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Abschied mit Fragezeichen

Dorotty Szalma gibt nach acht Jahren Zittauer Schauspielintendanz auf. Das Ende eines fast einjährigen Machtkampfes.

Dorotty Szalma bei einer Versteigerung von Objekten aus dem Zittauer Theaterfundus.
Dorotty Szalma bei einer Versteigerung von Objekten aus dem Zittauer Theaterfundus. © Matthias Weber

Dieser Abschied war nicht gewollt. Zumindest dem Bekunden nach. Am Freitag wurde Dorotty Szalma in Zittau offiziell für ihre achtjährige Arbeit als Schauspielintendantin des Gerhart-Hauptmann-Theaters (GHT) Görlitz und Zittau gedankt. Mutmaßlich wird es künftig keine Intendanz in Zittau mehr geben. Der Rückzug der 46-Jährigen ist das Ergebnis eines monatelangen Gezerres um Entscheidungskompetenzen.

Ausgangspunkt war die Ernennung des 36-jährigen Daniel Morgenroth zum Generalintendanten des GHT im Sommer 2020. Eigentlich sollte der neue Chef schon 2019 präsentiert werden, aber man habe keinen geeigneten Kandidaten gefunden, hieß es. Morgenroths Vorgänger Klaus Arauner hängte ein Jahr dran, bevor man sich auf Morgenroth als „geeignetsten Kandidaten“ einigte. Morgenroth sagt, er sei angetreten mit dem Auftrag der Gesellschafter, „eine neue Struktur in Verwaltung und Hausleitung einzuführen“ und die Fusion der Häuser in Görlitz und Zittau inhaltlich und ideell weiter voranzutreiben. „Von Konstanz ans Vierspartenhaus“ titelte die dortige Presse zu Morgenroths „Karrieresprung“. Das Dreiländereck muss er sich erst neu erschließen, wenn er auch meint, sich aus der Zeit am Bodensee mit Grenzregionen auszukennen.

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Etwa zeitgleich mit Morgenroths Vorstellung wurde Szalmas Vertrag bis 2022 verlängert, unverändert als Schauspielintendantin in Zittau. Es sei ein bewusster Zug gewesen, um zu verhindern, dass der neue Generalintendant sein Gefolge mitbringt und an den Schaltstellen des Hauses installiert, sagt der an den Personalentscheidungen beteiligte Görlitzer Kulturbürgermeister Michael Wieler.

Im Kern des rasch wachsenden Konflikts ging es darum, dass Morgenroth, wie er sagt, den Spielplan und weitere Fragen im gemeinsamen Prozess entstehen lassen wollte, dazu von einem Motto getragen. Wobei sich der Chef vorbehalte, im Zweifel die Entscheidung zu treffen. Das habe dazu geführt, dass Szalmas bereits ausgearbeiteter Plan für die kommende Zittauer Spielzeit in Teilen verworfen wurde. Schauspielstücke wurden ohne Szalmas Mitwirken aufgenommen und besetzt. Dabei hatte sie acht Jahre de facto die Verantwortung für das Schauspiel. „Man konnte lesen, ich hätte Freiheiten verloren. Was heißt Freiheiten? Das war mein Job!“, entrüstet sich Szalma, die sonst besonnen redet und auf keinen Fall eine öffentliche Schlammschlacht will. „Das würde mich nur kleinmachen“, fügt sie hinzu.

Zugleich liegt der SZ eine Aufgabenbeschreibung für Dorotty Szalma als Schauspielintendantin seit 2013 vor: „Eigenständige Erarbeitung und Realisierung des Produktions- und Spielplanes der Sparte Schauspiel“, heißt es dort. Michael Wieler nennt den Titel der Schauspielintendantin in dem Zusammenhang „politisch motiviert“ – also ein papiernes Zugeständnis an Zittau, das nach der Fusion der Häuser stets auf eine eigene Theaterstimme pochte, die aus dem Puls der Stadt stammte. Es ist fraglich, ob diese mit dem von Morgenroth berufenen Schauspieldirektor Ingo Putz weiter hörbar bleibt. Für Putz ist nicht nur die Region, sondern auch die Führung eines solchen Hauses Neuland. Lange arbeitete er vor allem als Regisseur, von 2016 bis 2019 leitete er das Junge Theater, ebenfalls in Konstanz.

