeitet in Heidenau Verbrechen der Vergangenheit auf.
Düstere Vergangenheit. Die katholische Kirche arbeitet in Heidenau Verbrechen der Vergangenheit auf. © Friso Gentsch/dpa

Es soll eine Art erster Schritt sein, was sich am Donnerstagabend in der Aula des Heidenauer Pestalozzi-Gymnasiums vollzieht. Ein Schritt in eine Zukunft, in der Kinder besser geschützt sein sollen, wofür man aber erst in eine dunkle, hässliche Vergangenheit hinabsteigen muss. Etwa 80 Menschen sind gekommen. Für manche ist es das erste Mal, dass sie Details zu den schweren Sexualstraftaten des ehemaligen Heidenauer Pfarrers Herbert Jungnitsch gegenüber Kindern hören, der 1948 in die St.-Georg-Gemeinde kam und dort 1971 starb.

Die Verantwortlichen des Bistums Dresden-Meißen stehen unter großem Druck. Durch eine Recherche von sächsische.de waren die Missbrauchsvorwürfe im Februar dieses Jahres öffentlich geworden. Der Generalvikar ist da und spricht davon, dass man immer noch „lernend“ sei im Umgang mit Missbrauch und Betroffenen, obwohl die Katholische Kirche seit mehr als zehn Jahren von derlei Fällen erschüttert wird. Zählte man die offiziellen Äußerungen in dieser Zeit zusammen, es wäre ein lernender Dauer-Beginn.

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Bischof in der ersten Reihe

Der örtliche Pfarrer Vinzenz Brendler liest ein Begrüßungswort vom Blatt ab und schweigt dann bis zum Ende der Veranstaltung. In der ersten Reihe sitzt überraschenderweise Bischof Heinrich Timmerevers. Der hatte bisher erklärt, nicht kommen zu wollen, weil sich „dann die Veranstaltung vielleicht zu sehr auf meine Person konzentriert“. Das Oberhaupt des Bistums schweigt wie der Pfarrer neben ihm, erst am Ende des Abends wird er sich äußern.

Die nüchterne Darstellung des Falls durch Bistums-Justiziar Stephan von Spies stößt auf entsetztes Schweigen. Manchen steigen Tränen in die Augen. Bisher bekannt ist sexuelle Gewalt gegenüber mindestens vier Mädchen, die im Zeitraum 1964 bis 1968 vier bis acht Jahre alt waren. Die Täter sollen sakrale Gegenstände bei den Missbrauchstaten benutzt haben. Neben dem Haupttäter Jungnitsch sollen mindestens sechs weitere Männer im Alter von 20 bis 70 beteiligt gewesen sein. Sie waren Zuschauer, Fotografen und Aufpasser und entstammten auch dem familiären Umfeld der betroffenen Kinder. Auch die Ehefrauen der Täter müssten von den Taten Kenntnis gehabt haben, so von Spies weiter.

Das Grab von Pfarrer Herbert Jungnitsch in Heidenau.
Das Grab von Pfarrer Herbert Jungnitsch in Heidenau. © Tobias Wolf

Eines der betroffenen Kinder von damals ist Christina Meinel. Den „Onkel Pfarrer“, der sie taufte und dann erstmals mit drei Jahren anfasste, habe sie wie Vater und Mutter geliebt, erzählt Meinel einem um Fassung ringenden Publikum. Verdrängen mache Überleben möglich, die seelischen Folgen aber seien lebenslang. Therapien könnten helfen, aber nicht heilen. Für Meinel ist dieser Heidenauer Aufarbeitungsabend „ein offizielles Bekenntnis und Eingeständnis der Taten durch die Kirche, in der ich groß geworden bin“. Sie appelliert an die Älteren: „Erinnern auch Sie sich und stehen Sie zu der Vergangenheit.“ Einige aus der Generation der Täter leben noch.

Für nahezu alle Zuhörer ist neu, dass dem Bistum die ersten Informationen zu den Missbrauchstaten in Heidenau nicht – wie bislang behauptet – erst 2010 bekannt wurden, sondern bereits gut zehn Jahre früher. Sie reichten zurück bis ins Jahr 2000, sagt von Spies.

Viele Jahre passiert - nichts

Damals lebte der Wiener Ex-Kardinal Hans Hermann Groër vorübergehend im Kloster der Nazarethschwestern in Dresden-Goppeln, nachdem die Kirche die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn bestätigt hatte. Der damalige Bischof von Dresden-Meißen Joachim Reinelt begründete die Aufnahme Groërs in einem Interview mit der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ jedoch mit der Pflicht zur Hilfe, „damit in der Kirche unseres Nachbarlandes Österreich wieder einigermaßen Ruhe einkehren kann“.

Von Spies zufolge soll der 2003 gestorbene Groër in Goppeln einen Brief erhalten haben, in dem erstmals von Missbrauchstaten in Heidenau die Rede gewesen sei. Der Kardinal habe davon Bischof Reinelt erzählt, „der zunächst auch nichts damit anfangen konnte“. Eine Reaktion erfolgte nicht. Später, „eventuell nach einem weiteren Hinweis“, erteilte Reinelt den Auftrag, „sich vor Ort zu erkundigen.“ Im März 2010 wurde er über das Ergebnis einer Recherche zu Jungnitsch informiert. Dabei sei nichts herausgekommen. Erst als sich ab 2010 Christina Meinel und andere Betroffene an das Bistum wandten, ging man der Sache nach. Noch einmal zehn Jahre dauerte es bis zur öffentlichen Aufarbeitung.

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Nun soll der Fall Jungnitsch, der bislang schwerste seit 1945 im Bistum, ein Pilotprojekt für die künftige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch werden. Ein später Versuch, Betroffenen Gehör und Akzeptanz zu verschaffen. Am Ende der Veranstaltung geht Bischof Timmerevers ans Mikrofon, dankt Meinel „aus tiefem Herzen“. Sie habe durch ihre Hartnäckigkeit diesen Abend erst ermöglicht. Er sei mit der Absicht gekommen, zu sagen: „Ich bitte Sie und alle anderen Betroffene offiziell als Vertreter der Institution um Entschuldigung.“ Ein Novum im Bistum und ein wichtiger Satz für Meinel und andere Betroffene. Vielleicht ist das ein Anfang.

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