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Niemand hat Dresdner Wundergeräte je gesehen

Zwei Ingenieure haben mit teurer Messtechnik, die es nie gab, ein Vermögen ergaunert. Nun erhielten sie in Dresden einen Nachklatsch.

Mario M., hier mit seinem Verteidiger Michael Bürger (r.), ist der Haupttäter in einem kuriosen Betrugsprozess am Landgericht Dresden. Der Fall musste nun neu aufgerollt werden.
Mario M., hier mit seinem Verteidiger Michael Bürger (r.), ist der Haupttäter in einem kuriosen Betrugsprozess am Landgericht Dresden. Der Fall musste nun neu aufgerollt werden. © Archivfoto: Alexander Schneider

Dresden. In Windeseile ließen sich mit der teuren Spezialtechnik angeblich ganze Gebäudeareale ausmessen. Das Problem jedoch war, dass niemand je die Existenz dieser Geräte bezeugen konnte. Der kuriose Prozess um die sogenannten Koordinaten-Messgeräte endete im April 2020 am Landgericht Dresden – und fand dort nun eine kleine Wiederholung, nachdem der Bundesgerichtshof die Sache zur Wiederverhandlung zurückverwiesen hatte. Es ging ums Strafmaß.

Treibender Keil des Schwindels und Haupttäter war der 50-jährige Vermessungsingenieur Mario M. aus Dresden, der bereits seit Februar 2019 in Haft sitzt. Er trat in seinem Husarenstück als Käufer auf und ließ sich die Geräte – das Stück zu 17.300 Euro – von Banken und Leasinggesellschaften finanzieren.

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Der Mitangeklagte Gregor T. (51) aus Heidelberg wiederum, ein alter Kollege von M., firmierte seit 2014 als Hersteller, schrieb Rechnungen und leitete all das schöne Geld an M. weiter. Die Staatsanwaltschaft bezifferte den Wert der umgesetzten rund 70 Geräte auf mehr als 1,6 Millionen Euro. Abzüglich der Raten von rund 500.000 Euro, die M. bezahlt hatte, um sein „Schneeballsystem“ am Laufen zu halten, soll er etwas mehr als eine Million Euro eingenommen haben. T. dagegen habe 200 Euro pro Gerät erhalten, insgesamt gut 17.000 Euro.

Drei fingierte Autoeinbrüche

Am 30. April 2020 endete der mehrmonatige Prozess am Landgericht Dresden – M. wurde wegen Betruges in 21 Fällen und Bankrotts zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verurteilt. Gregor T. erhielt "nur" wegen Beihilfe zu den Betrügereien eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten.

Das Gericht war überzeugt, dass M. auch Grundstücksgeschäfte fingiert hatte, um seine Beute auf die Seite zu schaffen. Das war der Bankrott. Eingestellt wurden weitere Fälle, bei denen M. Autoeinbrüche fingiert und bei der Polizei und seiner Versicherung angezeigt hatte. Ihm wären dreimal Dutzende Messgeräte aus seinem Auto entwendet worden – in Kroatien, London und Liverpool.

Mario M. hatte seinen Wohnort 2017 nach England verlegt, damit dort sein Insolvenzverfahren stattfinden kann. Das Landgericht hatte von einem „Blumenstrauß an Indizien“ als Beleg für die Taten gesprochen. Belastet hatten M. unter anderem seine eigenen Aufzeichnungen, die Ermittler auf M.s Computern sichergestellt hatten.

Dagegen hatte M. bis zuletzt behauptet, seine Geräte existierten, auch wenn das nicht belegt wurde. Er hatte mehr als 70 Beweisanträge gestellt, doch er war in der Sache keinen Schritt weitergekommen. Immer kruder wurden seine Geschichten und Beobachter fragten sich, ob er den Existenznachweis tatsächlich nicht mehr verschleiert.

Tatsächlich hatte es einfachere Aufmaß-Geräte gegeben, die ein Geschäftspartner von M. hergestellt hatte. Sie waren die Blaupause für den späteren Betrug. So hatte M., Ermittler nannten ihn gerne „Super-Mario“, in seinem Prozess zunächst angegeben, er dürfe die Hersteller nicht preisgeben, um sie zu schützen. Später behauptete er, die Wundergeräte unterschieden sich von den vorhandenen Geräten nur durch die Einstellung von einem oder mehreren Schaltern auf internen Elektronik-Bauteilen. Doch wie immer man es wendete, die Geräte blieben eine Idee.

Gregor T. wiederum hatte behauptet, er habe mit dem Betrug nichts zu tun, habe nicht einmal etwas Kriminelles geahnt. Er schob die ganze Schuld auf M.

Klassischer Mittäter

Jetzt, ein gutes Jahr später, musste sich eine andere Strafkammer also erneut mit dem Fall befassen. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte im Februar die Revision der Verteidiger zwar zurückgewiesen – doch nicht die der Staatsanwaltschaft, die gefordert hatte, dass T. kein Beihelfer, sondern klassischer Mittäter sei und entsprechend härter zu verurteilen werden müsse. So sah es auch der BGH.

In dem Prozess ging es darum, für die Angeklagten neue Gesamtfreiheitsstrafen auszusprechen. Rechtlich könnten die Vorwürfe nach den BGH-Vorgaben nicht mehr angefochten werden, erklärte die Vorsitzende Richterin Monika Müller. Doch natürlich versuchten die Angeklagten wieder, die Vorwürfe als haltlos darzustellen. Geholfen hat es ihnen nichts.

Gregor T. erhielt eine Freiheitsstrafe wegen Betruges von drei Jahren und zwei Monaten – und muss nun auch tatsächlich in Haft, sollte das Urteil rechtskräftig werden. Ohne sein Zutun wären die Taten mit dem hohen Schaden schlicht nicht möglich gewesen, sagte Richterin Müller. Mario M. wurde zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt, weil der Bundesgerichtshof die sogenannte Gesamtstrafenbildung auch in seinem Fall beanstandet hatte.

Super-Mario soll in Haft Webshop planen

Interessant war, dass M., der weite Teile des ersten Prozesses mit langen Verlesungen seiner seitenlangen Erklärungen bestritten hatte, nun am Ende überraschend nichts mehr sagte. Stattdessen verlas Gregor T. ein langes Schlusswort, in dem er M. als Psychopaten darstellte, der in einer Fantasiewelt lebe, andere Menschen gezielt manipuliere und seine, T.s, „Hilfsbereitschaft“ ausgenutzt habe.

Gregor T. bezeichnete sich als „Hersteller“ der Geräte, die ein Mitarbeiter von M. zusammengebaut habe, ehe T. die Endfertigung und Qualitätskontrolle durchgeführt habe. Eine Existenz hatte aber auch T. nie beweisen können.

Am Ende behauptete der 51-Jährige sogar, dass Super-Mario in der Haft versuche, die Geräte zu vertreiben. Er habe im Februar dieses Jahres Bekannte angesprochen, einen Onlineshop für diesen Zweck einzurichten. Das wollte T. erst einen Tag vor dem Prozess zufällig erfahren haben. Nach SZ-Informationen haben die Ermittlungsbehörden diesen Vorwurf auf dem Schirm.

Auch dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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