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Encrochat-Prozess: „Ich brauchte einen Schlussstrich“

Geständnis im Dresdner Encrochat-Prozess: Ein Drogendealer schildert, wie erleichtert er gewesen sei, als die Polizei zur Durchsuchung anrückte.

Geständnis am dritten Verhandlungstag. Sebastian T. (r.), hier mit seinem Verteidiger Ulf Weinhold, droht eine langjährige Freiheitsstrafe.
Geständnis am dritten Verhandlungstag. Sebastian T. (r.), hier mit seinem Verteidiger Ulf Weinhold, droht eine langjährige Freiheitsstrafe. © Foto: Alexander Schneider

Dresden. Um 6 Uhr brach die Polizei die Wohnungstür auf und machte Sebastian T. unmissverständlich klar, dass er im Verdacht stehe, im großen Stil mit Drogen zu handeln und nun eine Durchsuchung seines Hauses im Dresdner Norden, seines Spirituosengeschäfts in der Neustadt und weiterer Objekte folge.

Mit der Reaktion des Beschuldigten dürften die Beamten nicht unbedingt gerechnet haben. Nachdem sich der 41-Jährige gesammelt hatte, war er überraschend kooperativ. Er „half“ mehr oder weniger bei der Durchsuchung, gab seine drei Mobiltelefone heraus und auch Pin-Codes. In Rauchgiftverfahren gehört das nicht zum erwartbaren Verhalten.

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„Ich brauchte einen Schlussstrich“, sagt Sebastian T. am Mittwoch in seinem Prozess am Landgericht Dresden. „Es ging nicht mehr“, „Ich konnte nicht mehr“. Nicht nur, dass er tief in kriminelle Geschäfte verstrickt gewesen sein muss, auch seine Gesundheit machte ihm zu schaffen. Im halben Jahr vor der Durchsuchung im Januar 2021 habe er zwei Herzinfarkte erlitten, inklusive Klinik und Reha. Nun hoffe er nach dem Prozess auf eine Therapie.

T. soll seit 2019 mehr als 100 Kilo Cannabis und Amphetamin sowie rund zehn Kilo Kokain in Berlin gekauft und damit gehandelt haben. Ans Licht kamen die kriminellen Geschäfte im Rahmen der Encrochat-Ermittlungen. Auch T. hatte ein sogenanntes Krypto-Handy des Unternehmens Encrochat genutzt und auch seine Nachrichten wurden 2020 von französischen Ermittlern entschlüsselt.

Encrochat-Handy vom Lieferanten gestellt

Der Angeklagte berichtete, er habe das Handy von seinen Berliner Lieferanten gestellt bekommen und habe damit nur mit ihnen kommunizieren dürfen. Das Handy war offenbar Teil des Geschäftsmodells.

Der 41-Jährige, der in Dresden Politikwissenschaften, Jura und Wirtschafts- und Sozialgeschichte studiert hat, sei mehrere Jahre im Ausland gewesen und habe sich 2009 mit dem Spirituosengeschäft und eigenen Kreationen selbstständig gemacht. Er habe eine Familientradition fortgesetzt.

T. berichtet unter anderem, dass er mit einem 2020 verstorbenen Freund, Daniel B., zwar im großen Stil eingekauft habe, für sich selbst sei jedoch nur ein kleiner Teil bestimmt gewesen – für den Eigenbedarf und Freunde. Es habe Probleme mit den Lieferanten gegeben, weil B. 50.000 Euro verloren oder verspielt habe. Die Lieferanten hätten daher von ihm einen höheren Preis für das Rauschgift gefordert, um die Verluste auszugleichen. Darüber hinaus hatten sie verlangt, dass er ein Depot für sie einrichte. Dazu war es jedoch offenbar nicht mehr gekommen.

Auch sei er von einem Angestellten erpresst worden, einem früheren Buchhalter. Der soll nun am Ende der Beweisaufnahme noch vernommen werden.

Drogen seit der Jugend

T. berichtet, schon als Jugendlicher Drogen genommen zu haben. Nach dem Tod seiner Eltern ab 2017 aber habe sein Konsum extrem zugenommen. Zum Dämpfen habe er Cannabis genommen und Kokain, um arbeiten zu können. In seiner Spirituosenmanufaktur seien weder größere Mengen gelagert noch portioniert worden, wie es die Polizei vermutet hatte. Er habe doch immer mit dem Besuch von Hygiene-Kontrolleuren rechnen müssen. Gefundene Anhaftungen seien auf zwei Messer gelangt, weil er damit das Kokain für sich zerkleinert habe.

Verteidiger Ulf Weinhold sagte, er bezweifele Mengen und Wirkstoff-Gehalte. So sei bei seinem Mandanten auch Hanfgras mit einem THC-Gehalt von unter einem Prozent gefunden worden.

Der Prozess gegen T. soll an diesem Donnerstag, 23. September, zu Ende gehen.

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