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Kultur oder Kommerz?

Die Kritik an der BRN wird in den letzten Jahren lauter. Jetzt wurde über die Zukunft des Festes diskutiert.

© Detlef Ulbrich

Von Sarah Grundmann

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Auch im Juni dieses Jahres drängten sich wieder Menschenmassen durch die Neustadt. Denn vom 19. bis 21. Juni war es wieder Zeit für die Bunte Republik Neustadt (BRN). Doch nicht allen ist an diesem Wochenende zum Feiern zumute. Die Kritik an einem der größten Dresdner Feste wird in den letzten Jahren lauter. Auch 2015 waren Plakate und Aufkleber mit den Aufschriften „BRN ist scheiße“ oder „Your BRN sucks“ zu lesen.

Der Frust ist so groß geworden, dass die Schwafelrunde ein Jahr pausieren möchte. Seit 2011 kümmert sich der Kreis aktiver Neustädter um die Organisation der Riesenfete. Die Pause wollen sie nutzen, um Ideen zu sammeln. Wie kann die BRN wieder zu ihren Wurzeln zurück? Am Mittwochabend startete die Schwafelrunde den ersten Versuch und lud zur Diskussionsrunde in die Kult-Kneipe Scheune in der Alaunstraße ein. Kurz vor Beginn um 19 Uhr war der Saal gerammelt voll, einige Besucher mussten stehen. Rund zweieinhalb Stunden wurde berichtet, diskutiert und teilweise auch gezankt. Gemeckert wurde dabei viel. Doch innovative Ideen gab es kaum. Nur bei einem waren sich fast alle Gäste einig: Mit seinem Ursprung hat das heutige Fest nichts mehr zu tun.

„Einigkeit, Recht und viel Freizeit“

1990 entstand es aus einer Art Protestbewegung heraus. „In der Neustadt wohnten damals Handwerker, Künstler, Punks und auch Haftentlassene“, erklärt Anett Lentwojt, Archivleiterin im BRN-Museum. Als sich in Dresden alles um die D-Mark drehte, gründete eine Gruppe von Neustädtern aus Frust die provisorische Regierung der Bunten Republik Neustadt. „Einigkeit, Recht und viel Freizeit“ war das Staatsmotto. Auch einen Monarchen, Reisepässe und eine eigene Währung gab es in dem Stadtteil. Regelmäßig wurde die Republik gefeiert. „Damals gab es übrigens die gleichen Beschwerden wie heute: Lärm, Müll und pinkelnde Leute“, sagt Lentwojt.

Ab 1994 erlebte die BRN ein organisatorisches Hin und Her. Immer wieder stellten verschiedene Vereine das Fest auf die Beine. Meist schmissen diese nach maximal zwei Jahren das Handtuch. Auch das Viertel wandelte sich: Mehr Gastronomen siedelten sich an, Häuser wurden saniert, junge Familien zogen in die Neustadt. Damit verbunden besuchten immer mehr Feierwütige die BRN. Von ursprünglich etwa 2 000 Besuchern stieg die Zahl schnell auf rund 30 000. Seit 2000 sind es jährlich um die 130 000 Leute, die an einem Juni-Wochenende ausgelassen durch die Neustadt tanzen. Damals gab es den Versuch, das Fest zu professionalisieren. Der extra gegründete BRN-Verein wollte es zum größten ostsächsischen Festival machen. Damit fiel er aber gehörig auf die Nase – wegen einiger Ausschreitungen bekam das Fest ein schlechtes Image. Seit 2002 gibt es deshalb keinen richtigen Organisator mehr. Seitdem gilt die Sondernutzungsregelung der Stadt. Jeder meldet seine Veranstaltung auf einer Fläche an und bekommt dafür die Genehmigung.

„Erfolge in keinem guten Verhältnis zu unserem Aufwand“

Um die Vermittlung zwischen Anwohnern und Gewerbetreibenden kümmert sich seit vier Jahren allerdings die Schwafelrunde. Ihr Ziel war es, den Kommerz von den Straßen zu verbannen, und aus der „Bier-Republik“ wieder eine Bunte Republik mit Kunst und Kultur von Anwohnern zu machen. „Nach fünf Jahren müssen wir feststellen, dass die Erfolge in keinem guten Verhältnis zu unserem Aufwand stehen“, sagt Sprecherin Ulla Wacker. Aufgrund des „Kultursterbens“ möchte die Schwafelrunde, dass die BRN 2016 nicht stattfindet.

Das stieß am Mittwochabend nicht nur auf Begeisterung. „Das macht doch keinen Sinn. Nach einem Jahr ändert sich an der Veranstaltung sowieso nichts“, sagte eine Anwohnerin. Dass die Neustädter wieder aktiver am Fest mitwirken sollten und dass es mehr Kultur, dafür weniger Bier geben soll, da waren sich die meisten einig. Deswegen wünschen die Anwohner sich mehr Unterstützung von der Stadt. Sie soll Neustädter und kulturelle Beiträge bevorzugen. Ordnungsamtsleiter Ralf Lübs kann da nur den Kopf schütteln. „Es ist erstaunlich, was die Stadt alles regeln soll“, sagt er. „Wir sind nicht die Kulturpolizei. Wir sind nur die Stelle, an der kreative und unkreative Ideen genehmigt werden.“ Vielmehr müssten die Anwohner sich zusammenschließen und selbst organisatorisch aktiv werden. Zusammen könnten sie ganze Straßenzüge anmelden – auf der Talstraße ist das bereits gelungen. Und auch am Martin-Luther-Platz liegt seit Jahren alles in den Händen von Anwohner und Gewerbetreibendem Stefan Schulz. „Doch der Aufwand und das finanzielle Risiko sind nicht zu unterschätzen“, sagt er. Trotzdem meldeten sich auch am Mittwochabend einige, die sich engagieren wollten. Die Frage „Quo vadis BRN?“ wurde allerdings nicht beantwortet. Vielleicht am 2. September. Dann lädt die Schwafelrunde wieder zur Diskussion in die Scheune ein.