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Was Peter Maffay über Angela Merkel denkt

Der Deutschrocker hat Schwierigkeiten mit der anstehenden Bundestagswahl, zugleich jetzt die persönlichsten Songs seiner Karriere veröffentlicht.

Erst Ende August hatte Peter Maffay drei Konzerte hintereinander in der Dresdner „Jungen Garde“ gegeben. Am Freitag veröffentlicht er nun ein neues Album.
Erst Ende August hatte Peter Maffay drei Konzerte hintereinander in der Dresdner „Jungen Garde“ gegeben. Am Freitag veröffentlicht er nun ein neues Album. © dpa-Zentralbild

Kein Witz: Nach einem halben Jahrhundert im Geschäft hat Peter Maffay jetzt ein sehr persönliches Album aufgenommen. Auf „So weit“ erzählt der Musiker vom Leben und vom Sterben, von Triumphen und Tiefschlägen, und das alles musikalisch so intim und schlicht gewandet, dass es wirklich nahegeht.

Wir unterhielten uns mit dem 72-Jährigen, der mit seiner Partnerin Hendrikje Balsmeyer, der gemeinsamen Tochter Anouk (2) und dem 18-jährigen Yaris aus einer früheren Beziehung in Tutzing am Starnberger See lebt, ganz klassisch am Telefon.

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Herr Maffay, wird Angela Merkel Ihnen fehlen?

Ja, das wird sie definitiv. Eine Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nicht ohne Weiteres ersetzbar. Sehr vieles, was sie gemacht und entschieden hat, war richtig und gut. Immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist in der Politik genauso unmöglich wie im Leben. Es gibt auch Etliches, was man kritisch betrachten muss. Aber grundsätzlich war Angela Merkel über viele Jahre eine ausgleichende Persönlichkeit und eine gute Bundeskanzlerin.

Und jetzt? Wer soll Merkel nachfolgen?
Ich wünsche mir als Bundeskanzlerin oder als Bundeskanzler jemanden, der oder die soviel Autorität, so viel Gewicht mitbringt in dieses Amt, wie wir brauchen, um unsere Gesellschaft auf Kurs zu halten. Im Augenblick habe ich Schwierigkeiten, mir von den drei zur Auswahl stehenden Personen jemanden vorzustellen, der oder die das kann. Wir bräuchten eine Persönlichkeit, die auch diejenigen Menschen bindet, die ein anderes Parteibuch haben. Jemanden, der in der Lage ist, die Nation zu einen und zu führen. Ich wünsche mir eine Person an der Spitze, die sagt: „Ich vertrete alle Deutschen“. Von so einem Kaliber gibt es in Deutschland nicht sehr viele.

Peter Maffay mit seiner Lebenspartnerin Hendrikje Balsmeyer in seiner Geburtsstadt Brasov in Rumänien.
Peter Maffay mit seiner Lebenspartnerin Hendrikje Balsmeyer in seiner Geburtsstadt Brasov in Rumänien. © dpa

Da Sie Armin Laschet freundschaftlich verbunden sind, sind Sie in der Frage, wer es denn werden soll, wahrscheinlich etwas befangen, oder?
Armin ist jemand, der es versteht, verschiedenste Positionen an einem Tisch zu vereinen und die Lösung im Kompromiss zu suchen. Ich halte ihn für einen sehr bodenständigen, verantwortungsvollen Menschen. Ich glaube aber, dass man ziemlich viel Kraft mitbringen muss, um die Erosionen in unserer Gesellschaft zu stoppen. Wenn er Bundeskanzler würde, wäre es wichtig, dass man die Eigenschaft des Kämpfers verstärkt an ihm erkennt.

Im Moment ist Olaf Scholz der Favorit. Ihrer auch?
Olaf Scholz ist nach meiner Wahrnehmung ein überlegter und erfahrener Mensch. Ich schätze ihn als Person sehr. Er hat nur das Manko, das Armin übrigens auch hat, dass seine Partei enorm an Substanz verloren hat. Weder die SPD noch die CDU ist heute die Volkspartei, die sie einmal war. Deshalb bin ich skeptisch.

