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Feuilleton

Künstlergruppe rudert zurück

Das "Zentrum für politische Schönheit" errichtete in Berlin und Chemnitz Gedenkstätten, angeblich mit echter Menschenasche. Dafür gab es viel Kritik.

Die neue Aktion des "Zentrums für politische Schönheit" nahe dem Berliner Reichstagsgebäude mit angeblicher Asche und anderen Überresten ermordeter NS-Opfer stößt auf heftige Kritik.
Die neue Aktion des "Zentrums für politische Schönheit" nahe dem Berliner Reichstagsgebäude mit angeblicher Asche und anderen Überresten ermordeter NS-Opfer stößt auf heftige Kritik. © Christophe Gateau/dpa

Berlin. Nach breiter Kritik unter anderem von jüdischen Verbänden an seiner jüngsten Aktion hat das Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) eine Kehrtwende vollzogen. Am Mittwochnachmittag veröffentlichte die Gruppe im Internet eine Entschuldigung an Holocaust-Überlebende und Angehörige von NS-Opfern. Die Internetseite für die Aktion unter dem Titel "Sucht nach uns!" wurde abgeschaltet.

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Das ZPS hatte am Montag in Sichtweite des Reichstagsgebäudes in Berlin eine "Gedenkstätte" errichtet. Zu der Aktion gehört eine Stahlsäule, die angeblich Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält. An der Stelle, die das ZPS für seine Aktion gewählt hat, hatten die Reichstagsabgeordneten im März 1933 mit breiter Mehrheit für das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das der NS-Regierung ermöglichte, den Rechtsstaat auszuhebeln und ihre Diktatur aufzubauen.

Auch in Chemnitz wurde eine solche Installation errichtet, berichtet die Freie Presse. In einem Schaufenster eines Ladens im Bürogebäude am Marx-Monument sei ein Glasbehälter aufgestellt worden, der ähnlich wie in Berlin offenbar auch Asche und Knochenreste von Holocaust-Opfern enthielt.

Die Kunstaktion war auf breite Kritik gestoßen. Unter anderem hatte der Zentralrat der Juden eine mögliche Störung der Totenruhe kritisiert. Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hatte von den Künstlern die Beachtung jüdischer Religionsgesetze gefordert. 

"Wir verneigen uns vor Millionen Menschen, den Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen", heißt es in der am Mittwochnachmittag veröffentlichen Erklärung des "Zentrums für politische Schönheit". Die Künstlergruppe räumte Fehler ein. Zwar sei ihnen bewusst gewesen, dass sie mit ihrer Aktion die Gefühle von vielen Menschen aufwühlen würden. "Dennoch lag uns nichts ferner, als die religiösen und ethischen Gefühle von Überlebenden und Nachkommen der Getöteten zu verletzen. Wir wollen bei Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen aufrichtig um Entschuldigung bitten, die wir in ihren Gefühlen verletzt haben", betonten die Aktivisten.

Weiter entschuldigte sich das Künstlerkollektiv auch bei jüdischen Institutionen, Verbänden und Einzelpersonen, "deren Gefühle wir verletzt haben, weil durch unsere Arbeit die Totenruhe nach jüdischem Religionsrecht gestört oder angetastet worden sein könnte".

Die Gruppe kündigte an, dass das Kernstück der Säule in Berlin - ein orangefarbenes Glasmodul in dessen Innerem sich offenbar von Kunstharz umschlossene Asche und Knochen befinden sollen - verhüllt werden soll. Eine für Samstagnachmittag geplante Aktion, bei der für die temporäre Gedenksäule ein dauerhafter Betonsockel gegossen werden sollte, wurde abgesagt. "Das weitere Vorgehen wird beraten", sagte eine Sprecherin der Gruppe dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Auch der Glasbehälter in Chemnitz wurde laut Freie Presse am Mittwochnachmittag entfernt.

Die Installation vor dem Reichstag in Berlin am Dienstag. Am Mittwoch entschied sich die Künstlergruppe dazu, die Säule zu verhüllen.
Die Installation vor dem Reichstag in Berlin am Dienstag. Am Mittwoch entschied sich die Künstlergruppe dazu, die Säule zu verhüllen. © Christophe Gateau/dpa

Es wäre gut, wenn das "Zentrum für politische Schönheit" beim Abbau der Installation einen Rabbiner hinzuzöge, "um wenigstens dann für die Beachtung der jüdischen Religionsgesetze zu sorgen", hatte zuvor der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Klein am Mittwoch im RBB betont. Falls tatsächlich Asche jüdischer NS-Opfer verwendet worden sei, hätten die Aktionskünstler nicht zu Ende gedacht, sagte Klein.

