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Der Tote im Garten

In Oelsa wird für ein Stromkabel gebuddelt, da gibt die Erde Knochen und eine Schuhsohle frei. Die Kripo rückt an.

Der Krieg kommt wieder hoch: Hinter diesem Zaun an der Oelsaer Hauptstraße wurden bei Bauarbeiten Skelettfragmente und Handgranaten ausgegraben.
Der Krieg kommt wieder hoch: Hinter diesem Zaun an der Oelsaer Hauptstraße wurden bei Bauarbeiten Skelettfragmente und Handgranaten ausgegraben. © SZ/Jörg Stock

An der Hauptstraße ist ein bisschen Tatort. Um die Latten eines vermutlich einmal grün gewesenen Vorgartenzaunes schlingt sich rotweiß gestreiftes Flatterband. Polizeiabsperrung.

Dahinter, zwischen den Lilienbüscheln, läuft ein Graben zum Haus hin, für den neuen Stromanschluss. Die Vertiefung quer dazu stand nicht im Plan. Polizisten haben sie ausgehoben, auf der Suche nach menschlichen Überresten.

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Es ist der Morgen des 16. Juni, als ein Arbeiter an der Hauptstraße Nummer 5 im Oberdorf von Oelsa ans Werk geht. Das große graue Haus aus den 1920ern, erbaut von einem örtlichen Schullehrer, später Zahnarztpraxis und Frisörladen, soll modernisiert werden. Die Stromzufuhr via Freileitung wird durch ein Erdkabel ersetzt.

Polizei stößt auf Handgranaten und Patronen

Der Graben ist schon weit gediehen, da bringt das Werkzeug an der südlichen Vorgartenecke einen großen Knochen zutage. Man glaubt zunächst an die Überreste eines Tieres. Aber es kommt noch etwas anderes ans Licht, das wie eine Schuhsohle aussieht. Dem Arbeiter wird die Sache zu heiß. Er verständigt den Hausbesitzer, und der die Polizei.

Am späten Vormittag langt die Kripo ein. Die Bauarbeiten müssen pausieren. Von jetzt an graben die Ermittler, mit kleiner Schaufel. Sie durchsuchen den Erdaushub und legen das vermutliche Grab längs zum Gartenzaun frei. Was sie finden, legen sie in Papiersäcke.

Der Fundort des Knochens und der Handgranaten. Gut zu erkennen ist, wie der Kabelgraben auf das ehemalige Soldatengrab trifft.
Der Fundort des Knochens und der Handgranaten. Gut zu erkennen ist, wie der Kabelgraben auf das ehemalige Soldatengrab trifft. © privat

Nachbar Gottfried Bormann, 86, Oelsaer Ureinwohner und Chronist, treibt die Neugier an den Zaun gegenüber. "Ich dachte: Jetzt suchen die nach dem Russen." Nur noch wenige wissen davon: An dieser Stelle lag ein sowjetischer Soldat begraben, der am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs hier starb. Bormann sieht den Knochen. Er beschreibt ihn als gut erhalten. Eindeutig ein Oberschenkel, sagen die Polizisten.

Die robust vernähte Sohle könnte tatsächlich militärischen Ursprungs sein. Dass es sich um ein Kriegsgrab handelt, wird am frühen Nachmittag offenkundig. Die Polizei stößt auf Metall. Jetzt wird auch noch der Kampfmittelbeseitigungsdienst alarmiert. Er findet zwei Handgranaten sowjetischer Bauart und Patronen für Handwaffen.

Rechtsmediziner untersuchen den Knochenfund

Zaungast Bormann darf nicht mehr zugucken: "Gehen Sie weg, hier ist Munition!" Auch die Bauleute, die am Haus neue Fenster montieren, müssen sich entfernen. Die Handgranaten sind stark verrottet. Diagnose: nicht transportfähig. Sie werden auf ein Weizenfeld am nahen Götzenbusch gebracht und gleich darauf gesprengt.

Der Knochenfund liegt nun in der Rechtsmedizin. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen eines möglichen Kapitaldelikts. Über den Stand der Dinge gibt die Staatsanwaltschaft in Dresden vorerst keine Auskunft. Noch seien die Ermittlungsakten dort nicht eingetroffen, erklärt der Oberstaatsanwalt auf SZ-Anfrage.

Gottfried Bormann erlebte das Kriegsende in Oelsa am 8. Mai 1945 als Zehnjähriger mit. "Die Leute hatten eine Scheißangst."
Gottfried Bormann erlebte das Kriegsende in Oelsa am 8. Mai 1945 als Zehnjähriger mit. "Die Leute hatten eine Scheißangst." © SZ/Jörg Stock

Wer wissen will, was passiert ist, muss die Alten fragen. Leute wie Gottfried Bormann oder wie Margarete Herzog, damals Schober, die auch in der Nachbarschaft wohnt. Am 8. Mai 1945, am Tag, als die Rote Armee nach Oelsa kam, war sie zehn Jahre alt, versteckte sich im Rübenkeller unter der Scheunenauffahrt, mit der ganzen Familie, mit Dresdner Ausgebombten und ostpreußischen Flüchtlingen. Selbst zu fliehen, hatte der Vater für Unsinn erklärt. Wenn schon sterben, dann lieber daheim.

