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29. Moritzburg Festival trotzte allen Wettern

Mozart im Mondschein, Beethoven im Palast: Das Festival glänzte mit Vielfalt und Nuancen.

Künstler lieben das Ambiente im und am Schloss Moritzburg.
Künstler lieben das Ambiente im und am Schloss Moritzburg. © Oliver Killig

Von Karsten Blüthgen und Jens-Uwe Sommerschuh

Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ unter freiem Himmel, bei Stille und Mondschein – bessere Rahmenbedingungen lassen sich kaum denken für diesen Klassiker. Die Befürchtung, diese Serenade werde rauf und runter gespielt und dabei verschlissen, wirkt wiederum bremsend. So oft wie angenommen steht dieser Mozart dann doch nicht auf dem Programm.

Am Freitag, 21 Uhr, zum „Konzert bei Fackelschein“ auf der Moritzburger Schlossterrasse wurde er wieder gepflegt. Und wie! Ein Streichquartett um Geiger Chad Hoopes ließ großen Durst nach genau dieser Musik spüren, fand einen zutiefst beseelten und belebenden Ton, ohne Bilder stürmen zu wollen. Zwischen entschlossen dargebotenen schnellen Ecksätzen erblühten eine federleicht schwebende Romanze sowie ein kerniges Menuett, das höchsten Wiedererkennungswert besaß und doch keine Konfektionsware war: Die scheinbar triviale Satzform wurde interessant, da musikalische Gedanken sehr plastisch voneinander abgehoben wurden.

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Neulinge, rare Gäste und Urgesteine

Exemplarisch stand dieser Mozart für die packende Ansprache und Homogenität, mit der die spontan gebildeten Formationen des Moritzburger Kammermusikfestivals auch im 29. Jahr glänzten. Jan Vogler setzte als Leiter wieder auf einen Mix aus Festival-Neulingen, raren Gästen und Urgesteinen. Erstmals kam die französische Flötistin Magali Mosnier – ein fast überfälliger Auftritt in dieser schlank besetzten Holzbläserriege. Die Oboe ist in Moritzburg ebenfalls selten zu hören – Albrecht Mayer kehrte nach vielen Jahren zurück. Und dann gibt es als Säulen jene Musikerinnen und Musiker, die zumindest gefühlt immer da sind. Darunter Ulrich Eichenauer, der als Solobratscher bei der Dresdner Philharmonie begann, Janne Saksala, erster Solo-Kontrabassist der Berliner Philharmoniker, nicht zuletzt Geigerin Mira Wang.

Atmosphärisch sehr schön sind die Open-Air-Konzerte in Moritzburg, wenn das Wetter mitspielt und die Vögel zuweilen einstimmen.
Atmosphärisch sehr schön sind die Open-Air-Konzerte in Moritzburg, wenn das Wetter mitspielt und die Vögel zuweilen einstimmen. © Oliver Killig

Zum ersten Mal dabei war auch Cellistin Marie-Elisabeth Hecker. Am Freitag versenkte sie sich mit fünf Streicherkollegen in Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ – ein 1899er-Meilenstein der Musikgeschichte, in anderer Weise Schwerstarbeit, ein wortloses Gedicht über menschliche Gefühle. „Ist jetzt Schluss oder nur Pause?“, fragte ratlos ein Sitznachbar, nachdem Mozart und Schönberg verklungen waren. Er blickte völlig ergriffen und stimmte zu, dass weniger manchmal mehr sei. Dieser Freitag mit dem knapp einstündigen Programm zählte atmosphärisch zu den schönsten. Es war absolut ruhig, kein Lüftchen wehte. Über zwei, drei Grad wärmere Temperaturen wäre niemand böse gewesen, auch Tobias Teumer nicht. „Aber der Vollmond heute war schon teuer genug“, kalauerte der Festival-Geschäftsführer.

Im vergangenen Sommer war Open Air auf der Nordterrasse des Schlosses noch eine Notlösung bedingt durch Corona. Es sollte ein Wink des Schicksals sein: Nun ist sie Stammplatz geworden, wenngleich sich das Festival damit abhängiger vom Wetter gemacht hat. Das spielte auch 2021 nicht immer mit. Es gab vier Verlegungen in die Kirche Moritzburg. Um diese reibungsarm zu ermöglichen und niemanden nach Hause schicken zu müssen, wurde die Bestuhlung auf der Terrasse der Kapazität in der Kirche angepasst.

Populär wurde das Schloss als Kulisse des Filmes "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" von 1972.
Populär wurde das Schloss als Kulisse des Filmes "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" von 1972. © Andreas Weihs

Ein Festival-Leckerbissen ist das große Orchesterkonzert im Dresdner Kulturpalast: Unter dem Titel „Moritzburg für alle“ dirigierte auch in diesem Jahr der exzellente Katalane Josep Caballé Domenech ein Ensemble der Hochbegabten. Die 41 jungen Musiker, 24 Frauen und 17 Männer, stammen aus 16 Nationen und wurden unter 750 Bewerbern aus aller Welt für die 2006 von Geigerin Mira Wang begründete Festivalakademie ausgewählt. Sie haben sich das ambitionierte Repertoire in wenigen hochkonzentrierten Proben erarbeitet.

Am Sonnabend erklang zunächst die Ouvertüre zur Oper „Die glücklichen Sklaven“, die der „baskische Mozart“ Juan C. de Arriaga mit 13 Jahren komponiert und später überarbeitet hatte. Dem beschwingten Siebenminutenstück folgte mit Beethovens Tripelkonzert von 1804 ein echter Klassiker. Festivalvater Jan Vogler am Cello wurde flankiert von zwei Junioren mit fantastischem Potenzial, Kevin Zhu an der Violine und Juha Pohjonen am Flügel. Es war ein erfrischender Triumph der Spielfreude auch seitens des vital und elastisch agierenden Orchesters.

Mendelssohn-Klassiker zum Finale

Das konnte dann mit Schumanns komplexer C-Dur-Sinfonie von 1845 abermals Farbe bekennen. Dirigent Domenech holte mit seinen Youngstern eine faszinierende Palette an Nuancen heraus. Wunderschön die Wechselgesänge zwischen der Oboe des Spaniers Bryn Mir Williams und dem Fagott der Portugiesin Adriana Goncalves im Adagio, mitreißend der Sog in den Ecksätzen. Riesiger Beifall, Zugabe mit Rossini, glückliche Gesichter überall im Saal.

Das Festival klang am Sonntag traditionell mit Mendelssohns Streichoktett aus. Wieder in die Kirche – nach der Unwetterwarnung vom Deutschen Wetterdienst.

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