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Kritik an geplantem Alkanti-Aus

Bei der Löbauer Selbsthilfegruppe der „Abstinent lebenden Alkoholiker“ stößt die angedachte Schließung des Projektes auf Unverständnis.

© Rafael Smpedro

Constanze Junghanß

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Löbau. Sollen künftig mehr Bänke für Alkoholiker im Stadtbild aufgestellt werden, weil diese keinen Anlaufpunkt im Arbeitsprojekt Alkanti in Löbau mehr haben? Bernd Eichler stellt die Frage voller Sarkasmus und schüttelt den Kopf. Der Ansprechpartner der Selbsthilfegruppe „Abstinent lebende Alkoholiker Obercunnersdorf“ ist genauso enttäuscht über die anstehende Schließung des Alkanti-Projekts, wie sein Mitstreiter Kai Schwellnus. Nicht nachvollziehbar sei dieser Schritt, den der Landkreis da geht. Denn die Zahl der Alkohol- und Drogenerkrankten sei in Löbau keinesfalls geringer geworden.

Spätestens mit dem Klettern der Temperaturen rücke das Thema wieder verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit, sei ab Frühjahr auch sichtbarer. Nämlich dann, wenn auf den Bänken in der Stadt Konsumenten ihre Bier-, Wein- und Schnapsflaschen kreisen lassen. Jetzt im Winter ist es dafür offensichtlich zu kalt. Was aber nicht bedeutet, das Problem wäre vom Tisch. Nur fällt das momentan weniger im Stadtbild auf.

Alkanti sei eine Chance für betroffene suchtkranke Arbeitslose gewesen, einen Schritt in ein Leben ohne Suchtmittelkonsum zu starten. Dieses Arbeitsprojekt wurde zusammen mit dem Jobcenter initiiert, um damit Abstinenz zu festigen und die Teilnehmer auf einen Wiedereinstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Seit 2013 gab es das. Für zwölf Teilnehmer war das Projekt ausgelegt, die bis zu sechs Monate dort mitmachen konnten. Der Standort wird nun – fünf Jahre nach dem Start – zum 31. Mai dichtgemacht. Ebenso trifft es ähnliche Projekte in Weißwasser und Zittau. Nur das Alkanti in Schöpstal bei Görlitz bleibt, vorerst bis 2019 (SZ berichtete). Am heutigen Montag beschäftigt sich der Ausschuss für Gesundheit und Soziales im Kreistag mit der „Förderung des gemeindepsychatrischen Verbundes im Landkreis Görlitz Sozialpsychatrie und Suchthilfe für das Jahr 2017.“ So ist das einer aktuellen Pressemitteilung vom Landratsamt zu entnehmen. Ob es da auch um Alkanti Löbau geht, steht nicht dabei.

Nun falle aber mit der geplanten Schließung in der Stadt ein dringend benötigtes Projekt weg, welches es in Löbau in gleicher Form dann nicht mehr gibt, so Bernd Eichler. „Wir als Selbsthilfegruppe können das nicht ersetzen. Da stoßen wir an unsere Grenzen“, sagt er. Und auch wenn er und sein Mitstreiter Kai Schwellnus darauf hinweisen, dass es neben ihrer noch eine weitere Selbsthilfegruppe für Abstinente sowie die Suchtberatungsstelle in Löbau gibt, sei die theoretische Hilfe nur ein wichtiger Baustein dieser Thematik. „Die Praxis mit dem geregelten Tagesablauf und den Beschäftigungsmöglichkeiten, die Alkanti anbietet, ist das andere“, sagt der 60-Jährige.

Die beiden Männer wissen aus der eigenen Lebensgeschichte heraus, wovon sie sprechen. Seit vielen Jahren leben Bernd Eichler und Kai Schwellnus absolut abstinent, haben beide eine „Suchtkarriere“ hinter sich gelassen und unterstützen mit der Selbsthilfegruppe beim Christlichen Verein junger Menschen (CVJM) in Löbau auf der Martin-Luther-Straße Männer und Frauen, die ihren Alkohol- und Drogenproblemen den Kampf ansagen wollen. Ein Gartenprojekt gibt es da, Gesprächskreise, gemeinsames Kochen, Wanderungen und mehr. Im Frühling trifft sich die Gruppe wieder dreimal wöchentlich, in der kalten Jahreszeit kommt sie in privaten Räumen einmal in der Woche zusammen. Im Durchschnitt sind es zehn Leute, die mitmachen. Manche Teilnehmer sind konstant dabei, andere sporadisch.

Und es gibt auch Schnittstellen zum Alkanti-Projekt Löbau. Erste Treffen fanden im Vorjahr statt. Das sollte 2018 noch weiter ausgebaut werden. Doch daraus scheint nun nichts zu werden. „Wir würden uns sehr wünschen, dass der Landkreis eine andere Lösung als die geplante Schließung findet“, sagt Kai Schwellnus. Der 38-Jährige versucht derzeit, mit Behörden in Kontakt zu kommen und auf die Dringlichkeit einer Weiterführung hinzuweisen. „Angerufen habe ich schon bei der Stadtverwaltung und beim Landkreis“, sagt er.