Bleiben die Grünen, bleibt Annalena Baerbock.
Die Grünen sind für mich eine denkbare Alternative, wenn sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und wenn in der Partei Einigkeit herrscht. Im Moment sieht es ja so aus, als wären diese Bedingungen erfüllt. Und bevor Sie fragen: Markus Söder sehe ich überhaupt nicht als Alternative.

Ihr neues Lied „Odyssee“ haben Sie dem ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi gewidmet, dessen Foto vor einigen Jahren um die Welt ging. Jetzt geht Afghanistan unter. Was empfinden Sie, wenn Sie die Nachrichten sehen?
Ich bin ein paar Mal in Afghanistan gewesen, Ende der Siebziger schon war ich etwa in Peschawar, später haben wir in Kabul ein humanitäres Projekt ins Leben gerufen. Ich bin schockiert über das Ausmaß des Rückfalls. Ich dachte, dass das Land nach den Auseinandersetzungen mit Russland und den USA zu einem gewissen inneren Frieden finden würde und dass der Einfluss von außen die Gesellschaft stärkt. Was wir jetzt erleben, ist das Gegenteil. Man könnte die Situation auch umschreiben mit „Alles für die Katz“. Das ist ungeheuer frustrierend.

Im Dezember 2019 besichtigte Peter Maffay das Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, wo er 2020 spielen wollte. Durch Corona fiel das Ganze zunächst aus und wurde nun als Dreier-Konzert in der "Garde" nachgeholt.
Im Dezember 2019 besichtigte Peter Maffay das Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, wo er 2020 spielen wollte. Durch Corona fiel das Ganze zunächst aus und wurde nun als Dreier-Konzert in der "Garde" nachgeholt. © © by Matthias Rietschel

Kann man da noch irgendwas machen?
Ich habe auch keine Antwort. Außer vielleicht, dass man einsehen muss, dass alle Absichten, dieses Land in eine bestimmte Richtung zu begleiten oder auch zu drängen, zu nichts führen. Man kann die eigenen Systeme nicht einfach jemand anderem überstülpen und denken, das wird schon passen. Wir wissen zu wenig über Tradition und Kultur in diesem Land. Im Augenblick sieht es so aus, als würde Afghanistan versinken. Fragt sich nur, wie tief. Dass der Westen das Land praktisch aufgibt, mag folgerichtig sein und ist dennoch ein trauriges Kapitel. Ich habe relativ viele afghanische Freunde, oft mit Familienangehörigen im Land. Denen blutet das Herz angesichts dieser Katastrophe.

Sie selbst haben ab Ende August nach langer Durststrecke endlich mal wieder einige Konzerte in Deutschland und der Schweiz, allein dreimal in Dresden gespielt. Wie war es?
Wunderschön. Doch jetzt müssen wir uns endlich auf verbindliche und längerfristige Konzepte einigen.

Also auf Konzerte nur für Geimpfte und Genesene?
Anders wird es nicht gehen. Das muss das Modell sein für die nahe Zukunft. Im Sport funktioniert das ja auch. Der sechstgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland leidet immens. Viele von uns stehen längst mit dem Rücken zur Wand, einige sind bereits durchs Raster gefallen. Die Situation ist brutal. Es wäre fantastisch und extrem wichtig, wenn wir wieder in eine gewisse Normalität zurückfinden könnten.

Ihnen selbst ist das bereits mit Ihrem neuen Album gelungen. Ohne Corona gäbe es jetzt kein „So weit“.
Das ist richtig. Wir konnten nicht live spielen, und ich hatte die Wahl, entweder weiterzumachen oder alles runterzufahren. Ich habe die Verantwortung für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, also entschied ich mich, den Laden quasi offen zu lassen. Und machte aus einer schwierigen Situation etwas, wie ich finde, Besonderes.

