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Unrühmliches Ende in Dresdens Oldtimer-Prozess

Trotz Bewährungsbruchs meint es die Justiz in Dresden gut mit einem Täter, der mit seinem Autohandel einen Millionenschaden verursacht hat.

Von Alexander Schneider
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Kevin H. hat sein Gesicht stets hinter einem Aktenordner versteckt, wenn er mit Fotografen rechnen musste. Links seine beiden Verteidiger Christian Janeczek und Michael Bürger.
Kevin H. hat sein Gesicht stets hinter einem Aktenordner versteckt, wenn er mit Fotografen rechnen musste. Links seine beiden Verteidiger Christian Janeczek und Michael Bürger. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Wenn sich Verteidiger in ihren Plädoyers beim Gericht dafür bedanken, dass es auf die Vernehmung der Geschädigten verzichtet hat, weil die nur „ihre eigenen Interessen verfolgt und Komplikationen erzeugt hätten“, sorgt das bei Opfern und Prozessbeobachtern für Fragezeichen. Auch der Staatsanwalt war dankbar – dem Angeklagten für sein „umfassendes Geständnis“, womit er den Prozess „erheblich verkürzt“ habe. Es war derselbe Staatsanwalt, der zum Auftakt noch mehr als acht Jahre Haft für einen verurteilten Betrüger und Bewährungsbrecher gefordert hatte.

Es geht um Kevin H. (39), der sich mit seinem Dresdner Oldtimer-Handel gehörig verhoben hatte. Es ist ein irres Verfahren, das am Montag am Landgericht Dresden zu Ende ging. Der gelernte Dachdecker, der als Zeitsoldat in Afghanistan war, soll ab 2015 mit seinen „Geschäften“ mehr als zwei Millionen Euro Schaden verursacht haben. Angeklagt war nur ein Bruchteil.

Es ging um 13-fachen Betrug, Unterschlagung und Urkundenfälschung. 2015 war H. für ähnliche Taten mit 350.000 Euro Schaden – er hatte Oldtimer nach Singapur verkauft, aber nicht geliefert – am Amtsgericht Dresden zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Jahre später wanderte er dann doch für gut zwei Monate in Untersuchungshaft, als die neuen Taten bekannt geworden waren. H. hatte munter weiter betrogen.

Opfer verstehen das Verfahren nicht

Doch als die U-Haft aufgehoben wurde, schwand das Verfolgungsinteresse gegenüber dem Bewährungsbrecher. Haftsachen gehen vor. Eine Betroffene kritisierte, die Justiz habe sie und andere Opfer von H. nicht ernst genommen: „Die denken, wir sind alle reich, weil wir schöne Autos haben, unser Schaden sei verschmerzbar“, sagte sie zur SZ. „Dabei hat H. uns um unsere Altersabsicherung gebracht.“ Der Betrüger, der Autos auch nach Portugal, Frankreich, Italien und England verkauft, aber nicht geliefert haben soll, sei nicht mit dem notwendigen Druck verfolgt worden.

Was im Prozess nun herauskam, war Ergebnis eines Deals, einer Absprache. Schon zum Auftakt Anfang Oktober hatte sich das Gericht mit dem Staatsanwalt und H.s beiden Wahlverteidigern verständigt: maximal dreieinhalb Jahre Haft für ein umfassendes Geständnis – und die Einstellung der Mehrzahl der Tatvorwürfe. So kam es nun auch: H. wurde für acht Taten zu drei Jahren Haft verurteilt. Darin enthalten sind die vier Vorwürfe des alten Urteils aus 2015.

In seiner Urteilsbegründung sagte der Vorsitzende Richter Christian Linhardt, H. habe ein "Schneeballsystem" betrieben und mit immer neuen Verkäufen die Löcher früherer Geschäfte gestopft. Er sei mit den juristischen und kaufmännischen Bereiches seines Oldtimer-Handels überfordert gewesen, habe nach seiner Zeit bei der Bundeswehr mehr oder weniger sein Hobby zum Beruf gemacht. Dabei habe ihm ein Mann namens Bernd F. unterstützt, der Oldtimer und Lagerhalle gehabt, sich aber im Hintergrund gehalten habe. Kevin H. dagegen habe das volle unternehmerische Risiko getragen.

H. muss seine Strafe nicht voll absitzen

Strafmildernd wertete das Gericht das detailreiche Geständnis des Angeklagten und dass er einen Teil der ergaunerten Beträge zurückgezahlt habe. Der Oldtimer-Handel sei eine "idealistische Idee", mit der er sich aber übernommen habe. Sein "Geschäftspartner F." sei ihm "weit überlegen" gewesen. Ob gegen F. auch ermittelt wurde oder wird, ist unklar geblieben.

"Strafschärfend" berücksichtigte das Gericht die "hohen Schäden", die Vielzahl an Geschädigten, das Schneeballsystem und dass H. versucht habe, Löcher mit immer neuen Betrügereien zu stopfen. Die eingestellten Tatvorwürfe wären nicht erheblich ins Gewicht gefallen, so Linhardt.

Voll absitzen muss er die drei Jahre wohl auch nicht. Mehrere Monate gelten als verbüßt aufgrund einer „rechtswidrigen Verfahrensverzögerung“, sagte der Vorsitzende Richter. Zurückzahlen muss der Mann, der bis heute in einer Steuerberaterkanzlei arbeitet, auch nichts. Die Ansprüche würden in seinem Insolvenzverfahren reguliert, hieß es.