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Politik

Kükentöten nur übergangsweise zulässig

Können wirtschaftliche Interessen ein Grund sein, um Millionen Küken zu töten? Leipziger Richter sehen das nicht so. Trotzdem geht das Kükentöten weiter.

Mitglieder der Tierschutzorganisation Peta protestieren vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig gegen das Kükenschreddern.
Mitglieder der Tierschutzorganisation Peta protestieren vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig gegen das Kükenschreddern. © Jan Woitas/dpa

Von Birgit Zimmermann

Das massenhafte Töten männlicher Küken bleibt erlaubt - allerdings nur für eine Übergangszeit. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschied am Donnerstag, dass wirtschaftliche Interessen der Geflügelwirtschaft allein nicht als "vernünftiger Grund" für das Kükentöten gelten können. Bis allerdings alternative Verfahren für die Geschlechtsbestimmung im Hühnerei einsetzbar sind, darf die umstrittene Praxis weitergehen. (Az.: BVerwG 3 C 28.16 und 3 C 29.16)

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Seit Jahrzehnten werden in der Geflügelwirtschaft Millionen männliche Küken nach dem Schlüpfen getötet. Für die Eierproduktion werden spezielle Legehennen gezüchtet. Sie sind darauf getrimmt, viele Eier in kurzer Zeit zu legen. Sie setzen kaum Fleisch an, so dass sie sich für die Mast nicht eignen. Männliche Tiere braucht man nicht, ihre Aufzucht gilt als unwirtschaftlich. Das Geschlecht konnte man bislang erst nach dem Schlüpfen erkennen. Darum werden die Tiere massenhaft vergast - jährlich laut Bundesagrarministerium rund 45 Millionen männliche Küken.

Was hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden?

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Das Gericht hat diese Praxis nur noch für eine Übergangszeit als zulässig eingestuft - so lange, bis gut funktionierende alternative Verfahren für die Geschlechtsbestimmung im Hühnerei zur Verfügung stehen. Das Tierschutzgesetz besagt in Paragraf 1, dass niemand einem Tier "ohne vernünftigen Grund" Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Die Frage war, ob die wirtschaftlichen Interessen der Legehennenzüchter ein solcher "vernünftiger Grund" sein können. Dazu erklärten die Bundesrichter: "Die Belange des Tierschutzes wiegen schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe."

Wann hört das Kükentöten nach diesem Urteil nun auf?

Das ist offen. Zwar hat das Bundeslandwirtschaftsministerium die Forschung zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei mit Millionenaufwand gefördert, aber weiter als "auf dem Weg zur Serienreife" sind die Methoden noch nicht. Ministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte am Donnerstag, ihre Position zum Kükentöten sei schon lange klar: "Ethisch ist es nicht vertretbar". Sie wolle jetzt Verbände und Unternehmen in die Pflicht nehmen, damit die Alternativen "auch rasch angewendet" werden. Klöckner kündigte einen runden Tisch auch mit Vertretern der Wissenschaft an.

Welche Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei gibt es?

Zwei Methoden liegen vor: Bei der endokrinologischen, also hormonellen Methode wird den neun Tage bebrüteten Eiern durch ein winziges Loch etwas Flüssigkeit entnommen. Mit den Proben wird das Geschlecht bestimmt. Weibliche Küken werden ausgebrütet, männliche nicht. Unter dem Logo "Respeggt" werden so erzeugte Eier in rund 380 Rewe- und Penny-Märkten angeboten. Rewe hofft, sie Ende 2019 bundesweit verkaufen zu können. Tierschützer bevorzugen dagegen das Verfahren der Infrarot-Spektroskopie an nur vier Tage bebrüteten Eiern. Der Anbieter Agri Advanced Technologies arbeitet nach eigenen Angaben noch an der Verbesserung der Messgenauigkeit.

Was sagt die Geflügelwirtschaft zu dem Urteil?

Der Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke, nennt es "eine kluge Entscheidung, die der Realität gerecht wird und der Wissenschaft Zeit gibt, die Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgreich zum Abschluss zu bringen". Die Branche wolle "lieber heute als morgen" aus dem Kükentöten aussteigen. Der ZDG definiert auch, wann die Alternativen als praxistauglich gelten: Die Technik müsse für alle Brütereien zur Verfügung stehen und ausreichend schnell sein. Zudem müsse die Genauigkeit bei der Geschlechtsbestimmung 95 Prozent betragen und die "Schlupfrate" weiblicher Eier dürfe kaum beeinträchtigt werden.

Wie haben Tierschützer auf das Urteil reagiert?

Sehr unterschiedlich. Peta-Jurist Christian Arleth hob hervor, dass die Bundesrichter dem "Staatsziel Tierschutz" ein größeres Gewicht verliehen hätten. Das Urteil könne sich auch auf andere Streitfragen im Tierschutz auswirken. Peta und zahlreiche weitere Verbände bedauerten aber, dass das Kükentöten auf unbestimmte Zeit erlaubt bleibe. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderte ein grundsätzliches Umdenken in der Geflügelwirtschaft. Statt weiter extrem spezialisierte Legehennen zu züchten, solle die Branche lieber auf das "Zweinutzungshuhn" umsteigen. Das sind Tiere, die sowohl für die Eier- als auch für die Fleischproduktion geeignet sind. (dpa)