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Kübeln im Schnee

Ungeleerte Tonnen bringen der Müllabfuhr im Winter viel Kritik ein. Dabei kann jeder etwas tun, damit’s klappt.

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© Claudia Hübschmann

Von Peter Anderson

Meißen. Das geht ja gut los. Kurz nach sechs Uhr sind die beiden Nehlsen-Mitarbeiter Daniel Damme und Ronny Radewald gerade mit ihren ersten Straßen in Diera fertig. Jetzt haben sie gewendet und rollen mit dem schweren MAN die Strecke zurück zum nächsten Ortsteil im rechtselbischen Bereich der Gemeinde. Doch was ist das? „Hatten wir denn die 120-Liter-Tonne da schon“, fragt Damme. „Ne“, sagt Ronny. Also kurz stoppen und kübeln. Das schwarze Ungetüm muss an den Greifer gehängt werden. Dann kippt sich die Maschine den Restabfall automatisch in den Schlund.

„Die Tonne hat uns jemand in den Rücken gestellt“, sagt Damme. „Passiert leider öfter.“ Eigentlich müssten die Behälter ab sechs Uhr am Straßenrand auf Abholer warten. Doch das wird gern einmal vergessen. Fährt das Müllauto plötzlich am Fenster vorbei, fällt dem schussligen Hausbesitzer sein Fehler ein. Schnell wird die Tonne auf den Gehsteig bugsiert, ein bisschen auf Dummenfang gegangen. Solche ungeplante Doppelarbeit kostet Zeit, die am Ende fehlt. Schnell können die eng getakteten Abläufe durcheinanderkommen. Oft sind es viele kleine Ursachen, wie mühsam unter Schnee hervorzusuchende Gelbe Säcke, die letztlich zu Verspätungen führen. Im schlimmsten Falle kommt es dazu, dass Säcke liegen- und Tonnen vollbleiben.

Die nächste Runde führt durch eine kleine Siedlung mit nach der Wende entstandenen Einfamilienhäusern. In den Vorgärten wechseln sich Carports mit Spielhäusern für Kinder ab. Erstaunlich viele Lämpchen an Nadelbäumchen und Sterne leuchten noch an diesem dunklen Morgen. Fahrer Daniel Damme hat dafür keine Augen. Die Zweige eines kahlen Baumes schlagen hart an die Kabine seines Schwergewichts. Der Platz ist knapp auf den schmalen Straßen. Hier nirgends anzuecken, ist oft Zentimeterarbeit. Wenn zwei Autos ungünstig parken und eine künstliche Schikane bilden, wäre Schluss. Doch diesmal haben alle Anwohner mitgedacht.

Schnell wechseln die Blicke des Nehlsen-Mannes zwischen Seitenspiegeln, Rückspiegel und Kamerabild von der Heckpartie des Müllautos. Zwei Hupzeichen bedeuten dem Kübler, dass der Rückwärtsgang eingelegt wird, um die Siedlung zu verlassen. Der junge Mann im leuchtend grünen Arbeitsanzug tritt den Schnee ab und schwingt sich zum Aufwärmen ins gut geheizte Fahrerhäuschen.

Ein paar Stunden später an Henkers Wild- und Landfleischerei. Gut über die Hälfte der Runde an diesem Tag dürfte geschafft sein. Mehr als 200 Behälter sind entleert. Hinter jeder abgeräumten Straße in der Liste steht ein blauer Haken. In der Pause gibt es einen Pott Kaffee und ein Brötchen auf die Hand. Kurz die angespannten Muskeln lockern. Das Kübeln kostet im Winter besonders viel Kraft. Nicht selten stehen die Tonnen hinter einem zehn bis 20 Zentimeter hohen Schneewall, der durch das Schippen entstanden ist. Da müssen sie erst einmal hindurchgewuchtet werden. Dichte braune Asche aus offenbar weiter zahlreich genutzten Kachelöfen sorgt für zusätzliches Gewicht. Oft pappt sie fest. Der Behälter muss durchgerüttelt werden, um die verdichtete Masse zu lösen.

„Jetzt geht’s nach Golk. Da kriegen Sie was zu sehen“, sagt Daniel Damme und grient. Die Siedlung wird weitläufiger, oft liegen die Häuser mehrere Hundert Meter voneinander entfernt. Mitunter sind die Straßen gerade so breit, dass die Räder des MAN eben noch draufpassen. Aus einem Kuhstall äugen die Rinder nach dem hohen Gefährt. Ein Winzer schneidet stoisch seine Reben. Die kommende Sackgasse von 500 Metern kann nur rückwärts befahren werden. Am Ende gibt es keinen Raum zum Wenden. Radewald muss wieder raus ins Kalte. Er dient dem Fahrer vorn als Anzeiger für die Breite der Straße. Ein Abstecher in den Tiefschnee kann fatale Folgen haben. Am gleichen Tag erwischt es einen Kollegen in Keilbusch. Sein Wagen muss geborgen werden, weil er aus eigenen Kräften nicht wieder flott wird.

Endlich ist das einzelstehende Haus erreicht. Der Besitzer verzichtet allerdings darauf, seine Tonne leeren zu lassen. „Für solche Fälle, würde ich mir ein Fähnchen wünsche, das anzeigt, ob der Behälter draußen ist oder nicht“, scherzt Damme.

Nochmal 70 Kübel später ist der letzte Haken auf der Straßenliste gesetzt. Dreimal Hupen bedeutet Feierabend und Abfahrt zum Nehlsen-Zentrum auf der Radeburger Straße. Die Runde mag nicht gut begonnen haben, aber gut zu Ende gebracht haben sie der Kübler und sein Fahrer.