merken
PLUS Dresden

Notarzteinsatz im Dresdner Encrochat-Prozess

Er soll über verschlüsselte Handykommunikation Drogendeals geplant haben. Nach Prozessbeginn erlitt der Angeklagte einen Zusammenbruch.

Unterbrechung im Großen Sitzungssaal des Landgerichts Dresden: Nach einem Zusammenbruch im Gefängnis klagte der Angeklagte Sebastian T. auch in seinem Rauschgift-Prozess über Schmerzen, sodass ein Notarzt alarmiert wurde.
Unterbrechung im Großen Sitzungssaal des Landgerichts Dresden: Nach einem Zusammenbruch im Gefängnis klagte der Angeklagte Sebastian T. auch in seinem Rauschgift-Prozess über Schmerzen, sodass ein Notarzt alarmiert wurde. © Alexander Schneider

Dresden. Das Gericht war vorgewarnt, als am Freitag der zweite Verhandlungstag im Verfahren gegen Sebastian T. stattfand. Dem 41-jährigen Spirituosenbrenner aus der Neustadt wird der Handel mit mehr als 100 Kilo Drogen vorgeworfen - Marihuana, Cannabis, Amphetamin und Kokain.

Nach dem Prozessauftakt am Mittwoch erlitt der Mann in der Dresdner Justizvollzugsanstalt einen Zusammenbruch und wurde über Nacht in der Notaufnahme einer Klinik behandelt. Das teilte die Vorsitzende Richterin Monika Müller am Freitagmorgen mit und wies den Angeklagten darauf hin, dass er sich im Falle von Beschwerden zu Wort melden solle. Eineinhalb Stunden später war es dann so weit und Richterin Müller alarmierte um 10.25 Uhr sofort den Notarzt.

Anzeige
Halsschmerzen? Hier gibt’s Tipps aus der Apotheke!
Halsschmerzen? Hier gibt’s Tipps aus der Apotheke!

Im Herbst kämpfen viele Menschen mit Viren und Co. Mit den richtigen Maßnahmen wird Schlimmeres verhindert.

T. wurde noch im Sitzungssaal behandelt. Dann folgte eine längere Unterbrechung. Erst ab 14.40 Uhr konnte die Sitzung mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt werden. Dabei wurde dann auch bekannt, dass T. im Rahmen einer Erkrankung bereits mehrere Herzinfarkte erlitten hat und auch die jetzigen Beschwerden des 41-Jährigen damit zusammenhängen könnten.

Sebastian T. sitzt bereits seit Ende Januar dieses Jahres in Untersuchungshaft. Er gehört zu einer Reihe Verdächtiger, die ihre dunklen Geschäfte mit besonders gesicherten Krypto-Handys abgewickelt haben sollen - und nun über eine der wohl größten weltweiten Ausspähaktionen aufgeflogen sind. Französische Behörden hatten die Chats von Nutzern des Krypto-Kommunikation-Dienstleisters Encrochat zwischen April und Juni 2020 weltweit entschlüsselt und die Daten an nationale Ermittler weitergeleitet.

Mehr Koks für einen Rocker-Clan?

So landeten auch Chatnachrichten und Fotos, die von T. verfasst worden sein sollen, samt Standortdaten, bei Ermittlern des Landeskriminalamtes Sachsen zur weiteren Auswertung. Ein Kripo-Kommissar beschrieb nun als Zeuge, wie einfach er den Angeklagten hinter seinem Encrochat-Spitznamen herausbekommen hatte. So soll T. einmal geschrieben haben, dass sein Sohn "heute Geburtstag" habe. Über das Geburtsdatum näherte er sich dem Angeklagten an.

Dazu soll T. mit seinen Drogenkomplizen neben Rauschgift-Bestellungen, Preisverhandlungen, dem Vereinbaren von Treffpunkten auch von seinem Spirituosengeschäft geschrieben und weitere Angaben gemacht haben, sodass er als Verdächtiger identifiziert werden konnte. Der Angeklagte soll sich mit einem Lieferanten etwa auch über Möglichkeiten ausgetauscht haben, den Kokain-Handel auszuweiten, berichtete der Ermittler. T. habe geschrieben, er stehe mit einem "Rocker-Clan" in Kontakt, für den er auch Schnaps brenne. "Die Mengen waren recht hoch", so der Zeuge.

Verteidiger Ulf Weinhold beanstandete die Zeugenaussage. Es sei nicht klar, woher die Daten genau stammten und inwieweit sie vollständig seien.

Sicher geglaubte Kommunikation

Auch diese Encrochat-Beweisaufnahme zeigt: Die Rechtmäßigkeit der groß angelegten Beweiserhebung französischer Behörden mag umstritten sein, doch die Verdächtigen haben sich letzten Endes selbst ans Messer geliefert aufgrund ihrer eigenen, ausschweifenden Angaben in den sicher geglaubten Chats.

Neben mehreren Ermittlern hat das Gericht auch mehrere Freunde und Geschäftspartner des Angeklagten vernommen. Eine frühere Angestellte sagte, ihr sei nicht aufgefallen, dass T. im Keller des Spirituosenladens Drogen gelagert habe. Sie berichtete von den schweren Herzproblemen des Angeklagten.

Belastet wurde Sebastian T. durch die Aussage eines früheren Geschäftspartners gegenüber der Polizei. Der hatte damals berichtet, er habe T. auf dessen Wunsch "in Berlin jemanden vorgestellt", nachdem er von T. gefragt worden sei, "wo er was bekommen könne". Am Freitag im Gerichtssaal eierte der Zeuge herum und wollte sich nicht mehr so recht an diese Geschichte erinnern, sprach von einer "Vermutung", was in der Polizeivernehmung wörtlich mit "ich habe ihn in Berlin jemanden vorgestellt" protokolliert worden war.

Kommende Woche will das Gericht einen mutmaßlichen Komplizen des Angeklagten vernehmen. Außerdem will sich auch Sebastian T., der bislang zu allen Vorwürfen geschwiegen hatte, einlassen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Mehr zum Thema Dresden