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Künstler nimmt Görlitz auf die Schippe

Karikaturist Andreas Neumann-Nochten hat einen Kalender für 2019 gestaltet. Er zeigt die Stadt aus seiner Perspektive.

© Nikolai Schmidt

Von Susanne Sodan

Görlitz. Wo das Original ist, kann Andreas Neumann-Nochten gar nicht sagen. „Es ist auf jeden Fall in Görlitz“, erzählt er. Seine „Parodie auf die Toteninsel“ wurde vor Jahren versteigert, bei einer Zaubershow des Görlitzer Magiers Ralf Kunze. Auf dem unteren Bildteil – auf dem Meer mit der schwimmenden Maus – hatten vorher bekannte Görlitzer unterschrieben. Dann kam das Gemälde für den guten Zweck unter den Hammer. „Aber ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wer das Bild am Ende mit nach Hause genommen hat.“

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Görlitz kann nicht immer nur im Vordergrund stehen. In dieser Zeichnung ist die Stadt nur am Horizont zu sehen – im Fokus steht hier Reichenbach.
Görlitz kann nicht immer nur im Vordergrund stehen. In dieser Zeichnung ist die Stadt nur am Horizont zu sehen – im Fokus steht hier Reichenbach. © Andreas Neumann-Nochten
„Görlitz-Insel“ mit Maus: Inspiration für diese fröhlichere Version von Neumann-Nochten war das Gemälde „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin.
„Görlitz-Insel“ mit Maus: Inspiration für diese fröhlichere Version von Neumann-Nochten war das Gemälde „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin. © Andreas Neumann-Nochten

Zum Glück hat Andreas Neumann-Nochten vorher eine Kopie gemacht. Jetzt ist die „Parodie auf die Toteninsel“ eines der zwölf Werke, die einen Platz bekommen haben im 2019-Kalender „Görlitz mit Humor betrachtet.“ Die zwölf Blätter zeigen ältere wie jüngere Karikaturen und Zeichnungen des Görlitzer Künstlers Neumann-Nochten. Und jede hat so eine kleine Geschichte, die „Parodie auf die Toteninsel“ sogar mehrere. Das ursprüngliche Bildmotiv – „Die Toteninsel“ – stammt von dem Schweizer Maler Arnold Böcklin, der Ende des 19. Jahrhunderts fünf Varianten malte, allesamt recht düster: Auf Böcklins Toteninsel ragen Felsen mit Grabkammern in die Höhe, in der Mitte werden sie von dunklen Zypressenbäumen überragt. Ein Boot mit einer weiß verhüllten Gestalt und Sarg steuert auf die Insel zu. „Eine Kopie dieses Werkes hatte damals jeder Haushalt, der was auf sich hielt, irgendwo hängen“, erzählt Andreas Neumann-Nochten. Für seine Version des bekannten Gemäldes hat er die Szene nach Görlitz verlagert – und aufgelockert. An die Stelle der Felsen hat er den Dicken Turm, den Nikolaiturm und den Kaisertrutz gesetzt, die Bäume hat er mit den Türmen der Peterskirche, des Rathauses und der Dreifaltigkeitskirche ersetzt. Und statt der weißen Gestalt schwimmt bei ihm eine recht lebendige Maus durchs Wasser.

1999 kam Neumann-Nochten nach Görlitz. In seinen ersten Jahren hier versuchte er schon einmal einen Kalender mit größerer Auflage herauszubringen. Das sei aber eher ein Flop gewesen. Er gestaltete zwar trotzdem weiterhin Kalender, aber in ganz kleiner Stückzahl für Freunde und Bekannte. Warum er es jetzt noch einmal mit großer Auflage – 500 Stück sind gedruckt – versucht? „Alfred Theisen ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt“, erzählt Andreas Neumann-Nochten, der für die CDU auch im Stadtrat sitzt. Theisen leitet den Görlitzer Senfkorn-Verlag, der beispielsweise einen Kalender mit historischen Schlesien-Fotografien herausbringt.

Die Motive in „Görlitz mit Humor betrachtet“ haben alle einen Bezug zu ihrem jeweiligen Monat. Das Juni-Blatt zeigt beispielsweise zwei Postkarten-Zeichnungen, die Neumann-Nochten für das Viathea angefertigt hat – das seit einigen Jahren im Juni stattfindet. Der Erlös der Postkarten kommt jedes Jahr dem Straßentheaterfestival zugute, „Zuletzt habe ich immer versucht, eine Person, die eng mit dem Via-thea verbunden ist, mit auf die Postkarte zu bringen“, erzählt er. Auf einer der beiden Zeichnungen des Juni-Blattes ist beispielsweise Yvonne Reich, Opernsängerin am Gerhart-Hauptmann-Theater, zu entdecken. Das Dezember-Blatt dagegen zeigt eine Karikatur, die Neumann-Nochten 2012 für die Silvesterausgabe der SZ gezeichnet – und dabei in die Zukunft geblickt hat: Die Görlitzer und Zgorzelecer Türme feiern ausgelassen den Jahreswechsel, der Rathausturm öffnet eine Sektflasche und lässt mit dem Korken auch eine Figur in den Himmel schießen. Diese Figur wurde von manchen als der damalige Rathauschef Joachim Paulick interpretiert – der nach der Wahl 2012 den Oberbürgermeister-Posten an Siegfried Deinege verlor.

Dezember, Jahreswechsel zu 2019, bis dahin dauert es noch. „Jetzt schon an einem Kalender für das neue Jahr zu arbeiten, war tatsächlich ein etwas seltsames Gefühl“, sagt Andreas Neumann-Nochten. Aber im Hause Neumann-Nochten ist ohnehin gerade manches ein bisschen auf den Kopf gestellt. „Passen Sie auf, dass Sie nirgendwo drankommen, es ist gerade sehr staubig“, hatte der Künstler zur Begrüßung gesagt. Im Erdgeschoss wird gerade saniert. Und zwar alles: Die Wände und die Decken werden neu verputzt, der Fußboden saniert und die Schäden des Hochwassers 2010 damit beseitigt. Neumann-Nochten hatte damals besonders viel Pech. Erst zwei Wochen bevor das Hochwasser kam, war die Familie in das Haus auf der Hotherstraße eingezogen. Jetzt läuft die dritte Woche mit Bauarbeiten.

Was er in Zukunft mit dem Erdgeschoss machen will, weiß der Karikaturist noch nicht genau. „Wohnen kann man hier nicht, dafür ist es zu feucht.“ Einst, bis 1964, war im Erdgeschoss die Kneipe „Zum kühlen Grunde“. „Vielleicht wird jetzt eine kleine Galerie daraus“, sagt Neumann-Nochten. „Aber wirklich, es steht ein großes Vielleicht davor.“ Erst mal muss die Sanierung geschafft sein.

„Görlitz mit Humor betrachtet“, Kalender 2019 mit Karikaturen von A. Neumann-Nochten, Senfkorn-Verlag, Format: A4, erhältlich unter anderem in der „Schlesischen Schatztruhe“, bald auch im SZ-Treffpunkt im City-Center Görlitz.