Es sei scheinheilig, wenn man suggeriert, dass das Zittauer Haus „irgendwie eigenständig“ wäre, teilt Daniel Morgenroth mit. Und dass die neuen Formen von Planung und Führung am Haus „in den allermeisten Fällen enthusiastisch aufgenommen“ wurden. Schließlich sei man mit großer Offenheit auf die Kollegen zugegangen. Diese Offenheit verfing bei Szalma offenbar nicht oder war, auf das Ergebnis bezogen, doch keine.

Wenn man sich in Görlitz und Zittau umhört, bekommt man bemerkenswert schmallippige Auskünfte. Der neue Görlitzer Intendant meint gar, es gäbe keine Kontroverse. Szalma hingegen erklärt unumwunden, sie gehe „wegen Morgenroth“.

Nun ist Wandel in der Kultur alltäglich und wichtig. Doch hier gibt es zu viele Verluste, um von einem normalen Vorgang zu sprechen. Dazu gehört nicht etwa nur die Personalie Szalma, von der etwa Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker sagt: „Ich bedaure das.“ Sie habe wie kaum jemand anderes eine Beziehung zum mitteleuropäischen Raum und nebenbei für die „erfolgreichsten Zahlen, die wir je hatten“ gesorgt. Wie auch immer die neuen Zahlen ausfallen: Finanziell ist der Schaden für Steuerzahler und den schmalen Theaterhaushalt erst einmal groß. Das sind zum einen laufende Verträge zweier Schauspielleiter. Vor allem aber sind da die Produktionen, die coronabedingt kaum liefen, aber teuer fertigproduziert wurden und nun verschwinden. Szalma werde Zittau verlassen, bekennt sie, womöglich erst in einem Jahr, wenn ihre Tochter ohnehin die Schule wechseln wird. Sie habe viele Ideen und Ziele, von denen zu sprechen es aber zu früh sei, sagt sie. Die Arbeit an einer Dissertation habe sie begonnen. Szalma bewarb sich mit dem Thema „Machtmissbrauch“ ausgerechnet an der Budapester Theater- und Filmakademie, die mit Protesten gegen die Übernahme durch Getreue des autoritären Ministerpräsidenten Viktor Orban in den Fokus geriet. Natürlich war Szalmas Antrag dort ein Statement, das viel über sie sagt. Er wurde, wenig überraschend, in Budapest abgelehnt. Aber sie will an dem Projekt dranbleiben – woanders in Europa.

Nicht alles, was Szalma in Zittau angefasst hat, wurde zu Gold. Aber ihr Spagat zwischen Experiment und Gassenhauern, zwischen Politik und Sinnlichkeit auf der Bühne war spannend und für ein so kleines Haus nicht selbstverständlich. Es fällt auf, dass vieles, was Daniel Morgenroth und Ingo Putz programmatisch als Plan nennen, so schon existierte.Sie wollen mit ihrem Spielplan das Bauchgefühl ansprechen, nicht sofort die „superharten Probleme“, sagen sie. Geboten wird leichtere Kost, aber im April 2022 auch ein Monolog zu Sophie Scholl. Im folgenden Jahr gehe man da inhaltlich „anders zur Sache“, sagt Ingo Putz. Die Dramaturgie wolle sich „mit den Menschen in den Städten vernetzen“ und den ganzen Landkreis bis nach Weißwasser bespielen.

Das Konzept ist noch recht vage, genau wie das Motto für die Spielzeit: „Hearts on Fire“. Welches Theaterstück passte hier nicht? Für eines der wichtigsten Projekte von Dorotty Szalma, das trinationale Theaterfestival J-O-Ś, bestehe ein „hohes Interesse, es weiterzuführen“, sagt Morgenroth mit Blick auf die „spannende Grenzregion.“ Spannend bleibt auch, in welche Richtung Morgenroth und Putz das GHT führen in einer komplexen Zeit.

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