2018 war Peter Maffay Gast beim Adventskonzert des Dresdner Kreuzchores.
2018 war Peter Maffay Gast beim Adventskonzert des Dresdner Kreuzchores. © Robert Michael

„So weit“ ist ein sehr ruhiges, persönliches und total intimes Album. Wie ist es entstanden?
Ich hatte noch viele, teilweise fünf, sechs Jahre alte, Demoskizzen von Songs, die ich nicht aufgenommen hatte. Ich entschied mich, möglichst eng an den reduzierten Ursprungsversionen zu bleiben. Das Album sollte mein Fingerabdruck eines ganz bestimmten Zeitabschnitts sein. Der einzige Musiker, der neben mir dabei ist, ist mein Kumpel und Multiinstrumentalist JB Meijers. Wir haben alles zu zweit in meinem Studio eingespielt. Das war für mich eine enorm schöne, kreative und befriedigende Arbeit. Die Songtexte habe ich dann parallel zu den Musikaufnahmen mit Johannes Oerding und seinem Kreativpartner Benni Dernhoff geschrieben. Wir können einfach sehr gut miteinander arbeiten, die beiden schreiben wunderbar feinfühlig.

Die Lieder drehen sich zum Großteil um den Kreislauf des Lebens. Denkt man mit 72 mehr über seine bisherige Zeit auf Erden nach als etwa mit 32?
Ja, natürlich. Der Radius hat sich durch Corona stark verkleinert, ich bin sehr viel mit meiner Familie zusammen gewesen, und das hat dazu geführt, dass ich dieses Leben auch in meinen Texten wiederfinden wollte. Ich hatte Zeit, über ein paar Dinge nachzudenken und die philosophischen Quintessenzen meiner Überlegungen in die Lieder einfließen zu lassen.

Man kommt Ihnen auf dieser Platte so nah wie nie. Auch Ihre Stimme sticht stärker heraus.
Ich wollte mir selbst so nah wie möglich kommen. Ich mag besonders die Unvollkommenheit der Aufnahmen, etwa, wenn ich selbst Piano spiele auf „Wann immer“. JB hätte das sicher besser gekonnt, aber er meinte: „Das wirst du spielen“. Also habe ich mir die Finger beim Üben wundgespielt und zunehmend Spaß daran gefunden.

„Wann immer“ ist eine Liebeserklärung an Ihre Tochter Anouk, die im November drei Jahre alt wird.
Genau. Zur Taufe von Anouk jetzt Anfang August in einer kleinen Kirche in Dietlhofen hat meine Partnerin Hendrikje mich gebeten, „Wann immer“ zu spielen. Also habe ich mich gequetscht und dieses Lied so eindringlich wie möglich für unsere Kleine gesungen. Das war ein sehr intensiver, sehr schöner Moment.

Vom anderen Ende des Lebenskreislaufs erzählen Sie in „Wenn wir uns wiedersehn“, dem berührenden Lied für Ihren Vater Wilhelm, der im Mai im Alter von fast 95 Jahren gestorben ist.
Das ist für mich vor allem ein tröstliches Lied voller Dankbarkeit und Liebe. Wir wussten, was kommt, sein Tod zeichnete sich lange ab. Ich hatte Zeit, über die Worte nachzudenken, die ich ihm sagen wollte.

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Im Titelsong „So weit“ geht es allerdings um die Täler in Ihrem Leben.
Ja, ich habe Brüche erlebt. Ich bin ein paar Mal ordentlich gegen die Wand gebrettert, doch das habe ich überstanden. Der liebe Gott hat mir eine ziemlich stabile gesundheitliche Verfassung geschenkt. Ich erlebe gerade einen kleinen Menschen, so wie ich es noch nie erlebt habe. Ich habe einen Sohn, Yaris, der jetzt 18 ist, überwiegend bei uns lebt, auch Musiker werden möchte, und den ich über alles liebe. Ich bin zusammen mit einer schönen, jungen, intelligenten Frau. Also, was soll ich sagen, das Leben hat es gut mit mir gemeint.

Das Interview führte Steffen Rüth.

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