Merken

Krise der Medaillensammler

Olympiasiege im Eisschnelllaufen? Das ist lange her. Momentan fehlen sogar Trainer – genauso wie beim Shorttrack.

© dpa

Von Michaela Widder

Es gibt mehr Stellenausschreibungen als Erfolgsmeldungen. Schon ein Blick auf die Homepage verrät einiges, über den Zustand bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Gesucht werden derzeit so ziemlich alle wichtigen Positionen im Verband: Geschäftsführer, Sportdirektor, Bundestrainer, Nachwuchstrainer... Die Liste ist lang. Dagegen dürfte die geeigneter Kandidaten übersichtlich sein. Wer will sich schon an die Spitze einer Sportart setzen, die im Chaos zu versinken droht? Das deutsche Eisschnelllaufen befindet sich in der wohl tiefsten Krise seiner Geschichte. Früher galt der Verband als sicherer Medaillenlieferant, bei den Winterspielen 2014 und 2018 blieb man aber ohne Edelmetall.

Anzeige Azubi
Ausbildungsplatz gesucht?
Ausbildungsplatz gesucht?

Mit der Ausbildung beginnt der Start ins Berufsleben. Damit dieser gelingt, stellen sich auf sächsische.de viele Ausbildungsbetriebe mit ihren freien Ausbildungsstellen vor.

Fast fluchtartig haben sich nach Olympia in Pyeongchang die beiden Hauptverantwortlichen aus dem Staub gemacht. Erst verlängerte Sportdirektor Robert Bartko seinen auslaufenden Vertrag nicht, kurz darauf folgte Bundestrainer Jan van Veen. Der Niederländer, der erst 2016 den Job übernommen hatte, informierte sogar zuerst die Presse anstatt das Präsidium. Atmosphärische Störungen in der Führungsspitze gab es offenbar schon länger, dies bestätigt auch Deutschlands bester Sprinter: „Jan van Veen war zwar Bundestrainer, aber nie unser Ansprechpartner“, sagt Nico Ihle im SZ-Gespräch zum fehlenden Miteinander: „Seit er weg ist, gibt es wieder mehr Kommunikation.“ So habe sich Präsidentin Stefanie Teeuwen bereits bei ihm und anderen Athleten gemeldet. „Wir hatten ein gutes Gespräch“, sagt Ihle und fordert: „Wir müssen jetzt zusammenstehen, um das Schiff wieder auf Kurs zu bringen.“ Dafür müsste auch mal die Position des Athletensprechers besetzt werden.

Ansonsten droht der Sportart zehn Monate vor den Heim-Weltmeisterschaften in Inzell tatsächlich der Niedergang. Hoffnungsvolle Talente sind kaum in Sicht. Rekord-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, mittlerweile 46 Jahre alt, ist noch als einzige deutsche Athletin in der Weltspitze zu finden. Konkurrenzfähig bei den Männern sind nur Sprinter Ihle und Langstreckler Patrick Beckert, die bezeichnenderweise alle drei außerhalb des Systems trainieren.

Für den Chemnitzer Ihle steht bislang eines fest: „Mein Bruder Denny und ich machen auf jeden Fall bis zur Heim-WM zusammen weiter.“ Wie es aber konkret weitergeht, wissen die beiden nicht. Ihr langjähriger Trainer Klaus Ebert hat sich in den Ruhestand verabschiedet – Nachfolge ungeklärt. Fraglich ist zudem, ob Chemnitz mit seiner Freiluftbahn überhaupt Bundesstützpunkt bleibt. „Für alles, was nicht auf dem Eis passiert, haben wir hier aber super Bedingungen“, betont der 32-Jährige. Einen Wechsel ins Ausland schließt er für sich und seinen Bruder aus, weil sie familiär gebunden sind. Das Training übernimmt Ihle zunächst in Eigenregie. „Mit all der Erfahrung haben wir einen Plan, was wir noch besser machen können“, sagt der Vizeweltmeister von 2017 und hofft trotzdem auf neue Impulse und einen guten Austausch mit dem zukünftigen Chefcoach.

Auf Funktionärsebene fehlt dem deutschen Eisschnelllauf eine Figur mit Strahlkraft wie das einstige Glamourgirl Anni Friesinger. Die dreimalige Olympiasiegerin hat aber keinerlei Ambitionen, als Helferin in der Not einzuspringen. „Mir wird oft angekreidet, dass ich mich heutzutage nicht genügend für den Sport einsetze. Aber ich habe zwanzig Jahre lang den Eisschnelllauf-Zirkus mitgemacht – und jetzt bin ich in erster Linie Mutter“, erklärte Friesinger in einem Interview für das Oberbayerische Volksblatt. Zudem führt sie zwei Kinderboutiquen in Salzburg und Holland.

Die Suche nach einer neuen Führungsriege ist die dringendste und zugleich größte Herausforderung für den Verband. „Die Finanzierung der Stellen ist erst einmal nur bis Ende 2018 gesichert. Also können wir nur befristete Verträge mit Option auf Weiterbeschäftigung anbieten und müssen abwarten, was die Leistungssportreform bringt“, erklärt Vizepräsident Uwe Rietzke.

Absage vom Wunschkandidaten

Der Dresdner ist verantwortlich für die Shorttracker, bei denen schon seit Monaten ein Bundestrainer gesucht wird. Der Wunschkandidat habe abgesagt. Gespräche mit anderen Trainern aus dem Ausland laufen. Fest steht, dass es für Dresdens Shorttracker um Anna Seidel die Trainingsmöglichkeit mit einem Privatteam in Holland „definitiv erst mal nicht mehr gibt“.

Als erste Stelle soll am 1. Juni die Geschäftsführung in München neu besetzt werden. Bei der finanziellen Situation zeichnet sich nämlich ein ähnlich düsteres Bild ab wie bei der sportlichen. Von Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsstelle war in der Vergangenheit sogar die Rede.

Zudem wurde bekannt, dass sich Mitte des Jahres der Hauptsponsor, eine große deutsche Bank, zurückzieht. Und mit Fernsehgeldern sieht es in der seit Jahren schwächelnden Sportart sowieso nicht gut aus. Vieles ist also unklar. Bis Ende Mai muss der Verband im Zuge der Leistungssportreform die 151 Fragen zum Potenzialanalyse-System Potas beantworten. „Mir ist schon etwas bange“, gibt Rietzke zu: „Auf der anderen Seite haben wir auch viele Schritte eingeleitet, die bisher nicht so bemerkt worden sind. Dinge in der Ausbildung und der Trainingskonzeption setzen vor allem in den unteren Altersgruppen an. Da braucht man Geduld.“

Wie gut, dass da der Verband noch eine Weile auf Claudia Pechstein setzen kann.