Zu diesem Zeitpunkt rollt die letzte Offensive der Sowjetarmee gegen die deutschen Truppen, die Prager Operation. Vor den Angriffskeilen flüchten auch Teil der SS-Panzerdivison "Frundsberg" in der Hoffnung, über den Erzgebirgskamm nach Böhmen zu entkommen. Am 7. Mai erreicht ein halbes Dutzend SS-Panzer Rabenau. Da die Einwohner, laut Chronik, entschieden gegen eine Verteidigung protestieren, ziehen die Kampfwagen am Morgen des 8. Mai weiter, nach Oelsa.

Ein Einwohner warnt die Sowjetsoldaten

Die Panzer dröhnen durch den Hof der Schobers und gehen an der Dippser Heide in Stellung, die Rohre auf das Dorf gerichtet. In Rabenau ist unterdessen ein einzelner Bürger, der Graveur Erich Gründel, den sowjetischen Vorhuten entgegengegangen und hat sie in die Stadt geführt. Beim Abschied warnt er die Offiziere, Oelsa könnte verteidigt sein. "Dankbar nahmen sie von meinem Hinweis Kenntnis", erinnert sich Gründel 1968 in einem Bericht. Durch Gesten hätten die Soldaten ihm bedeutet, dass sie vorsichtig zu Werke gehen wollten.

Die SS und wohl auch andere Truppenteile stehen im Oberdorf. In der Dorfmitte hat Gottfried Bormanns Vater schon die weiße Fahne herausgehängt. Als zwei deutsche Soldaten auf Fahrrädern die Dorfstraße herabkommen und drohen, den Vater zu erschießen, muss der kleine Gottfried sie wieder einziehen. "Die Leute hatten eine Scheißangst." Die beiden Soldaten stecken die Sitzmöbelfabrik Carl Schneider in Brand, die damals Rüstungsgüter herstellt, und türmen.

Das Oberdorf von Oelsa Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus dem Bauerngut Dietrich an der Possendorfer Straße (Kreuz) kamen die tödlichen Schüsse.
Das Oberdorf von Oelsa Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus dem Bauerngut Dietrich an der Possendorfer Straße (Kreuz) kamen die tödlichen Schüsse. © Quelle: Sammlung Thomas Paul

Auch die SS-Panzer ziehen ab, noch bevor die sowjetischen Spitzen auftauchen. Der Krieg scheint für Oelsa vorbei. Doch dann, als die erste Kolonne Sowjetsoldaten den oberen Ortsrand erreicht, wird aus dem großen Bauerngut Dietrich am Abzweig nach Possendorf das Feuer eröffnet. Ein Hauptmann, der den Zug zu Pferd anführt, stürzt aus dem Sattel und stirbt. Die Sowjets stürmen das Gut und brennen Teile davon nieder. Die Schützen sind in die Heide geflohen.

Margarete schätzt, dass der Hauptmann etwa um 14 Uhr fiel. Sie hörte davon reden. Selbst erlebt hat sie seinen Tod nicht. Auch Gottfried Bormann ist kein Augenzeuge. Aber er hat das Grab gesehen, den Erdhügel im Hausgarten Hauptstraße 5. Er kann sich auch erinnern, dass die Sowjetsoldaten irgendwann wiederkamen, mit einem dieser amerikanischen Studebaker-Laster, und die Überreste ihres Kameraden mitnahmen. Aber wann? Das weiß er nicht. "Ich habe dafür kein Zeitgefühl mehr."

"Robuster Umgang mit den Gefallenen"

Margarete Herzog schätzt, dass die Umbettung um 1960 herum passierte. Bis dahin habe ihre Nachbarin, die in der Hauptstraße 5 wohnte, das namenlose Grab - kein Kreuz, kein Stein - in Ordnung gehalten.

Dass ein sowjetischer Hauptmann fünfzehn Jahre unbeachtet in einem deutschen Hausgarten gelegen haben soll, passt für Dirk Reitz, den sächsischen Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, durchaus ins Bild. Die Sowjetarmee habe im Krieg kein ausgeprägtes Bestattungswesen betrieben, sagt er. Der Wert eines Menschenlebens sei eher funktional beurteilt worden. "Der Umgang mit den Gefallenen war außerordentlich robust."

Oelsas Oberer Gasthof zur frühen DDR-Zeit. Hier auf der Straße starb der sowjetische Hauptmann. Der Garten mit seinem Grab liegt rechts am Bildrand.
Oelsas Oberer Gasthof zur frühen DDR-Zeit. Hier auf der Straße starb der sowjetische Hauptmann. Der Garten mit seinem Grab liegt rechts am Bildrand. © Sammlung Thomas Paul

Das würde erklären, wieso bei der Umbettung womöglich ein ganzer Oberschenkel vergessen wurde. In der Chronik von Oelsa aus dem Jahr 1988 ist vermerkt, der Hauptmann sei auf einem Heldenfriedhof beigesetzt worden. Wer er war, wo er liegt, ist dort nicht nachzulesen. Auch Oelsas Kirchenbücher geben keinerlei Aufschluss.

Was wird also aus dem Knochen? Sollten die Akten über ihn geschlossen sein, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach in der zentralen sächsischen Zubettungsstätte für nicht identifizierte Gebeine von Kriegsopfern, auf dem Dresdner Johannisfriedhof, seinen letzten Frieden finden.

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