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„Eine Schande“

Tausende Flüchtlinge stranden auf dem Weg nach Großbritannien in Elendsvierteln bei Calais. Ein Bürgermeister baut nun ein echtes Flüchtlingslager. Doch eine Lösung für die Flüchtlingskrise in Nordfrankreich ist das nicht.

© Reuters

Von Sebastian Kunigkeit

Grande-Synthe. Damien Carême wird laut. „Ich ertrage es nicht mehr, diese Bilder zu sehen, diese Kinder zu sehen“, fährt es aus dem Bürgermeister von Grande-Synthe heraus. In der nordfranzösischen Kleinstadt harren bis zu 2500 Flüchtlinge auf einem Gelände aus, das man nur als Elendsviertel bezeichnen kann. Ein Brachland voller Zelte, Holzverschläge, verstreutem Müll. Nun geht die Stadt in die Offensive: Mit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) baut sie in der Nähe ein echtes Flüchtlingslager. Und eckt damit auch bei der eigenen Regierung an.

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Über dem Gelände liegt ein Geruch von Brennholz gemischt mit schmorendem Plastik, der sich in die Kleidung frisst. Das Camp ist eine einzige Schlammwüste - wenn es nicht gerade friert. „Das ist eine Schande“, sagt Mego Terzian, der Präsident von MSF in Frankreich. Für die Krisenhelfer ist ein solcher Einsatz in einem wohlhabenden Industrieland eine echte Ausnahme, in Europa in dieser Form einmalig. Eigentlich seien die Spendenmittel für Entwicklungsländer gedacht, sagt Terzian - nun aber stellt MSF zwei Millionen Euro für das Lager in Grande-Synthe bereit.

Kein Interesse an Asyl in Frankreich

„Das Leben ist nicht gut hier, es ist kalt“, erzählt der 20-jährige Isa. Seine Mutter Runak spricht kein Englisch, stattdessen hustet sie demonstrativ und streckt ihre Hände in Richtung der prasselnden Flammen. Wegen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hätten sie ihre Heimat im irakischen Mossul verlassen, sagen die beiden Kurden. Die 52-Jährige kämpfte einst als Peschmerga gegen Saddam Hussein. Nun wollen sie nach Großbritannien - wie so viele andere. Die Angebote der französischen Behörden, Asyl zu beantragen, interessieren nur wenige.

Der Sehnsuchtsort liegt jenseits des Kanals: Viele verweisen auf Familie dort, sprechen schon die Sprache oder erhoffen sich bessere Lebens- und Arbeitschancen, wenn sie einmal dort sind. Doch Franzosen und Briten haben den Hafen von Calais und den Bahntunnel unter dem Ärmelkanal komplett abgeriegelt, vier Meter hohe Zäune und Nato-Stacheldraht sollen Eindringlinge ohne Einreisepapiere abwehren, Hunderte Polizisten schieben Wache. „Tag und Nacht versuche ich es, aber keine Chance“, sagt Pshtiwan, 25, ebenfalls Kurde. Das bisherige Zeltlager in Grande-Synthe ist für ihn ein „Dschungel“.

Der von den Zäunen erhoffte Abschreckungseffekt aber ist ausgeblieben. In Calais leben Tausende in einem Lager, das immer mehr die Struktur eines echten Slums annimmt - mit einer florierenden Schattenwirtschaft: Läden, Restaurants und sogar ein Friseur. Und im etwa 30 Kilometer entfernten Grande-Synthe sind in wenigen Monaten aus ein paar Dutzend campierenden Migranten mehrere Tausend geworden.

Keinen „Sog erzeugen“

„Wir haben hier wirklich eine humanitäre Notsituation“, sagt Amin Trouvé Baghdouche von der Hilfsorganisation Médecins du Monde. „Das ist in doppelter Hinsicht ein Skandal“, meint er - wegen der Zustände an sich, und weil die französische Regierung sie hinnehme. „Die Denkweise ist klar: Sie wollen keinen „Sog erzeugen“.“

Nun rollen ganz in der Nähe die Bagger. Auf einem etwa fünf Hektar großen Gelände, eingezwängt zwischen einer Autobahn und einer Bahnstrecke, bereiten Arbeiter den Boden für 500 beheizte Zelte. Das Lager soll in sechs Zonen unterteilt sein, jeweils mit Dusch- und Toiletten-Blöcken. Es wird Raum geben für Küchen und Hilfsorganisationen. In vier bis fünf Wochen soll es fertig sein.

400 000 Euro steuert die Gemeinde bei. MSF baut zwar das Lager, wird sich danach aber wie schon jetzt auf die medizinische Versorgung konzentrieren. Für den Betrieb sucht die Gemeinde noch eine weitere Hilfsorganisation - und hofft auf Geld vom Staat. Der hatte sich allerdings erst nach längerem Hin und Her dazu durchgerungen, die Pläne nicht zu verbieten.

Das Vorhaben von Bürgermeister Carême, der im vergangenen Jahr von den Sozialisten zu den Grünen wechselte, lässt Fragen offen. Werden die Migranten sich überzeugen lassen, in das neue Lager zu ziehen? Wie kann verhindert werden, dass die begrenzten Kapazitäten des Lagers bald gesprengt werden? Wie kann die Aktivität der Schlepper eingedämmt werden? Als vor ein paar Monaten Duschen aufgebaut wurden, brachten Schleuser zunächst Schlösser an und kassierten Geld, wie der Bürgermeister selbst erzählt - so etwas soll sich nicht wiederholen.

Für den Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen, Stéphane Roques, geht es auch um ein Signal: „Wir werden beweisen, dass das möglich ist, und dass es nicht extrem teuer ist.“ Aber auch ihm ist klar: Das grundsätzliche Problem werde nicht in Grande-Synthe gelöst - die Situation sei die „perfekteste Illustration“ des Scheiterns der europäischen Politik. (dpa)