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Wie ein Star-Reporter an der Stasi scheitert

Alexander Osang soll über die rätselhaften Ostdeutschen schreiben. Er versucht es, stolpert aber über die Staatssicherheit der DDR.

Alexander Osang erhielt für seine Reportagen mehrfach den Egon-Erwin-Kisch-Preis und den Theodor-Wolff-Preis.
Alexander Osang erhielt für seine Reportagen mehrfach den Egon-Erwin-Kisch-Preis und den Theodor-Wolff-Preis. © Aufbau/Felix Rettberg

Alexander Osang wird die letzten Worte seines Vaters nicht vergessen. „Pass auf, dass du nicht verrohst.“ Zwei Tage später, im Sommer 2017, stirbt er. Der Vater verzeiht seinem Sohn einen Text nicht, den er 1991 für die Berliner Zeitung geschrieben hatte. Eine Betrachtung über Vaters Cousin, der sich vor einen Zug geworfen hatte, weil sein Arbeitsplatz abgewickelt worden war. Der Vater wirft Osang vor, den Cousin „für eine billige Kapitalismuskritik missbraucht zu haben“.

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Im neuen Buch „Fast hell“ denkt der mehrfach preisgekrönte Reporter und Autor des „Spiegels“ über Glanz und Elend seines Berufes nach. Er reflektiert kritisch die eigene Rolle. Nicht zum ersten Mal. In „Wo warst du?“ fühlte er sich als Vampir und Wegelagerer, der in das Leben fremder Menschen einbricht, ihnen das Blut aussaugt, um hinterher über sie zu schreiben. Nun wird Osang noch deutlicher. „Ich baute meine Karriere auf der ostdeutschen Trümmerlandschaft auf. Ich beschrieb die Gestrauchelten, die Enttäuschten, die Betrogenen.“ Er hatte dabei oft das flaue Gefühl, ungerecht zu sein. In seinem Leben dreht sich „fast alles darum, sehr viel sehr schnell zu tun“. Manchmal gewinnt er den Eindruck, sich selbst zu überholen. „Fast hell“ jedoch ist Osangs Reise zu sich selbst und in die jüngste deutsche Geschichte, zu ihren hellen und dunklen Seiten. Sein persönlichstes Buch. Aber Vorsicht! „Alles ist genauso passiert, soweit ich mich erinnere.“ Heißt es vielsagend.

Das FDJ-Hemd unter der Jacke

Osang, Jahrgang 1962, begreift früh, dass es besser ist, nicht immer zu sagen, was er denkt. „Ich hielt meine offizielle und meine private Welt getrennt, wie ich es gelernt hatte.“ Er ist Katholik und Ministrant an der St. Josefs-Kirche in Berlin-Weißensee. Er wächst im Stadtbezirk Prenzlauer Berg auf, geht dort zur Schule, wird Pionier und FDJler. Weder Klassenlehrerin noch Kaplan wissen von seinem doppelten Spiel. Bis es rauskommt, weil im Religionsunterricht das FDJ-Hemd unter seiner Jacke entdeckt wird. Als Kirchenjunge darf er nicht auf die Erweiterte Oberschule, beginnt eine Berufsausbildung mit Abitur, wird Mechaniker. Nach 18 Monaten NVA-Wehrdienst bewirbt er sich hinter dem Rücken der Eltern fürs Journalistikstudium in Leipzig. Er bekommt den Platz, weil er „ein junger Arbeiter war“. Gut, wer sich in der verzwackten DDR-Dialektik auskennt.

Osang erinnert sich: Zweimal versucht ihn die Stasi anzuwerben, beide Male sagt er nein. In der Partei war er nie, obwohl er während des Studiums den Antrag als Kandidat der SED gestellt hatte. Während einer Party im Wohnheim ließ er es an „revolutionärer Wachsamkeit“ fehlen, und ihm drohte der Uni-Rausschmiss. Osang fügt sich, er möchte ja zur Zeitung, schreiben und reisen. „Es war der moralische Tiefpunkt meiner Jugend“, bekennt er. Bis 1999 arbeitet er als Chefreporter der „Berliner Zeitung“.

