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Die Suche nach dem Todeszeitpunkt

Im Prozess um das Großenhainer Mordkomplott ist unklar, wie lange das Opfer lebte. Ein Insekten-Sachverständiger grenzt nun die Zeit ein. Etwas.

Die Hauptangeklagte Stefanie W. (sitzend), hier mit ihrem Verteidiger Oliver Nießing (l.) und umringt von Justizbediensteten, soll für den Tod ihres Ehemannes verantwortlich sein. Sie schweigt in dem Prozess am Landgericht Dresden.
Die Hauptangeklagte Stefanie W. (sitzend), hier mit ihrem Verteidiger Oliver Nießing (l.) und umringt von Justizbediensteten, soll für den Tod ihres Ehemannes verantwortlich sein. Sie schweigt in dem Prozess am Landgericht Dresden. © Kristin Richter

Dresden. Noch immer läuft der Prozess um ein vermeintliches Mordkomplott in Großenhain vor dem Landgericht Dresden. Die vier Angeklagten sollen den 38-jährigen Dirk W., Ehemann der Hauptbeschuldigten Stefanie W. (32), am Sonnabend, dem 13. Juni 2020, abends entführt und nur wenig später in einem Waldstück zwischen Medessen und Zottewitz schließlich erschlagen haben.

Das Motiv war laut Anklage möglicherweise der Streit um den gemeinsamen Sohn und eine Sterbegeldversicherung in Höhe von 17.000 Euro.

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Die Angeklagten sollen besonders grausam vorgegangen und Dirk W. zunächst mit schwersten Verletzungen am Tatort zurückgelassen haben. In den folgenden Tagen seien sie dann immer wieder dorthin zurückgekehrt, um ihr Opfer erneut zu traktieren. Einer der Angeklagten, Stefan B. (29), hat das mit seiner Aussage gegenüber der Polizei und auch im Gerichtssaal weitgehend bestätigt – während sich die anderen Mitbeschuldigten in Schweigen hüllen.

Der Prozess läuft seit Mai, und immer wieder kommt es zu lautstarken Wortgefechten zwischen Verteidigern und dem Vorsitzenden. Am Montag jedoch war es still im Schwurgerichtssaal, was am Sachverständigen Marcus Schwarz, einem forensischen Entomologen vom Leipziger Institut für Rechtsmedizin, gelegen haben dürfte. Die Expertise des 34-jährigen Insektenforschers war gefragt, um anhand des Stadiums der Larven von Schmeißfliegen und Käfern W.s Todeszeitpunkt eingrenzen zu helfen. Ein unappetitliches Thema.

Zweitägiges Martyrium?

Als die Polizei die in einem Graben abgelegte Leiche am späten Freitagabend, dem 19. Juni 2020, fand, war der Körper bereits in Fäulnis begriffen, übersät von Maden und schwarz gefärbt. Die Tatortspezialisten nahmen den Fundort mit Hunderten Panoramafotos auf und vermaßen ihn digital mit Lasertechnik, ehe sie die ersten Maden, Larven und Fliegen sicherten. Später wurden auch bei der Sektion in der Rechtsmedizin Insektenfunde an verschiedenen Körperstellen penibel dokumentiert.

Marcus Schwarz erklärte nun, die Proben seien „sehr gut auswertbar“ gewesen. Anhand der „Besiedelung“ des Leichnams durch die Insekten, ihrer jeweiligen Entwicklungsstadien und ihrer Größe kann die Entomologie in Abhängigkeit von Temperatur und Wetter zurückrechnen, wie lange ein Körper diesem Verwesungsprozess ausgesetzt sein musste.

Nach Schwarz sollen erste Schmeißfliegen schon am Sonntag, tagsüber, Eier in dem Körper abgelegt haben. Allerdings seien es wenige gewesen. Erst am Montag, dem 15. Juni, sei es zu einem „massenhaften Befall“ gekommen. Das ließe darauf schließen, dass Dirk W. am Sonntag möglicherweise noch am Leben war, am Montag dann aber nicht mehr. Im Klartext: Der schwerverletzte Großenhainer könnte eineinhalb bis zwei Tage um sein Leben gekämpft haben.

In dem Prozess, der bereits allerhand Kurioses zutage gefördert hat, sind bislang noch neun Sitzungstage bis Ende Oktober geplant.

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