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Albernheit gegen Gefühlsgrau

Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre plaudern in "Alle sind so ernst geworden" über Badehosen, Religion und Denkpausen.

Benjamin von Stuckrad-Barre (l.) findet sich auf Fotos fett, Martin Suter findet sich bucklig. Jüngst trafen sie sich zum „konzeptionslosen Gelaber“.
Benjamin von Stuckrad-Barre (l.) findet sich auf Fotos fett, Martin Suter findet sich bucklig. Jüngst trafen sie sich zum „konzeptionslosen Gelaber“. © Diogenes Verlag

Wie kann man die Waschbrettillusion aufrechterhalten, wenn die Badehose nicht sitzt? Bei Badehosen kann man nur alles falsch machen. Neonorange geht gar nicht. Darin sind sich die Gentlemen einig. Man möchte sie sich in dieser Bekleidung nicht vorstellen. Denn was sie bei aller Unterschiedlichkeit verbindet, ist Stilgefühl, Eleganz, Geschmack. Und offenbar der Spaß am Palavern. Zu diesem Zweck trafen sie sich einige Male am Ostseestrand: Benjamin von Stuckrad-Barre, 45 Jahre alt, Pastorensohn und Popliterat, und Martin Suter, 72 Jahre alt, Bestsellerautor aus der Schweiz.

Der Titel ihres Buches „Alle sind so ernst geworden“ passt genau in die Zeit. Sie begegnen dem Gefühlsgrau mit Tiefsinn und höherem Nonsens und verbinden amüsantes Geplänkel mit bösem Spott. Wer Ablenkung sucht, ist hier richtig, und wird sich auch dann nicht unter Niveau langweilen, wenn sich der Schlagabtausch in die Länge zieht.

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Der Teufel als guter Freund

Das launige Plappern war für einen Podcast von Martin Suter gedacht. Die Druckfassung, die in dieser Woche erschienen ist, wurde von Verlegenheitsräuspern gesäubert. Dem Äähm ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Ist Äähm ein Unbeholfenheitsfüllsel oder die Gelenkflüssigkeit des Denkens? Suter vermutet, dass man mit der Silbe eine Denkpause verstopfen will, damit niemand reinspringt. Das Gegenüber wird ausgedribbelt, sagt Stuckrad-Barre. Die Frage ist ja sowieso, wie lange man Gescheites von sich geben kann oder ob es besser ist, gemeinsam zu schweigen, falls es das gibt …

Die Autoren kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurück. Da geht es um Ibiza, Hochzeiten und Madonna, um Gott und die Welt. Die Welt kommt etwas kurz weg und Gott nicht so gut. Benjamin von Stuckrad-Barre bekam wohl als Kind in Rotenburg an der Wümme „eine Überdosis von diesem ganzen Religionskram“ ab. Er spöttelt über die „Ernsthaftigkeitsdiktatur der Billigreime“ und will es dem anderen nicht durchgehen lassen, dass er Gläubige um ihren Glauben beneidet. Damit stilisiere man sich selbst zu einem Gequälten. Martin Suter, der seine erste Karriere als Kreativdirektor einer Werbeagentur erlebte, empfiehlt der Kirchenwerbung viel mehr Katholisches. Im Übrigen verbünden sich beide lieber mit dem Teufel, „das ist unser Job“.

Von den Tricks beim Schreiben

Nur beiläufig reden sie von diesem Schreibjob. Sie schätzen den Wechsel zwischen den Genres. Der Romancier Martin Suter schreibt Songtexte in „Züritüütsch“. Erst mit 65 Jahren, sagt er, hat er den Beruf zum Hobby gemacht. Man erfährt, dass er selten einen Notizblock benutzt, seine Texte beim Schreiben nie laut liest und erst korrigiert, wenn sie fertig sind. Dass Trinken dabei nicht hilft. Mundharmonika aber auch nicht. Suter erzählt, dass er das Instrument lernte aus den üblichen Mädchen-beeindrucken-wollen-Gründen. Leider konnte er nicht davon leben. Seitdem verfasst er Kolumnen aus der Business-Class. Der nächste Band „Nachts im Chalet Nevada“ erscheint im Januar.

Der Schriftsteller feiert seit Jahren Erfolge mit seiner Reihe um den edlen Kunstdetektiv Johann Friedrich von Allmen – großartig mit Heino Ferch und Samuel Finzi verfilmt – und steht mit Romanen wie „Elefant“ oder „Die Zeit, die Zeit“ zuverlässig auf jeder Bestenliste. Nur weil der Schweizer dauernd von Kameras umringt sei, suche er dessen Nähe, frotzelt Stuckrad-Barre. Tatsächlich benutzt er den anderen als Sparringspartner. Die Anteile am Gespräch sind so ungleich verteilt wie die Temperamente. Der eine wirkt zurückhaltend-melancholisch, der andere explodiert ständig. Manchmal öffnen sich Abgründe zwischen den Albernheiten. So mopsfidel ist es ja doch nicht.

Benjamin von Stuckrad-Barre gibt die Richtung der Gespräche vor mit dem, was er am liebsten tut. Er redet von sich. Nein: Er reißt sich das Hemd auf, bekennt und beichtet wie zuletzt im Buch „Panikherz“. Ungehemmt spricht er über seine Drogensucht und den Aufenthalt in einer Entzugsklinik, über die neue Liebste und die bedauerliche Unfähigkeit, Rechnungen zu bezahlen. „Ernst wird geguckt, ernst genommen aber gar nix.“

Auch ein Moment der Missstimmung

Stuckrad-Barre gefällt sich am besten, wenn er hehre Institutionen angreift. Er nennt die Bonner Republik eine „Herrengedeckklapsmühle“ und verortet die internationale Autorenvereinigung PEN geistig in Krefeld, was nicht nur Krefelder empören wird. Seine Seitenhiebe auf Brechts Theaterstücke und den politischen Grass überraschen nicht, sie gehören zum bösen Ton.

Aber weil er gerade am Austeilen ist, trifft er Suter gleich mit durch eine Sprachkritik – ein Moment der Missstimmung. Stuckrad-Barre versucht, sich durch einen Redeschwall darüber hinwegzuretten. Auf der Bühne knistert plötzlich die Realität. Das Zweipersonenstück zeigt Literaten, die Dandy spielen und Spaß daran haben, dem Schnösel-Klischee zu entsprechen. Der eine mehr, der andere weniger.

Martin Suter, Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden. Diogenes Verlag, 258 Seiten, 22

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