"Es ist erschütternd, dass heutzutage Künstler meinen, zu solch drastischen Mitteln greifen zu müssen, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Durch das bewusste oder unbewusste Verletzen religiöser Gesetze von Minderheiten tragen sie zur Verrohung der Gesellschaft bei, vor der sie ja eigentlich warnen wollen", erklärte Klein. (epd)

Fakten über das Künstlerkollektiv und seine jüngste Aktion:

WAS IST DAS "ZENTRUM FÜR POLITISCHE SCHÖNHEIT"?

Das "Zentrum für politische Schönheit" ist eine Gruppe von politischen Künstlern aus Berlin. Zu den Mitbegründern zählt der deutsch-schweizerische Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch. Laut eigener Aussage engagiert sich die Gruppe für eine "radikale Form des Humanismus". Ihre Grundüberzeugung sei, "dass die Lehren des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert werden und dass Deutschland aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln muss".

Weiter bekennt das ZPS: "Wir formen den politischen Widerstand des 21. Jahrhunderts und bewaffnen die Wirklichkeit mit moralischer Phantasie und der Geschichte. Widerstand ist eine Kunst, die weh tun, reizen und verstören muss." 

WAS IST DIE AKTUELLE AKTION "SUCHT NACH UNS!" IN BERLIN?

Das ZPS hat seit dem 2. Dezember 2019 in Berlin zwischen Bundestag und Kanzleramt eine temporäre Gedenksäule für NS-Opfer errichtet. Diese besteht den Angaben zufolge aus Edelstahl, ist 2,5 Meter hoch und vier Tonnen schwer. Teil der Säule ist ein orangefarbenes Glasmodul in dessen Innerem sich offenbar von Kunstharz eingeschlossene Gegenstände befinden. Nach ZPS-Angaben handelt es dabei auch um Asche und Knochenreste von NS-Opfern.

Die Aufstellung der Gedenksäule wurde durch das Grünflächenamt des Stadtbezirks Berlin-Mitte bis zum Samstag 7. Dezember 2019 genehmigt. Ursprünglich hatte das ZPS geplant, daraus eine dauerhafte Gedenksäule zu machen. Geplant war dafür, am Samstag ein festes Betonfundament für die Säule zu gießen.

Nach breiter Kritik an der Aktion "Sucht nach uns!" hat das ZPS die für Samstag geplante Aktion abgesagt. Zudem entschuldigte sich das Künstlerkollektiv bei Holocaust-Überlebenden und deren Angehörigen für die mögliche Verletzung religiöser Gefühle und der Totenruhe Gestorbener nach jüdischem Recht. Eine Internetseite für die Aktion wurde abgeschaltet. 

WAS GING DER AKTION VORAUS?

Laut früheren ZPS-Angaben haben Aktivisten in den vergangenen zwei Jahren mehr als 200 Bodenproben an 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine, an denen die Nazis Massenmorde begingen, zusammengetragen und ins Berliner Regierungsviertel gebracht. Im Rahmen von Dreharbeiten zu dem Film "Sucht nach uns" sei auch in dem polnischen Dorf Harmense in der Nähe von Auschwitz gegraben worden, dort sei aber keine Probe entnommen worden, erklärte das ZPS auf seiner mittlerweile abgeschalteten Aktionswebsite. 

WAS IST DAS ZIEL DER AKTION "SUCHT NACH UNS!"?

Mit der Aktion will die Gruppe vor einer Zusammenarbeit von CDU/CSU mit der AfD im Bundestag und in Landesparlamenten warnen. Auch vor Minderheitsregierungen, bei denen eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD geplant ist, wird gewarnt. Zudem soll mit der Gedenksäule darauf aufmerksam gemacht werden, dass es für zahlreiche NS-Opfer keine Ruhestätte gibt. 

WIE FINANZIERT SICH DAS "ZENTRUM FÜR POLITISCHE SCHÖNHEIT"?

Das ZPS finanziert sich eigenen Angaben zufolge ausschließlich über Spenden beziehungsweise Crowdfunding. Für die aktuelle Aktion sind demnach rund 98.000 Euro Spenden eingegangen (Stand 4.12.2019 bevor die Aktionswebsite abgeschaltet wurde). (epd) 

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