Deutschland-Analysen aus dem fernen Israel

Danach wechselt er zum Magazin „Der Spiegel“, berichtet acht Jahre aus New York. Von der Stadt hatte er als Junge geträumt. Er ist glücklich dort. Aber irgendwann versteht er, dass es nur ein Fluchtort ist, „dass ich eigentlich kein Zuhause hatte“. Als ihm bewusst wird, ein „heimatloser Weltreisender“ zu sein, kehrt der dreifache Vater mit der Familie nach Berlin zurück. Später geht er mit seiner Frau, der Journalistin Anja Reich, für einige Zeit nach Israel. Bis 2020 leben und arbeiten sie in Tel Aviv, haben ein Haus in Jaffa.

Im Mai 2019 bittet ihn der „Spiegel“ um ein Porträt von Angela Merkel. Das Hamburger Magazin plant ein Sonderheft zum 30. Jahr des Mauerfalls über die „rätselhaften Ostdeutschen“. Doch Osang schlägt einen gewissen Uwe vor, einen „ostdeutschen Weltbürger“, der in China studierte, in Amerika dolmetschte, in Hongkong schmuggelte. Uwe ist schwul, glatzköpfig, hat ein Händchen für Immobilien und leidet an seinen unglücklichen Liebesbeziehungen. Regelmäßig besucht er seine resolute und betagte Mutter in Berlin-Biesdorf.

Ein poetischer Einfall Osangs bildet die Klammer des Buches, das im Stil einer Erzählung geschrieben ist. Per Schiff reisen Autor, Uwe und dessen Mutter nach St. Petersburg. Erleben die Weißen Nächte, fast hell und trügerisch, „so wie die Nachwendejahre“. An den alkoholreichen Abenden erzählt Uwe seine Geschichte. Sie endet mit einem Knall. Er war bei der Stasi, die Akte ist vernichtet, das hatte ihm der Führungsoffizier versichert. Nach etlichem Hin und Her mit der Redaktion und vielen Nachfragen aus dem Ressort Dokumentation entscheidet Osang, die Story nicht im „Spiegel“ zu veröffentlichen. Was er erzählen wollte, eignet sich nicht für das Magazin. „Ein Leben jenseits der Akten und Erwartungen, der Denunzianten und der Verwalter ostdeutscher Geschichte. Bunt, ungezügelt, voller Sehnsucht und Lust.“

Ein letzter Besuch bei Peter Schreier

Uwe, davon darf man ausgehen, ist eine fiktive Figur. In ihm bündelt Osang Schicksale, die er so oder ähnlich erfahren hat, und verwebt sie mit seiner Biografie. Eine Reihe interessanter Nebenfiguren bereichern das bunte, anekdotenhafte Geschichtspanorama. So Uwes wilde und schöne Tante, die im Kofferraum des Autos eines argentinischen Botschafters nach Westberlin flüchtet. Manche Personen wie Kammersänger Peter Schreier, Autor Heiner Müller oder der legendäre Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski kommen mit ihren realen Namen vor.

Andere wie Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, Schauspieler Ulrich Mühe oder der langjährige Moderator und Herausgeber der „Berliner Zeitung“ Erich Böhme werden so exakt beschrieben, dass man sie auf Anhieb erkennt. Mit anderen Figuren ist es schwerer. Uwes kommunistischer Großvater Hans, der beste Beziehungen zu Margot Honeckers Familie Feist pflegt, ist privilegierter Schauspieler am Deutschen Theater, er spielte Hunderte Male Lessings Nathan. Wer sucht, kommt Osang auf die Schliche. „Hans“ ist die Verknüpfung von Eduard von Winterstein und dessen Sohn Gustav von Wangenheim, beide Darsteller am DT.

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Alexander Osang gewann in den letzten Jahren den Eindruck, dass Ostler im Westen oft bestraft werden, wenn sie das neue politische System skeptisch sehen. Westler strichen ihm verständnisvoll über den Kopf, wenn er seine frühen, eher peinlichen Artikel aus der DDR erwähnte, „aber sie wurden dünnhäutig, wenn ich ihre gute alte Welt in Unordnung brachte“. Ach ja, wir rätselhaften Ostler. „Ich denke, der Westen fürchtet am meisten das Ungezügelte und Unberechenbare in uns“, meint der Autor. Das Leben der anderen Ostler hat ihm geholfen, sein eigenes besser zu verstehen – und heimzukommen.

Alexander Osang: Fast hell, Aufbau-Verlag, 237 Seiten, 22 Euro

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